Stell dir vor, es wird Abend, und keiner geht aus. Mom sitzt gemütlich im Sessel, Dad auf dem Sofa dahinter, im Vordergrund zwei Kinder, hingestreckt auf Knien und Ellenbogen. Sanft, ganz sanft färbt das Licht eines Fernsehers die Gesichter arsenblau. Ist das nicht wunderbar? Ist das nicht grausam?

Randy Newman verrät es nicht. Auch auf Bad Love, seiner ersten Platte seit elf Jahren, bleibt er ein Mann der prekären Idylle, die keine Begründungen braucht. Die Welt ist, wie sie ist, seht sie euch an! So wächst man auf in Amerika, dem Land der Freien, und so geht es weiter, von Generation zu Generation: lauter lammfromm Sedierte, Vorstadtbewohner in gepolsterten dream homes, Mittelschichtscowboys, die anderen Leuten beim Leben zuschauen, mit Kind und Kegel versammelt um ein elektronisches Lagerfeuer. Wenn dies nicht die Hölle ist, dann muss es das Glück sein. Denn "this is my country - thank you, Jesus!" Zynisch ist Randy Newman für solche Genrestückchen genannt worden, doch ein gnadenloser Geißler menschlicher Schwächen und rabenschwarzer Übersatiriker ist er gerade nicht. Er mag die Figuren, mit deren Stimme er spricht, die doofen Daddys und Good Old Boys - er ist selbst einer von ihnen. Neulich wurde er 56, lebt als Familienvater in einem Haus über den Dächern von Los Angeles, da wirft man nicht mit Steinen. Wenn doch plötzlich Gift einsickert in die Idylle, das stille Blatt unter der Hand sich wendet, hat dies mit Mächten zu tun, die wie gegen den Willen des Sängers operieren. Dann kann es passieren, dass die Hand am Klavier noch perlend Honky-Tonk spielt, aber der Mund Andeutungen zu machen beginnt: Einsamkeit, Vorurteile, Spuren übler Nachrede. Ein Flüstern im Subtext. Und plötzlich herrscht wieder Ärger im Paradies.

Der größere Teil der Menschheit nämlich hat Newman seine Art, sie zu mögen, nicht gedankt. Sie nahmen den Pathologen für den Dichter, als er anno 77 mit verstellter Stimme vor sich hinträumte, was Durchschnittsamis im Stillen von Kleinwüchsigen denken: "Short people got no reason, short people got no reason - to live". Und sie nahmen den Bauchredner für einen politischen Kopf, als er in einem meisterlichen Songzyklus das Idiom stiernackiger Südstaatler kopierte. Umgekehrt krähte Newman 1983 auf seinem Album Trouble in Paradise so hysterisch fröhlich I Love L. A., dass die Bewohner dieser Stadt jeden Unterton überhörten und den Song anlässlich der Olympischen Spiele zur Lokalhymne erhoben. Kuriose Missverständnisse einer komplizierten Karriere, freilich - so ist das im Paradies - selbst verschuldete. Randy Newman möchte den amerikanischen Traum weiterträumen und gleichzeitig sanft daraus erwachen, er möchte geliebt werden für seine Vaterlandshymnen - und sabotiert sie zutiefst.

Bis heute. Bad Love ist ein Konzeptalbum über Liebe, eine leicht bösartige Variante davon, die sanft anfängt und plötzlich hart zuschlägt. Hockt ein reicher Typ in New Orleans und vernarrt sich in eine Schönheitsqueen vom College, süße 19 Jahre. Weil ihm gerade nichts Besseres einfällt, erzählt er ihr von seinen Problemen mit der Prostata: Kannst du dir vorstellen, wie das beim Pissen wehtut? "I have my doubts, Missy!" Kommen die "Great Nations of Europe" einhergesegelt auf ihrem Weltbeglückungstrip nach Kolumbus, und was bringen sie? Nicht etwa die Zivilisation, sondern deren Krankheiten: Spreizfuß, Durchfall, Geschlechtskrankheiten und den ganzen Rest.

Boulevardesk heiter spielt die Musik auf zu dieser seltsam getarnten Anti-Imperialismus-Hymne im Kolonisatorengewand. Nein, mit Gewalt wird hier nichts serviert, es bleibt bei entertainerhaft vorgetragenen Angeboten, die Newman aus seinem Pianoärmel schüttelt. Bloß ein einziges Mal wird er laut, lässt ein Rockriff krachen und doppelt gehärtete Queen-Gitarren im Hintergrund aufheulen. Dann wird plötzlich klar, dass Bad Love auch ein Album über das Altern im Showgeschäft ist: 30 Jahre auf der Bühne, im Grunde nichts mehr zu sagen, singt, ja hechelt der Sänger. Aber die Familie, das Geld, der Status - "I'm dead, but I don't know it!" Gemein? Aber nein. Mr. Newman hat sich nur vorgestellt, wie es wäre, wenn. Das 30. Jahr im Business hat er selbst erst unlängst gefeiert ... Aber ein Schlafloser unter den Seligen, ein Halluzinist des Alltags ist er geblieben. Im schönsten Stück der Platte stellt Newman sich zu alteuropäischen, an Schubert erinnernden Klavierklängen vor, wie es wäre, wenn Karl Marx zu ihm nach L. A. käme, mitten auf einen Elternabend. Karl, der alte Stoffel aus Deutschland, würde gewiss große Augen kriegen, sähe er all diese Wahnsinnsfrauen, die jungen blonden Mütter, cornflakesgenährt und aerobicgestärkt, Prinzessinnen allesamt, nur leider durch die Bank verheiratet mit froschgesichtigen Knackern, die einfach nur Geld haben. Aber weißt du, Karl: "the world isn't fair!"

Ach, so ist das also, würde Marx sagen, und gemeinsam zögen die beiden in einen Hollywood-Sonnenuntergang, sich ein paar Schnäpse zu genehmigen.

Grotesk an Randy Newmans wunderbaren Slapstick-Visionen vom Glück ist zuletzt, dass er immer noch glaubt, sie seien mehrheitsfähig, die Amerikaner würden ihn dafür in den Olymp ihrer Volksdichter erheben. Nach Jahrzehnten als "Geheimtipp" müsste er es besser wissen, doch was soll er machen? In seinem Herzen bleibt er der dickliche jüdische Junge, der aus Ängstlichkeit mit den Stimmen anderer spricht. Er kann sie nachahmen, täuschend echt, doch er wird nie ganz sein wie sie. Deshalb glotzt er in der Maske eines traurigen Clowns mit Brille vom Plattencover herab: Küsst mich, ich bin ein verwunschener Prinz! Holt mich ab vor dem heimischen Fernseher!