Als Tinchen Tannenbaum endlich von der Vergangenheit eingeholt wurde, waren 35 Jahre vergangen, die sie sicherheitshalber im Bett verbracht hatte. Sie lebte in einem Altersheim, in Deutschland herrschte Frieden, und die SA zog nur für sie am Haus vorbei. Aber davon war sie nicht zu überzeugen. Sie hörte, was sie hörte: Und wenn Tinchen Tannenbaums Blut vom Messer spritzt, dann geht's noch mal so gut. Sie wusste nichts davon, dass sie das Lied abgewandelt hatte. Offenbar hatte sie das damals ganz persönlich genommen, und jetzt wartete sie darauf, abgeholt zu werden, ein Schicksal, dem sie zu jener Zeit, über die sie nie sprach, immer wieder mit viel Glück entronnen war.

In einer psychiatrischen Klinik kam sie in die Gegenwart zurück. Das Zimmer teilte sie mit einer einbeinigen Alten, die sich "Frau Müller aus den Ostgebieten" nannte und Mutter und mich jedesmal, kaum dass wir den Raum betreten hatten, gebieterisch zu sich heranwink- te: "Kommen Sie mal her!" Und wenn wir sie ignorierten, weil wir schon wussten, wie es weitergehen würde, wurde sie herrisch: "Herkommen, sage ich!" Wenn wir auch das ignorierten, zeigte die Alte anklagend mit dem Finger auf uns: "Was haben Sie hier zu suchen? Sie gehören doch gar nicht hierher!" Und wenn wir dann zusammen mit Tinchen das Zimmer verließen, rief sie uns entrüstet nach: "Sind das deutsche Menschen?"

Ignatz Bubis hat nicht aufgegeben, wollte "diese Ausgrenzerei weghaben", hat sich geärgert, wenn man ihn auf "Ihre Heimat Israel" ansprach, hat darauf bestanden, ein Deutscher zu sein, fast bis zuletzt. Aber eben nur fast. Begraben ließ er sich in Israel. Kurz vor seinem Tod zog er, der als Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland sein Bestes gegeben hatte, den Riss zwischen Deutschen und Juden zu schließen, eine traurige Bilanz. Doch war in den Zeitungen, die darüber berichteten, nicht von Trauer die Rede, sondern von Verbitterung. Nach seinem Tod konnte man in einem Nachruf der Frankfurter Rundschau lesen, Bubis habe wohl nur deshalb so gesprochen, weil er plötzlich behindert war. Es dürfte symptomatisch sein, dass man sich selbst in der Tageszeitung, die sich wie keine andere um eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bemüht, beeilte zuzudecken, was Bubis, wenn auch im Rollstuhl sitzend, so doch im vollen Besitz seiner Geisteskraft, aufgedeckt hatte. Diesen Bubis wollte keiner haben, der musste weggeredet, weggeschrieben werden, dieser verstörende Mensch, der nicht mehr von Versöhnung redete, nach all den Jahren, in denen er darauf beharrt hatte, dass er ein Deutscher war. Was dann in den Nachrufen ausdrücklich betont wurde. Nicht ohne Grund. Nach einer Mitte der neunziger Jahre veranstalteten Umfrage meinten immerhin 22 Prozent der Deutschen, er sei Israeli, 32 Prozent wussten nicht, welche Staatsangehörigkeit er hatte, und weniger als die Hälfte, nämlich 43 Prozent, betrachteten ihn als Deutschen.

"Machen wir uns doch nichts vor", schrieb der Schriftsteller und Journalist Moritz Goldstein, bevor er Deutschland im Jahre 1933 verließ. "Wir Juden, unter uns, mögen den Eindruck haben, als sprächen wir als Deutsche zu Deutschen - wir haben den Eindruck. Aber mögen wir uns immerhin ganz deutsch fühlen, die anderen fühlen uns ganz undeutsch."

Das Wort "undeutsch" ist aus der Mode gekommen. Man spricht jetzt "von unseren jüdischen Mitbürgern" und erinnert sich gerne der deutsch-jüdischen Symbiose, die angeblich vor 1933 existiert hat, als sei das, was dann geschehen ist, aus heiterem Himmel gekommen, einfach so, ohne dräuende Wolken. Nachdem es dann geschehen war, knüpfte der Publizist und damalige Verleger Manfred Schlösser, wie wenn nichts geschehen wäre, an die Idee von der deutsch-jüdischen Symbiose an. Es war Anfang der sechziger Jahre, und es ging um eine Festschrift zum 90. Geburtstag der Schriftstellerin Margarete Susman, die, wie es in der Einladung hieß, "nicht nur als Huldigung, sondern als Dokument eines im Kern unzerstörbaren deutsch-jüdischen Gesprächs zu verstehen sein" sollte. Gershom Scholem, um einen Beitrag gebeten, antwortete: "Die angeblich unzerstörbare geistige Gemeinschaft des deutschen Wesens mit dem jüdischen Wesen hat, solange diese beiden Wesen realiter miteinander gewirkt haben, immer nur vom Chorus der jüdischen Stimmen her bestanden und war, auf der Ebene der historischen Realität, niemals etwas anderes als eine Fiktion ... Ich bestreite, daß es ein solches deutsch-jüdisches Gespräch in irgendeinem echten Sinne als historisches Phänomen je gegeben hat. Zu einem Gespräch gehören zwei, die aufeinander hören, die bereit sind, den andern in dem, was er ist und darstellt, wahrzunehmen und ihm zu erwidern ... Gewiß, die Juden haben ein Gespräch mit den Deutschen versucht ... fordernd, flehend und beschwörend, kriecherisch und auftrotzend, in allen Tonarten ergreifender Würde und gottverlassener Würdelosigkeit, und es mag heute, wo die Symphonie aus ist, an der Zeit sein, ihre Motive zu studieren und eine Kritik ihrer Töne zu versuchen. Niemand, auch wer die Hoffnungslosigkeit dieses Schreis ins Leere von jeher begriffen hat, wird dessen leidenschaftliche Intensität und die Töne der Hoffnung und der Trauer, die in ihm mitgeschwungen haben, geringschätzen ... Von einem Gespräch vermag ich bei alldem nichts wahrzunehmen."

Auch Hannah Arendt knüpfte an die Idee von der deutsch-jüdischen Symbiose an, als sie 1946 in einem Brief an Karl Jaspers von der "negativen Symbiose" schrieb, die es fortan geben würde. Doch schon vier Jahre später, nach einem Besuch in Deutschland, war von symbiotischen Verstrickungen keine Rede mehr: "Beobachtet man die Deutschen, wie sie geschäftig durch die Ruinen ihrer tausendjährigen Geschichte stolpern und für die zerstörten Wahrzeichen ein Achselzucken übrig haben oder wie sie einem verübeln, wenn man sie an die Schreckenstaten erinnert, welche die ganze übrige Welt nicht loslassen, dann begreift man, dass die Geschäftigkeit ihre Hauptwaffe bei der Abwehr der Wirklichkeit geworden ist."

"Lassen wir die Vergangenheit ruhen", hieß das, landauf, landab. Es war in den fünfziger Jahren, und ich erinnere mich noch gut daran. Es gab die Hinweise auf die Autobahnen, die Hitler immerhin gebaut hatte, es gab die entrüsteten Behauptungen, es seien nicht sechs Millionen gewesen, sondern nur vier, und es gab die Litanei: "Wir haben nichts gewusst." Margaret Bourke-White, 1945 als Korrespondentin von Life unterwegs in Deutschland: "Wir alle bekamen diese Worte so oft und so monoton zu hören, daß sie uns wie eine deutsche Nationalhymne erschienen." Ich habe noch einen zweiten Satz in Erinnerung, der dem ersten zuweilen folgte: "Und wenn wir was gesagt hätten, wären wir (auch) ins Kazett gekommen."