Hamburg

Schön, schöner, am schönsten" - so haben wir es in der Schule gelernt. Aber es gibt noch eine stärkere Form der Steigerung: Schönerer, Georg Ritter von, geboren in Wien 1842, gestorben auf Schloss Rosenau 1921. Schönerer ist der Begründer des österreichischen Antisemitismus, der Vater der deutschnationalen "Heim ins Reich"-Bewegung und der geistige Lehrmeister von Adolf Hitler, der sich in Mein Kampf ausdrücklich bei Schönerer für dessen erleuchtende Ideen bedankt.

Wie sein Landsmann und späterer Schüler war auch Schönerer nicht zimperlich, wenn es um die Juden ging. So überfiel er am 8. März 1888 mit seinen Gesinnungsgenossen die Redaktionsräume des Neuen Wiener Tageblatts, weshalb er zu fünf Monaten schwerem Kerker, Aberkennung seines Adelstitels und seines Abgeordnetenmandats verurteilt wurde. Schönerer war auch - und das bringt ihn uns ein wenig näher - ein glühender Bismarck-Verehrer. Als er 1921 starb, erfuhr das Haus Bismarck zu seinem Schrecken, dass Schönerer testamentarisch den Wunsch geäußert hatte, in der Nähe des Reichsgründers zur letzten Ruhe gebettet zu werden. Ein politischer Wirrkopf neben dem Gründer des Deutschen Reiches in Friedrichsruh? Aber wohin mit dem ungeliebten Bismarck-Freund?

Irgendein großzügiger Spender sorgte damals dafür, dass dem österreichischen "Heim ins Reich"-Doktrinär der Wunsch erfüllt wurde, wenigstens nicht allzu weit entfernt von Bismarcks Gebeinen in deutscher Heimaterde begraben zu werden. In Aumühle bei Hamburg erhielt er auf dem Kirchhof ein Ehrengrab.

Dort liegt er in der Nähe eines anderen deutschen Reichskanzlers, des Großadmirals Dönitz.

Natürlich weiß inzwischen auch der zuständige Kirchenvorstand, wen er auf seinem Betriebsgelände zu liegen hat. Aber er sieht sich außer Stande, das Ehrengrab des Judenhassers endlich zu beseitigen. Denn im Gegensatz zu uns normalen Sterblichen, deren Gräber nach einer gewissen Zeit eingeebnet werden, steht Schöneres Endzeitparzelle unter besonderem vertraglichen Schutz. Kein Gebeinchen, kein Steinchen darf angetastet werden. So steht das irgendwo geschrieben, und der zuständige Bischof meint das auch. Ob er wohl weiß, dass Schönerer 1900 aus der Kirche ausgetreten ist, weil "der Stifter des Christentums als Sohn einer Rassejüdin und Nachkomme Davids kein Arier ist"?

Während in Berlin an zentraler Stelle und mit riesigem Aufwand eine Gedenkstätte für die vielen Millionen toter Juden errichtet wird, darf der Vater des Antisemitismus und Lehrmeister des Judenmörders Adolf Hitler in Aumühle weiterhin dem Jüngsten Gericht entgegenwarten in einem Prominentengrab, auf dem die Blumen niemals verwelken. Denn es gibt ja diesen Vertrag. Und wäre die Kirche noch glaubwürdig, wenn ihr Moral und Anstand wichtiger wären als alte Verträge? Das wäre ja noch schönerer!