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Siebenmal erwähnt Goethe in seinen Tagebüchern den Begriff Technologie. Am 4. Juni 1808 notiert er: "Beym Zinngießer und Zinnasche brennen sehen. Handbuch der Technologie durchgesehen." Dann fünf Jahre nichts, aber 1813 befällt ihn schier ein Technologiefieber: fünf Einträge, die sich auf Horaz' Rhetorik, auf die Technologie der Griechen und Römer sowie die Ernestis und noch 2-mal auf Rhetorik, diesmal die von Zeitgenossen, beziehen. Das Wort Technik kommt in seinen Briefen, Gesprächen und Tagebüchern 86-mal vor, das Wort Medium hingegen nur 3-mal, und zwar in Gesprächen mit Eckermann.

Das gibt noch kein klares Bild, aber doch Ansatzpunkte dafür, was Goethe über Technik und Medien gedacht haben könnte. Über letztere, genauer betrachtet, gar nichts. Denn erstens gab es sie in der heutigen Bedeutung noch nicht, und außerdem ist Medium ein Eckermann-Wort. So charakterisiert er einmal das Goethesche Empfinden als "Medium des Auffassens und zur Grundlage einer neuen Schöpfung".

Ob dieses Medium Grundlage einer neuen Schöpfung werden kann, kann mit Fug bezweifelt werden, zum Auffassen dient es allemal. Mag im Umgang mit dem Buch das Verweilen im schönen Augenblick des Umblätterns seine Befriedigung in sich enthalten - wer Zusammenhänge erschließen will, kommt um zweierlei nicht herum: um einen möglichst vollständigen Text und ein Register.

Das liefern die CD-ROMs der Digitalen Bibliothek auf vorbildliche Weise: Band 10 enthält 13 000 Briefe und Tagebücher aus 57 Jahren sowie die größte Sammlung von Gesprächen mit und über Goethe; Band 4 versammelt auf rund 13 000 Seiten fast alle Werke sowie die autobiografischen Schriften einschließlich der Tages- und Jahreshefte, außerdem Hörproben, eine Zeittafel und Peter Boerners Rowohlt-Monographie. Doch entscheidend ist nicht die schiere Masse, sondern ihre Erschließung. Und da leisten die ausgefuchsten Suchtechnologien der Digitalen Bibliothek mittlere Wunder: Die kleine Recherche, deren Ergebnisse eingangs skizziert wurden, erforderte etwa zehn Minuten. Die Fundstellen sind wieder auffindbar markiert. Ein speicherbares Verzeichnis listet die bibliografischen Daten auf und macht jede Stelle per Mausklick verfügbar. Suchen kann man nicht nur mit Kombinationsanfragen, sondern auch, bei Goethe besonders wichtig, "schreibweisentolerant". Das bedeutet, dass die Suche nach "Revolution" auch "revoluzion" findet. Das Einzige, was diesen CD-ROM-Werkausgaben fehlt, sind Kommentare und Erläuterungen - sie enthalten, abgesehen von knappen Hinweisen zu Textquellen und Entstehungszeit, puren Text.

65 000 Seiten Goethe, jetzt auch im Internet

Mit noch ausgefeilteren Mitteln zu durchsuchen und mit noch mehr Goethe ausgestattet ist die Ausgabe des Chadwyck-Healey-Verlages aus Cambridge. Dank Übernahme eines Nachtragsbandes zur 1919 abgeschlossenen Weimarer Ausgabe, den Paul Raabe bei dtv herausgegeben hat, enthält sie beispielsweise auch jene Passagen der Römischen Elegien, die seinerzeit der Schamhaftigkeit der herausgebenden sächsischen Herzogin Sophie zum Opfer fielen. Sie ist im sogenannten Double-Keying-Verfahren entstanden. Während die Digitale Bibliothek ihre Texte durch Scannen und anschließende Korrektur gewinnt, hat Chadwyck die Sophien-Ausgabe zweimal getrennt voneinander abschreiben lassen und die Texte nach Durchführung eines elektronischen Vergleichs zusammengefügt. Die Daten dieser zur Verwendung in Bibliotheken und Forschungseinrichtungen gedachten netzwerkfähigen, sehr teuren CD-ROM sind vom 21. August bis 4. September komplett im Internet zu betrachten (http:// goethejahr. chadwyck.co.uk). Sie ist wie die Digitale Bibliothek zitierfähig, da Seiten- und Zeilenumbruch des Originals auch in der elektronischen Version dargestellt werden. Sogar die Frakturschriften der Vorlage sind nachvollziehbar.

Während diese CD-ROM-Ausgaben die ungeheuren Speicherkapazitäten des Mediums nutzen - Chadwyck hat 65 000 Seiten Text erfasst, die nach einem etwas schleppenden Programmstart in Sekundenschnelle durchsucht werden können - geht der Insel Verlag einen anderen, zukunftsträchtigen Weg. Seine Ausgabe beschränkt sich auf Goethes bis 1775 entstandene Arbeiten (darunter der Götz , Clavigo , Urfaust , Werther , Gedichte , Briefe , Juristische Schriften). Diese werden dem Leser - hier ist besonders an junge Enthusiasten zu denken; gelobt sei jede Schule, die den Jungen Goethe statt des obligatorischen Duden als Jahresprämie vergibt - doppelt ausgehändigt: als Buch zum Lesen und als CD-ROM zum Recherchieren. Wobei die elektronische Hypertext-Umgebung all das enthält, was des Lesers Herz oben entbehrte: einen durchgängigen Wort-für-Wort-Kommentar, der sich unmittelbar aus dem Text durch herausklappbare Pop-up-Menüs erschließt und mit allen Raffinessen durchsuchbar ist, Zeichnungen des jungen Multitalents und vor allem: zeitgenössisches Material. Das, woraus die Kommentatoren der Buchausgaben schöpfen, ist hier verschwenderisch an die Maushand gegeben. Ein Bestandskatalog der elterlichen Bibliothek gibt Auskunft, was der Kleine, der bereits mit sechs Jahren etliche Sprachen in Wort und Schrift benutzte, gelesen haben mag. Luthers Bibel, eine der Haupt-quellen des Sturm und Drang, ist zu großen Teilen im gemäßigten Luther-Deutsch von 1912, die Genesis aber auch in Luthers Original (1545) und einer zeitgenössischen Version (1782) enthalten. Hederichs Mythologisches Lexikon erschließt Goethes Götterhimmel. Auch wenn das Herausgebertrio mit Bezeichnungen wie "Labores Juveniles" die Schulaufgaben, die auch Genies einmal machen mussten, etwas überhöht - im Frühwerk selbst wird doch deutlich, dass der Junge sich nicht nur in Anakreontik und Bukolik übte, sondern auch eine ganz deftige Pubertät mit allen dazugehörigen Ergüssen durchmachte. Mit 88 Mark für zwei Taschenbuchbände samt CD-ROM ein wahres Geschenk zum Goethe-Jahr.

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Die gezielt aufs Großereignis hin produzierte CD-ROM Goethe - Zeit, Leben, Werk zeigt vor allem eins: dass es mit der Verwandlung größerer Datenbestände in HTML-Dokumente und ihrer Pressung auf CD-ROM bei weitem nicht getan ist. Technologisch ist die Scheibe über das Versuchsstadium nicht hinausgekommen. Bereits die Entscheidung, nicht wie bei den anderen CD-ROMs einen Grundbestand an Systemdateien auf der Festplatte zu installieren, erschwert die Nutzung entscheidend. Man bewegt sich wie in einem Gefängnis. Nur um die Lautstärke der Musikeinspielungen zu regulieren, muss man das Programm beenden. Insgesamt zeigt dies Beispiel statt Goethe (dessen Werk man dank des Augenpulvers von Farbhintergrund kaum lesen kann), wie man es nicht machen soll. Die Suchfunktionen sind letztlich unbrauchbar, Ausdrucke, nur mühsam herzustellen, und sie enthalten weder Seitenzahlen noch Quellenhinweise, die Navigation spottet jeder Beschreibung.

Technisch gekonnt und wirklich multimedial ist Goethes Panorama Travelogue . Es zeigt in Bildern und Videos, wie heute in Goethes Geburtsstadt gelebt wird, und rezitiert dazu passende Texte. Interessante Spannungen entstehen zwischen Videos von Autofahrten und Reiseberichten, Goethe-Bildern und -Texten über das Erhabene. Auch wenn manches Detail ein wenig hausbacken daherkommt - die Konfrontation von Gegenwart und Goethe bringt Rezeptionswind auf. "Glücklich ist immer die Epoche einer Literatur, wenn große Werke der Vergangenheit wieder einmal aufthauen und an die Tagesordnung kommen, weil sie alsdann eine vollkommen frische Wirkung hervorbringen." Suchen, bitte!

· Goethe: Werke

Limitierte Sonderausgabe zum Goethe- Jahr 1999; Digitale Bibliothek, Bd. 4, Directmedia, Berlin 1999;

Windows 3.11/95/, 49,90 DM

· Goethe: Briefe - Tagebücher - Gespräche

Digitale Bibliothek, Bd. 10, Directmedia, Berlin 1998, Windows 3.11/95/NT, 198,- DM

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· Goethes Werke

Weimarer Ausgabe; Chadwyck-Healey, Cambridge 1995; Win 3x/95/NT, 3950 £ (circa 12 000 DM)

Hrsg. von Karl Eibl, Fotis Jannidis, Marianne Willems; Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 1998; 2 Bände (708, 774 S.), 1 CD-ROM, Win 3x/95/NT, 88,- DM/geb. 198,- DM

· Jürgen von Esenwein, Harald Gerlach:

Goethe - Zeit, Leben, Werk

Aufbau, Metzler, Schroedel 1999; Win 95/NT, 99,90 DM

· Amos D'Aldo, Stefan Köser, Werner Marschall: Frankfurt - Goethes Panorama Travelogue Ein Rundgang mit Goethe durch das Frankfurt von heute; Carnetto, Frankfurt am Main 1998; Begleitband 60 S., 30 Abb., 1 CD-ROM, 99,80 DM

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