Dass sich am Ende des Jahrhunderts ausgerechnet der Begriff der Kultur als geeignet erweisen sollte, die Subversiven und die Frommen, die Avantgardisten und die Abgehalfterten in den einst so genannten Geistes- und Gesellschaftswissenschaften unter einer neuen Losung zu versammeln, das ist eigentlich ein recht merkwürdiger Vorgang. "Kulturwissenschaften" - das Etikett verströmt hierzulande, wo einst im Namen der "Kultur" das höhere Eigene gegen das niedere Andere der "Zivilisation" ausgespielt wurde, einen muffigen Ruch. Die fröhliche Wissenschaft der cultural studies in Amerika und England - Vorbild für die deutsche Sammlungsbewegung - hat keine solchen schweren Hypotheken abzutragen. An ihren wertfrei-analytischen Kulturbegriff, nicht an den normativen der deutschen Tradition schließt an, wer hier und heute Kulturwissenschaft zu betreiben vorgibt. Jene Literaturwissenschaftler, Soziologen, Psychoanalytiker, Historiker, Ethnologen und Philosophen, die sich in stetig wachsender Zahl zum "Kulturwissenschaftler" umtaufen lassen, haben mit dem Chauvinismus des alten deutschen Kulturbegriffs nichts im Sinn.

Im Gegenteil, sie versuchen ja gerade, seinem Absolutismus zu entkommen: Sie sind radikale Relativisten, alles löst sich ihnen in ein Netz von Beziehungen, Wechselwirkungen, Einflüssen auf.

Die so genannten Kulturwissenschaften leiden an einem Paradox: Sie organisieren sich zwar um einen Begriff, der - anders als seine Vorgänger Geist, Mensch und Gesellschaft - nicht Identität, sondern Differenz betont.

"Kultur", sagt der Soziologe Dirk Baecker, "ist das, was sich an den Lebensweisen der Menschen unterscheiden lässt und in dieser Hinsicht mit den Lebensweisen anderer Menschen verglichen werden kann. Oder kürzer gesagt: 'Kultur' ist das, was unvergleichbare Lebensweisen vergleichbar macht." Aber ist es nicht merkwürdig, dass ausgerechnet um einen solchen vermeintlich zersetzenden, hoch subversiven Begriff herum eine neue Einheitswissenschaft entsteht, in der die Fachsprachen der verschiedensten Disziplinen zu einem eigentümlich normierten, transatlantisch hin und wieder gehenden Singsang verschmelzen?

Vielleicht ist das aber nur eine Phase, die bald schon vorüber sein wird.

Denn wer sich auf den Kulturbegriff einlässt, muss irgendwann bemerken, dass dieser Terminus "einer der schlimmsten Begriffe [ist], die je gebildet worden sind" (Niklas Luhmann). Warum schlimm? Dirk Baecker schildert das sehr eindringlich in seinem Essay: Was immer man tut - seit es den Kulturbegriff gibt, hat man dabei die Formel "Wie interessant!" im Nacken. Man malt ein Bild oder schreibt ein Gedicht, man betet, man wählt einen Beruf, man trinkt lieber Bier als Wein, man verliebt sich in eine Frau mit einem reizenden Sprachfehler - und immer steht dank des Kulturbegriffs ein Beobachter daneben (oft sogar man selbst), der daran etwas Interessantes zu finden vermag. Man braucht dann für all dies Gründe, und das wiederum verändert die Liebe, die Kunst, die Biografie und das Biertrinken.

Es wird auch die Kulturwissenschaften verändern: Denn wenn sie ihren Leitbegriff ernst nehmen, müssen sie feststellen, dass es sehr verschiedene Kulturen der Kulturwissenschaften gibt. Dietrich Harth, der sich selber noch altmodisch einen "Literaturwissenschaftler" nennt, liefert einige Beiträge dazu in seinem Buch Das Gedächtnis der Kulturwissenschaften. In dem Essay Vom Fetisch zum Drama? unternimmt er einen Gang durch die Vorgeschichte der wissenschaftlichen Kulturbetrachtung in Deutschland. Er erinnert daran, dass in den von Wilhelm Dilthey so getauften "Geisteswissenschaften" schon der Versuch vorliegt, "die Literaturwissenschaften in ein kulturwissenschaftliches System einzubinden". Harth schildert auch, wie die deutsche Kulturwissenschaft, allen voran die Germanistik, in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts bei der nationalistischen Instrumentalisierung ihres Konzepts endete. Im Kontrast zu diesem "bösen" normativen Begriff der Kultur erhält heute in Deutschland der "schlimme" Relativismus des analytischen Kulturbegriffs seine Anziehungskraft. Er macht das Eigene dem Anderen vergleichbar und verspricht, dass man selbst zur fatalen Geschichte, aus der man kommt und mit der man leben muss, bald sagen kann: "Wie interessant!"