Stalin ließ sich nicht aus der Reserve locken, auch nicht von Truman. Während der Potsdamer Konferenz im Juli 1945 erzählte der amerikanische Präsident dem sowjetischen Diktator beiläufig, sein Land habe eine neuartige Waffe mit ungeheurer Zerstörungskraft entwickelt. Er meinte die Atombombe, die US-Wissenschaftler ein paar Tage zuvor in der Wüste von Alamogordo erfolgreich getestet hatten. Stalin schien gelangweilt zu sein und zeigte keine Reaktion, sodass Truman seine Aussage wiederholte. "Ich danke für den Hinweis", erwiderte Stalin kurz angebunden. Mehr war ihm nicht zu entlocken.

Über die kurze Begegnung haben Politiker und Historiker oft nachgedacht. Was wusste Stalin wirklich? Hatte er nicht begriffen, dass es um eine völlig neue Waffe ging, eine Waffe, welche die internationale Politik grundlegend verändern würde? Truman und Churchill waren ratlos.

Inzwischen ist sicher, dass Stalin damals sehr genau Bescheid wusste. Der Generalissimus war vom Geheimdienst über alle wichtigen Schritte des "Manhattan Project" informiert worden, wie das amerikanische Atombomben-Programm hieß. Und doch hatte er den Berichten all die Jahre lang misstraut: Konnte "Manhattan" nicht doch eine Falle seiner Alliierten sein? Stalin war eben Stalin.

Am 6. August 1945 warf eine B-29 eine Atombombe mit der Sprengkraft von 13 000 Tonnen TNT über Hiroshima ab. Die Nachricht von dem Angriff löste in der sowjetischen Bevölkerung tiefe Niedergeschlagenheit aus

Andrej Sacharow versagten die Beine, als er die Nachricht an einem Zeitungsaushang las. Doch der Kreml hatte den atomaren Schlag gegen Japan erwartet und war nach der Detonation der amerikanischen Testbombe - bei aller Skepsis - nicht untätig geblieben. Da Stalin nun den Beweis hatte, dass die Waffe möglich war, ließ er das auf Sparflamme gesetzte "Uranprojekt" zum Bau der Bombe innerhalb weniger Wochen auf Touren bringen.

Schon Ende 1938 hatten sowjetische Atomphysiker eigene Überlegungen zur Kernspaltung entwickelt. Die Idee, die dabei frei werdende Energie in einer Kettenreaktion fast unendlich zu steigern und für eine Bombe mit höchster Sprengkraft zu nutzen, lag bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gewissermaßen in der Luft. Sowjetische Physiker leisteten ihren eigenen Beitrag zur Forschung: So entdeckte Georgij Fljorow das Phänomen des spontanen radioaktiven Zerfalls.

Doch der Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion 1941 unterbrach die Arbeiten mit einem Schlag. Fljorow, der im Frühjahr 1942 als Soldat an der Front kämpfte, konnte in der Universitätsbibliothek von Woronesch die letzten Ausgaben amerikanischer und englischer Fachzeitschriften durchsehen. Zu seiner Überraschung schien niemand seine Entdeckung zur Kenntnis zu nehmen, ja, es gab überhaupt keine Veröffentlichungen mehr zum Thema - und das seit dem Spätsommer 1940! Dafür konnte es nur eine Erklärung geben: Amerikaner und Briten hatten begonnen, eine atomare Bombe zu bauen. Wie weit mochten die Deutschen sein? Und was war mit seinem Land? Fljorow war äußerst beunruhigt und griff zum letzten Mittel, das einem Sowjetbürger blieb: Er schrieb einen alarmierenden Brief an den Genossen Stalin.