Die Straße führt von der italienischen Riviera über kleine Dörfer, durch das wildromantische Pennavaire-Tal. Die Berge werden höher. Es wird einsamer. Dann tauchen, dicht gedrängt, auf einem Bergrücken die grauen Steinhäuser von Colletta di Castelbianco auf.

Doch was auf den ersten Blick wie ein verschlafener mittelalterlicher Ort aussieht, ist ein bisher einzigartiges Cyberdorf. Denn in den dicken Steinmauern transportieren modernste Glasfaserkabel in Hochgeschwindigkeit Daten zu jedem Punkt der Welt.

Jede der 60 Wohnungen hat einen direkten Internet-Anschluss. Ohne Modem und ohne Telefongebühren können die Bewohner für weniger als 400 Mark im Jahr surfen, so viel sie wollen. Sie können Videokonferenzen arrangieren und sind auch für künftige Kommunikationstechniken wie Video-on-Demand und interaktives Fernsehen bestens ausgerüstet. Es gibt ein eigenes Mobiltelefonsystem, Voice-Mail und Satellitenfernsehen. Der Bergort in Ligurien, der eine Stunde von Genua und zwei Stunden von Turin entfernt liegt, ist das erste Teledorf auf dem europäischen Festland. "Televillages - Die Zukunft liegt auf dem Land", titelte der Bonner Informationsdienst 2000 X vor kurzem und prophezeite einen Boom der High-Tech-Ortschaften. Denn Trendforscher beobachten seit langem eine Krise der Städte, wo die zunehmende Anonymität und Umweltverschmutzung die Lebensqualität reduziert haben.

Vorreiter in Sachen Televillage ist Großbritannien. Dort gibt es bereits 150 landschaftlich reizvoll gelegene Dörfer mit Weltanschluss. In Wales wurde zum Beispiel die ehemalige Bergbaustadt Crickhowell zum Televillage umgebaut. Die Gemeinde erhofft sich dadurch einen wirtschaftlichen Aufschwung. Denn Teleworker sind meist hoch qualifiziert sie arbeiten in der Organisation, EDV, Verwaltung, Beratung sowie in der Forschung und Entwicklung.

In Deutschland gibt es bereits rund 800 000 Telearbeitsplätze, und das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie schätzt das Potenzial der Telejobs auf zwei bis vier Millionen. Hierzulande heißt das Stichwort "alternierende Telearbeit": Ein paar Tage in der Woche verbringen die Teleworker im Büro, die restlichen Tage arbeiten sie zu Hause. Das bringe nicht nur mehr Freiräume, sondern ermögliche auch ein konzentrierteres Arbeiten, sagen die Befürworter. Sie genießen die Aufhebung der Trennung von Arbeit und Privatleben. Dagegen warnen Kritiker vor der Gefahr der sozialen Isolation.

Die Bewohner von Colletta sind bisher meist Telependler. Ob er einen Wettbewerbsentwurf in Colletta oder in seinem Osloer Büro plane, sei letztlich egal, sagt Ole Wiig, Architekt aus Norwegen. Der 52-Jährige nutzt das italienische Teledorf zur Inspiration regelmäßig mehrere Monate im Jahr.

Colletta ist mehr als ein Ferienort mit Internet-Anschluss Auch Leonardo Cesario gehört zu den Pionieren der Telearbeit in Colletta. Bisher nutzt der Ingenieur aus Bologna den Aufenthalt vor allem zur Erholung. Wenn er freitags von einer seiner zahlreichen Geschäftsreisen zurückkommt, setzt er sich ins Auto und erreicht in drei Stunden sein neues Domizil. "Hier fühle ich mich einfach wie auf einem anderen Planeten", sagt der 44-Jährige.