Vielleicht wissen es die Hühner. Bevor am 4. Februar 1975 im chinesischen Haicheng die Erde bebte, wollte das Federevieh einfach nicht fressen. Auch Rindern, Pferden, Schafen fehlte der Appetit. Und so beschlossen die Behörden - gewarnt auch von Geophysikern und Vorbeben -, das Orakel zu wagen. Volltreffer. Die Erde bebte. Die Vorhersage hatte gestimmt. Zehntausende Evakuierte blieben unverletzt.

Nicht immer ist auf die tierischen Seismografen Verlass. Als ein Jahr später bei Peking die Erde bebte und 250 000 in der Verheerung ihr Leben ließen, hatten weder Hühner noch Schafe vorgewarnt. Nicht ein Geophysiker hatte den Finger gehoben. Kein Hydrologe hatte Unregelmäßigkeiten im Grundwasserspiegel bemerkt. Und da war auch kein Landvermesser, wie jener Glücksengel 1944 in Japan, dem wenige Tage vor einem Beben auffiel, dass seine Messergebnisse plötzlich nicht mehr zu älteren Aufzeichnungen passten.

Die Unterwelt haucht radioaktives Gas durch die Ritzen im Erdreich

Präziserer Rat ist derzeit nicht zu erhalten. Die Signale, die ein Erdbeben vorgängig aussendet, sind kryptisch. Das Auftreten von Radon zum Beispiel, radioaktivem Gas, das die Unterwelt im Vorfeld des Bebens durch die haarfeinen Risse haucht. Oder feine Veränderungen im Grundwasser; es steigt, kühlt sich ab, ändert seine chemische Zusammensetzung. Messbar sind auch kleine Änderungen des elektromagnetischen Feldes, bewirkt durch Wasserströme im unruhig werdenden Untergrund. Rückschlüsse auf "Stress im Gestein" erlaubt die Messung der Geschwindigkeit, mit der seismische Wellen das Erdreich durchqueren: Das Tempo ändert sich bei erhöhtem Druck in zusammengepressten Schichten. Beobachtet wird zudem eine geheimnisvolle seismische Ruhe kurz vor starken Beben und Nachbeben.

Jedes Phänomen kann aber auch andere Ursachen haben. Und sie treten nicht immer auf, bevor sich Kontinentalplatten ruckartig aus ihrer Verzahnung lösen. Nur die Kombination mehrerer Messarten, glaubt Wiemer, könne dereinst präzisere Vorhersagen erlauben. Viel Hoffnung setzen die Forscher dabei in die Beobachtung der Erdkruste, die sich deformiert, wenn sich Platten aneinander reiben und ineinander verzahnen. Gemessen wird aus dem All. Das Satelliten-Navigationssystem GPS ermittelt Vertikalverschiebungen einzelner Punkte zentimetergenau, Horizontalverschiebungen millimetergenau. Flächendeckende, hochpräzise Karten liefern Radarmessungen. Deren Nachteil: Die dafür geeigneten Satelliten ERS 1 und 2 liefern nur alle 35 Tage ein Bild.

Um irdische Zuckungen noch exakter zu deuten, hat das Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ) seit 1984 rund zwei Dutzend Messstationen im türkischen Boden versenkt. Damit ist diese Erdbebenregion eine der am besten beobachteten. Neigungsmesser erkennen Verschiebungen "unter einem halben millionstel Millimeter", sagt Jochen Zschau, Leiter der Desasterforschung am GFZ: "Das entspricht dem Abstand der Moleküle im Kochsalzgitter."

In der Präzision der Messungen liegt auch deren Problem: Die supersensiblen Pendel im Erdreich messen sogar, im Rhythmus von Ebbe und Flut, wenn Trabant und Sonne am irdischen Mantel zerren. "Es ist kein Problem, Anomalien zu entdecken", sagt Zschau. Das Problem sei nur die Deutung: "Oft sind Schneeschmelze, Wetterwechsel oder Luftdruckänderung die Ursache - oder sie überdecken das tektonische Phänomen." Eine Zuordnung ist dann beinahe unmöglich.