Man stelle sich vor, Oskar Lafontaine wäre noch aktiver Politiker, nicht nur aktiver Memoirenautor. Dann hätte es dieses Jahr kein Sommertheater gegeben. Oder das Sommertheater in der SPD wäre bitterer Ernst geworden, ein Machtkampf mit offenem Ausgang. So aber fehlt den Kanzler-Kritikern der Kopf.

Es mangelt ihnen an Statur, Einfluss und Entschlossenheit. Ihre Kritik am Regierungskurs birgt für Gerhard Schröder kein ernsthaftes Risiko. Vor allem aber mangelt es den Kritikern an einer politischen Alternative, die sie ins Feld führen könnten. Lafontaines bittere Erinnerungen werden diese Lücke nicht schließen. So bleibt alles nur Sommertheater.

Nicht ganz. Denn das laute, halbernste Hin und Her der letzten Wochen ist nur das Vorspiel eines schwierigen Herbstes für die Koalition. Die Regierung wird sich mit den sachlichen Problemen ihrer Sanierungsanstrengungen herumschlagen müssen

das und eine Serie von Wahlniederlagen werden alle Bemühungen begleiten. Dass diese Niederlagen kommen, gilt in der SPD als sicher. Nur über das Ausmaß der Stimmenverluste wird noch spekuliert. In der Kritik der wahlkämpfenden Landespolitiker am Kurs der Regierung liegen vorsichtshalber schon jetzt die Schuldzuweisungen für den Wahlabend parat. Verliert die SPD im Herbst in den neuen Ländern weiter an Boden, verliert sie darüber hinaus vielleicht gar die Macht im Saarland und in einigen Hochburgen Nordrhein-Westfalens, dann allerdings stünde dem Kanzler wohl doch noch die Machtprobe bevor.

Ganz unverdient käme sie nicht. Gerhard Schröder selbst hat im Wahljahr jene Erwartungen befördert, deren Enttäuschung die Wähler jetzt mit Sympathieentzug quittieren. Wer erinnert sich nicht an die kleinen Scheckkarten, auf denen die Wohltaten notiert waren, die im Falle des Wahlsieges unters Volk gestreut werden sollten. Nicht der Modernisierer, der Traditionalist Schröder hat am Ende die Macht erobert. Oder, ein wenig wohlwollender formuliert: Schröder hat das Versprechen perfekt inszeniert, liberale Modernisierung und sozialdemokratische Tradition ließen sich schmerzfrei und widerspruchslos in Regierungspolitik verwandeln.

In dieser Illusion, eher als in der Hinterlassenschaft der Kohl-Jahre, steckt die "Erblast", von der jetzt immer wieder die Rede ist, wenn unpopuläre Entscheidungen begründet werden sollen. Sowohl die Partei als auch ihre Wähler sind auf die Kehrtwende denkbar schlecht vorbereitet. Mit den Worten des Regierungssprechers ließe sich sagen: Sie sind vom neuen Kurs "ihrer" Regierung einfach "not amused".

Das spricht nicht unbedingt gegen den Kurs. Wer vor einem Jahr versuchte, eine verantwortliche Politik zu skizzieren, konnte wissen, dass auch eine SPD-geführte Regierung nicht sehr viel anders, wohl nur entschlossener als ihre "neoliberalen" Vorgänger würde handeln müssen.