Was war das für eine herrliche Aufregung, als sich die Bundesrepublik 1983 (erfolglos) und 1987 (mühsam) anschickte, ihre Einwohner zu zählen, ihre Arbeitsstätten, Fachhochschulabsolventen und mithelfenden Familienangehörigen in der Landwirtschaft aufzulisten!

Welch leidenschaftliche Debatten brachen da los, in denen feurige Rechtsanwältinnen und sorgenvolle Informatikprofessoren beherzt das Wort ergriffen! Was für wüste Verdächtigungen gab es gegen den Überwachungsstaat!

Erregende Schauer liefen manchem Rebellen den Rücken hinunter, als er seinen Volkszählungsbogen in einem heroischen Akt zivilen Ungehorsams zur autonomen Volkszählungsbögensammelstelle trug!

Jetzt fordert der Präsident des Statistischen Bundesamtes eine neue Zählung für das Jahr 2003. Die Wanderungsbewegungen nach der deutschen Wiedervereinigung und der Umbruch von der Industrie- zur Informationsgesellschaft, kurz: die Veränderung der Wirklichkeit mache sie notwendig.

Die Wirklichkeit hat sich wirklich verändert. In diesem Fall einmal zum Besseren. Es ist heute nahezu unvorstellbar, dass der Versuch des Staates, sich ein realistisches Bild von seinem Gemeinwesen zu machen - auf dass Schulen, Kindergärten, Wohnungen, Arbeitsbeschaffungsprogramme oder Kläranlagen sinnvoll geplant werden können -, noch einmal eine ähnliche Hysterie auszulösen vermöchte wie 1987.

Damals kam es zur letzten emotionalen Aufwallung jener Bewegungslinken, die vor allem im Angsthaben ihre Identität gefunden hatten: Angst vor dem Atomtod, den die Nachrüstung bringen würde

Angst vor dem Robbensterben, Angst vor dem (siehe oben) Überwachungsstaat et cetera. Doch wer die Geschichte der Bundesrepublik Revue passieren lässt, wird darin beim schlimmsten Willen nichts Totalitäres entdecken. Verschwörungstheorien über staatliche Schergen, die in den Kellern und Gewölben der Statistischen Landesämter anonyme Fragebögen für finstere Zwecke auswerten, klingen nur noch absurd.