Grelle Scheinwerfer beleuchten mitten in der Nacht ein Maisfeld. Davor steht ein RTL-Reporter und erzählt, der Mörder von Remagen werde jetzt gleich verhaftet. Über ihm knattert ein Hubschrauber, ausgerüstet mit Wärmebildkamera. 150 Polizisten streifen durch das Feld, immer bereit, ihre Maschinenpistolen leer zu feuern. Sie jagen einen Mann, der nach Polizeiangaben einen mitleiderregenden Eindruck macht, einen ausgemergelten Pennertypen, der mit seinen 57 Jahren nicht mehr besonders schnell laufen kann. Einen Mann, der nach Überzeugung der Fahnder seit Wochen im Wald gelebt hat und der deshalb am Ende seiner Kräfte sein muss - zumal er vor kurzem auch noch eine stark blutende Wunde im Unterleib erlitten hat, als er ein 15 Jahre altes Mädchen vergewaltigen wollte, das sich heftig wehrte. Dieser Mann, den alle suchen, heißt Dieter Zurwehme. Die Frage, in welchem Wald er sich gerade versteckt, ist die meistgestellte dieses Sommers. Aber das eigentliche, das viel größere Rätsel ist ein anderes: Wieso schafft es die Polizei trotz High-Tech-Ausrüstung und modernster Fahndungsmethoden über Monate hinweg nicht, diesen Zurwehme aufzuspüren?

Um jemanden zu kriegen, müssen wir erst mal eine Spur aufnehmen, sagt Albert Weber, der beim Landeskriminalamt in Mainz eine mobile Einsatzgruppe leitet, die nach Zurwehme sucht, ihn aber vor lauter Bäumen nicht sehen kann.

Und das meint Weber durchaus wörtlich: Im Moment ist alles belaubt, da sehen Sie nichts vom Hubschrauber aus. Ein Haus in der Stadt, das sei eingrenzbar und leicht zu umstellen. Die Wälder in Deutschland dagegen dehnen sich viele Kilometer weit aus, alle Spuren verlieren sich auf irgendwelchen Holzwegen.

Und schon ein 350 mal 250 Meter großes Maisfeld, wie das bei Hespe in Niedersachsen, wird für die Fahnder schnell zum Dschungel, aus dem ein naturverbundener Kerl wie Zurwehme sich leicht fortschleichen kann. Das hat vor allem mit der Zeit zu tun, die vergeht, bis die Absuche der Maiskolben beginnt. Vorher nämlich muss erst die Anwohnerin befragt werden, die Zurwehme erkannt haben will: Was genau hat die Zeugin gesehen? Wie sah der Gesuchte aus? Was hatte er an? Solche Fragen dauern. In diesem Fall knapp fünfzehn Minuten. Danach fahren die ersten Streifenwagen auf. Aber bis alle da sind, dauert es wieder. Falls Zurwehme wirklich in dem Feld sitzt und nicht gerade schläft, kann er die Autos sehen und fliehen. In Hespe bleiben ihm ziemlich genau dreißig Minuten, die zwischen seiner Begegnung mit der Frau und dem Umstellen des Maisfeldes vergehen. Genügend Zeit, um wieder einmal in einem nahe gelegenen Waldstück zu entkommen.

Aber versteckt er sich dort tatsächlich? Im Wald bei Hespe? Im Grunewald von Berlin? Im Thüringer Wald? Oder in einem der vielen anderen Wälder, in denen überall Zecken beißen, Mücken stechen, Ameisen ihre Säure ausschütten? Kann ein Mensch sich überhaupt über Wochen und Monate hinweg in freier Natur aufhalten, den Morgentau trinken, sich von Beeren und Maiskolben ernähren, dabei unbemerkt bleiben von Förstern, Wanderern und Pilzesammlern?

Es gibt Menschen, die können das. Vor vier Jahren fielen rumänische Diebesbanden in Deutschland ein, die während ihrer wochenlangen Beutezüge ausschließlich im Wald lebten. Mit gestohlenen Kettensägen und Vorschlaghämmern hoben sie dort Gruben aus. Deckten sie mit Baumstämmen ab.

Legten Drahtgeflechte darüber. Und streuten auf dieses Dach zuletzt eine zentimeterdicke Schicht aus Laub und Erde. Über diese Erdverstecke konnten Spaziergänger laufen, ohne sie zu bemerken. Die Bewohner schliefen tagsüber in dem Lager. Nachts zogen sie los, brachen in Geschäfte und Wochenendhäuser ein, in Vereinsheime und Gartenlauben. Dort stahlen sie nicht nur Geld, sondern auch Kleidung und Lebensmittel. Das funktionierte zunächst so gut, dass immer neue Banden einfielen. Allein im Jahr 1995 begingen sie mehr als 10 000 Einbrüche und Diebstähle. Auch damals mähte die Polizei Maisfelder, durchkämmte Wälder, flog mit Suchhubschraubern durchs Land. Mit Erfolg: Im Jahr 1996 wurden 2000 Bandenmitglieder festgenommen, in den deutschen Wäldern kehrte wieder Frieden ein.