Er ist jung, er ist erfolgreich. Und eigentlich müsste er zufrieden sein. Trotzdem wirkt er in dem Drehsessel hinter dem Designerglastisch, in den ihn die Pressedame des Verlages platziert hat, als säße er in einer Falle. "An Glück oder Zufriedenheit zu denken habe ich mir abgewöhnt", sagt Michel Houellebecq mit einem Blick, der nach Erlösung ruft. "Ich habe keine Erklärung für das alles", sagt er. Und meint seinen Erfolg. Linkisch klemmt er sich bereits die zweite Zigarette zwischen die Lippen. "Ich bin reich und berühmt", murmelt er. "Und nun?" Klischeegläubige Reporter haben ihn als Neurotiker, Gestörten und lallenden Autisten beschrieben. Und in seinem ausgewaschenen blauen Breitcordanzug, dem lilafarbenen T-Shirt und den abgeschabten, braunen Halbschuhen wirkt er in der Tat schräg, doch keineswegs autistisch, und er lallt auch nicht. Eher wirkt er einsam, verloren. Ein Orpheus in der Medienwelt, der aus Nervosität die Filter seiner Zigaretten zerbeißt.

"Man kann den Schmerz nur lindern."

So weit er zurückdenken kann, liest er, mit Vorliebe Versandhauskataloge. "Lesen", sagt Houellebecq, "war gut gegen Langeweile und gegen die Wut. Es hilft immer noch." Er redet wie in Zeitlupe: jeder von langen Pausen zerdehnte Satz wirkt wie das Ergebnis eines inneren Kampfes. Vor gut fünf Jahren war in dem Pariser Verlag Maurice Nadeau sein erstes Buch Extension du domaine de la lutte erschienen. Ein Buch für Agnostiker und solche, die sich wärmen konnten an Sätzen wie: "Ich wäre gerne tot. Aber es gibt einen Weg, den man zurücklegen muss." Oder: "Es wundert mich, dass ich erst dreißig bin: ich fühle mich viel älter."

Das Buch, das im Frühjahr hierzulande unter dem Titel Ausweitung der Kampfzone beim Berliner Wagenbach-Verlag erschien, zirkulierte in Frankreich zunächst unter Insidern und Infizierten. Bis es immer weitere Kreise zog und irgendwann die Zentren der publizistischen Macht erfasste. Inzwischen ist Houellebecq ein Star, will aber keiner sein. "Das habe ich so nicht gewollt," sagt er mit Büßermiene. Wenn er morgens im Westen von Paris die Metro nimmt, hat er das Gefühl, "einen Spießrutenlauf anzutreten". Wildfremde berühren ihn wie einen Erlöser. Er fühlt sich von seinen Jüngern verfolgt und von der Presse gejagt. Und er fühlt sich missverstanden. Spätestens seit ihn die Redaktion der Literaturzeitschrift Perpendiculaire wegen seiner provozierenden Thesen ausschloss, hat sich dieses Gefühl in ihm zur Gewissheit verfestigt. "Darum zieht es mich immer häufiger nach Irland, wo mich niemand kennt und ich mich frei bewegen kann."

Die Großwesire des französischen Feuilletons nennen seine Bücher "Schriften" eines "Faschisten" und "Stalinisten" - und ihn selbst "einen Fall". Lehrer warnen ihre Schüler vor der Lektüre seiner unheilstiftenden Machwerke. Und ein Kritiker bekannte in einer Mischung aus Angst und Faszination: "Ich habe das Buch zitternd in Händen gehalten, wie einen geladenen Revolver."

Houellebecq sagt, wie zur Rechtfertigung, er habe die Bücher "nicht erfunden". Und man glaubt es ihm aufs Wort, wie er so dasitzt in seiner sympathischen Verlorenheit: "Schon immer fühle ich mich isoliert. Das geht schon mein ganzes Leben so. Der Katholizismus hat mich enttäuscht, meine Eltern haben mich enttäuscht. Und nun die Schmach des Erfolgs. Zum Glück kommt irgendwann der Tod, und dann ist das alles hinfällig."

Houellebecq, 1958 geboren, gilt in Frankreich neben Marie Darrieussecq und Igor Gran als exponiertester Vertreter einer "Neuen Bewegung", die - auf Balzac rekurrierend - menschliche Schicksale in den Strudeln einer postmodernen Gesellschaft schildert: Genmanipulation, Aids, Kommunikationswahn. Vor allem aber bringen seine Bücher die Verelendung des Einzelnen in der Großstadt am Ende des Millenniums auf den Punkt - und preisen das Töten als Ausweg. "Mein erstes Buch zeigt, dass jemanden zu töten die größtmögliche Chance bietet, seine eigene Individualität zu erfahren. Und in einer Gesellschaft, die sich entschlossen hat, die Individualität des Einzelnen als das Höchste zu preisen, ist es zwangsläufig, dass man irgendwann damit beginnen wird, einander umzubringen."