Ihr, meine Kleinen", sagte Monsieur de Beauvoir, "werdet nicht heiraten. Ihr müsst arbeiten." Bei einer seiner beiden Töchter wurde das Wort des Vaters Wirklichkeit: Simone de Beauvoir arbeitete jahrzehntelang mit dramatischem Eifer und heiratete nicht. Aber sie blieb nicht ohne Bindung. Sie fand einen Weg, den Auftrag des Vaters zu befolgen und zugleich zu unterlaufen. Sie fand Jean-Paul Sartre, der, wie symbiotisch auch immer, Gefährte war, nicht aber Gatte. Und sie schuf mit ihm eine Verbindung - wohl die berühmteste des Jahrhunderts -, die auch insofern in den Bereich der Arbeit und nicht in den der Ehe fiel, als sie ein Artefakt darstellte, eine Art soziales Kunstwerk. Als solches hat man die Geschichte Sartre/Beauvoir wahrgenommen. Sie wurde gefeiert und verdammt, sie wurde je nach Theorie und Zeitgeschmack unterschiedlich kritisiert, mal aus bürgerlicher, mal aus feministischer Sicht.

Es war eine Liaison, in der Sexualität von Beginn an keine besonders große, nach einigen Jahren gar keine Rolle mehr spielte, Worte und Vereinbarungen, symbolische Konstellationen und symbolische Handlungen dafür eine umso größere. "Wir sitzen an unseren Tischen und schreiben unsere Bücher", teilt Simone de Beauvoir im Sommer 1947 Nelson Algren über ihr Leben mit Jean-Paul Sartre mit. Man kann gar nicht anders, als den stummen Alternativsatz mitzulesen, der lautet: Wir liegen im Bett und machen unsere Kinder. Das eigentlich Sensationelle und Subversive in der Biografie Beauvoirs liegt vermutlich darin, dass ihr die Verwirklichung des Paradoxes gelang, sowohl die weibliche Hälfte eines heterosexuellen Paares zu sein als auch die Geschlechterrolle Richtung Geistesarbeit zu verlassen. Von Selbsttranszendierung, diesem Vorrecht der Männer, träumte sie schon als Teenager:

Das stimmt wohl. Wie es aber auch stimmt, dass das Dasein noch andere Freuden bereithält, die eher immanenten, und dass es im Leben Simone de Beauvoirs zumindest einen kurzen Moment gab, in dem die Idee der Heirat eine Herausforderung darstellte. Als sie 1986 begraben wurde, trug sie noch immer den Ring an ihrem Finger, den sie vier Jahrzehnte zuvor von einem Mann bekommen hatte, dem amerikanischen Schriftsteller Nelson Algren. Er ist der Mann, den sie ein Jahr lang in ihren Liebesbriefen als "Mein Gatte" anspricht und dem gegenüber sie sich als "Ihre Frau", "Ihre Ihnen gehörende Frau" bezeichnet. So oft allerdings und so ostentativ, dass durch die Überdeutlichkeit bereits der Abschied von der Idee, Gattin eines Gatten zu sein, schimmert.

Der Konflikt, in den Simone de Beauvoir im Frühjahr und Sommer 1947 geriet, ist deshalb interessant, weil er über die üblichen Zerreißproben einer Dreiecksgeschichte hinausgeht und das Konfliktpotenzial berührt, das zwischen Weiblichkeit und Intellektualität generell besteht. Simone de Beauvoir musste sich in erster Linie nicht zwischen Sartre und Algren entscheiden - zumal sehr schnell klar war, dass sich Algren nicht mit einer Romanze auf Urlaubs- und Besuchsbasis abfinden würde -, nicht zwischen zwei Städten oder zwei Kontinenten, sondern zwischen zwei Selbstentwürfen.

Lippenstiftküsse und Sehnsuchtstränen

Nichts hätte vermutlich dagegen gesprochen, dass sie in Chicago oder sonstwo mit einem Mann Tisch, Bett und einen Alltag teilt, der es ihr erlaubt, zu schreiben und alle paar Jahre ein Buch zu veröffentlichen. Aber die Beauvoir, der Mythos, wäre sie so, in diesem Rahmen gewöhnlichen Glücks, wohl nicht geworden. Sie war mit und für Algren auch nicht "Castor". Nicht die intellektuelle Ausnahmebegabung mit der leicht androgynen Aura und dem immer etwas studentischen Aussehen. Sie war: Simone. Eine Frau, die auf ihre Briefe Lippenstiftküsse drückte und Ringlein um die vergossenen Sehnsuchtstränen malte. Eine Frau, die in der Zeit vor ihren Amerikareisen zusah, dass sie ihren Lebenswandel änderte, mehr schlief, weniger trank, weniger erschöpfend arbeitete, um äußerlich und körperlich wieder in Form und in Chicago begehrenswert anzukommen.

Nelson Algren sei, sagte Beauvoir einmal, ihre leidenschaftlichste Liebe gewesen, eine Liebe, in der, wie sie 1949 an ihn schreibt, "Herz, Seele und Körper eins sind". Eine leidenschaftliche Liebe, ja - aber keine ungewöhnliche. Eine stürmische, romantische, auch sehr sexuelle Liebe. Aber ohne Symbolik, ohne soziale Experimente und komplizierte Konstruktionen, ohne Verschiebungen der Geschlechterrollen. Es war ein Verhältnis, das die von Sartre erfundene philosophische Unterscheidung zwischen "notwendiger und kontingenter Liebe" nicht vertragen hätte. Und das, trotz aller Innigkeit, Beauvoirs Konflikte auch nicht lange vertrug.

"Ich bin Ihre Frau, wie Sie mein Mann sind"

Die Probleme beginnen mit ihrer Rückkehr aus Amerika nach Paris. Dort ist alles fremd, alles Nicht-Chicago und Nicht-Algren. "Ich glaube", schreibt Simone de Beauvoir am 4. Juni 1947 in einem ihrer ersten Briefe, "es war ein Fehler, gleich an dem Buch über die Frauen weiterarbeiten zu wollen, das ich vor meiner Amerikareise begonnen hatte - es ist für mich im Moment tot; ich kann nicht dort weitermachen, wo ich aufgehört hatte, als ob nichts passiert wäre." Um zur Besinnung zu kommen, zieht sie sich für zwei Monate in ein Landgasthaus zurück. Von dort schreibt sie alle zwei, drei Tage Briefe an den amerikanischen Geliebten. "Ich vermisse Sie und liebe Sie und bin Ihre Frau, wie Sie mein Mann sind. Ich werde in Ihren Armen einschlafen, mein Geliebter. Ihre Simone." Was sie ihrem "Mann" nicht mitteilt, ist die Tatsache, dass Sartre mit ins Landgasthaus gekommen ist und dass sie den gemeinsamen Aufenthalt nutzen, um die schleichende Entfremdung zu überwinden, den "Pakt" zu erneuern und zu festigen. Auch das Ausmaß ihrer Erschütterung kann Simone de Beauvoir dem neuen Mann in ihrem Leben, dessen Auftauchen sie an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gebracht hat, nicht umfassend beschreiben. Im dritten Band ihrer Memoiren spricht sie von einer "an Geistesgestörtheit grenzenden Angst", die sie im Frühsommer 47 durchlitt. "Plötzlich wurde ich zu einem Stein, den der Stahl spaltet: Das ist die Hölle."

Ein seltsames Bild. Das Spaltungsmotiv ist von Beauvoir allerdings bekannt. Es gehört zu ihrer jugendlichen Fantasie, eine "imaginäre Heldin" zu werden. Diese Fantasie war jedoch an die Vorstellung von Substanzlosigkeit, von körperloser Leichtigkeit geknüpft. Als "Schatten" wollte das Mädchen Simone sich von sich abspalten, um in die Herzen der Leser zu dringen. Jetzt, da nicht die schriftstellerische Arbeit den Ausgangspunkt der Träumerei darstellt, sondern eine vom Arbeitsleben ablenkende Ehe zur Disposition steht, nimmt das Ego die Substanz eines extrem unbeugsamen und unnachgiebigen Materials an. Es wird zu Stein. Bereits am 23. Juli, vier Monate nachdem sie Nelson Algren kennengelernt und zwei Monate nachdem sie Amerika verlassen hat, schreibt Simone de Beauvoir einen Brief, in dem sie Algren rhetorisch überaus vorsichtig mitteilt, dass sie ihn zwar über die Maßen liebe, aber ihr Leben nicht mit ihm teilen werde. Sie weist seinen, vermutlich ebenso vorsichtig vorgetragenen Heiratsantrag damit zurück. "Darf ich ihn lieben ... ihm sagen, daß ich ihm nicht mein Leben schenke?" Drei Jahre, bis 1950, dauert die Romanze mit Algren. Noch zweimal hält Beauvoir sich bei ihm in Amerika auf. Einmal kommt er für vier Monate nach Paris. Endgültig schlafen Kontakt und Briefverkehr erst 1960 ein.

Simone de Beauvoirs auf Englisch verfasste Briefe an Nelson Algren, die von ihrer Adoptivtochter und Nachlassverwalterin Sylvie Le Bon übersetzt und vor zwei Jahren herausgegeben wurden, umfassen über 800 Buchseiten. Vorderhand und über weite Strecken handelt es sich um verliebte Briefe. Das heißt, sie sind ihrem Genrecharakter nach so opulent wie tautologisch. Was Maria Zwetajewa, die Königin evokativer Korrespondenz, einmal sagte: "Brief hat nicht, Brief ist Inhalt", die Ausdruckskraft ihrer schieren Existenz überwiegt, anders gesagt, den semantischen Gehalt, das gilt für Liebesbriefe ganz besonders. Ich liebe Sie, ich küsse Sie, ich will Sie wiedersehen und wiederküssen, ich liebe Sie, ich küsse Sie ... so ruft es Mal um Mal aus Beauvoirs Briefen und zeigt, dass verliebte Briefe für die lesende Nachwelt nicht unbedingt gemacht sind. Man freut sich mit den Liebenden, man wünscht ihnen alles Glück der Erde - und beginnt bei Seite 150 sacht mit den Fingern zu trommeln.

Algrens Briefe wurden nicht zur Veröffentlichung freigegeben. Das ist sehr schade. Denn erstens ist man nun, um seinen Part der Korrespondenz wenigstens stückweise kennen zu lernen, auf die latent tendenziöse Beauvoir-Biografie von Deirdre Bair angewiesen, die Nelsons Briefe einsah und daraus zitiert. Und zweitens wirkt es, als würde die Geschichte mit dem Chicagoer Schriftsteller, die Simone de Beauvoir "liquidiert", wie sie in schonungsloser Selbstreflexion gegenüber Sartre äußert, noch einmal unterdrückt.

Durch die Beauvoir-Legende geistert die Figur Nelson Algren als Beauvoirs verrückte Eskapade mit einem typischen US-Macho, der der feinsinnigen Dame aus Paris klarmachte, wie der Hase zwischen Männern und Frauen so läuft. In Beauvoirs Briefen kann man ahnen, dass es sich um einen Mann handelte, der über Wärme und Langmut, über Leidens- und Hingabefähigkeit verfügte und über genügend Sensibilität, um aus den Briefen, die er von seiner französischen Geliebten bekam, einen bestimmten Ton der Fälschung, der Vertröstung, der sanften Taktik und leisen Manipulation herauszuhören, der sich aus Beauvoirs Dauerkonflikt zwangsläufig ergab. Algren dürfte auch die alte Technik der Scheherazade erkannt haben, die erzählt und erzählt, plaudert und plaudert, schreibt und schreibt, um das Ende hinauszuzögern. Und natürlich wird Algren bemerkt haben, dass er 1948 nicht mehr als "mein Gatte", sondern als "mon cher amour" angesprochen wurde.

Es ist eine der wenigen markanten Veränderungen in der Erzählweise dieser Briefschaften. Erstaunlich schwach bilden sie die Parabel, das Auf und Ab einer selig beginnenden und ratlos endenden Liebesgeschichte ab. Ihre Signatur ist das Gleichbleibende im Habitus, die gleich bleibende Mischung aus ungebremster Leidenschaft und bremsender Regie. Eine seltsame Bewegungslosigkeit stellt sich stattdessen ein, die Beauvoirs Selbstgefühl entspricht, aus "Stein" zu sein.

Auch nach einer katastrophalen Begegnung mit Algren im Sommer 1950 bleibt Simone de Beauvoir bei ihrer zärtlichen Gesprächigkeit. Relativ selten unternimmt sie Anläufe, ungeschminkt zu erklären, was dem amerikanischen Geliebten so schwer zu erklären ist, zumal dann, wenn Algren wieder einmal der Kragen platzt, da Zeitpunkt und Dauer seiner Treffen mit Simone nach den Arbeits- und Reiseplänen des Paares Beauvoir/Sartre berechnet, ad hoc minimiert und überfallartig wieder maximiert werden. "Ich kann nicht anders. Glauben Sie mir, bitte, bitte. Ich werde es Ihnen erklären, aber heute glauben Sie mir bitte einfach. Wenn ich durch eine glückliche Fügung bei Ihnen bleiben könnte, oh, Gott, ich würde es tun." Und im darauf folgenden Brief, ebenfalls im Juli 1948, fährt sie fort: "Was Sie auch immer in Zukunft beschließen, ich möchte, daß Sie dies wissen: nicht aus Mangel an Liebe bleibe ich nicht bei Ihnen."

Vor den harten analytischen Sätzen, mit denen Simone de Beauvoir ihre Seelenlage Sartre gegenüber darstellt, verschont sie den Geliebten Algren. Im Sommer 1950 schreibt sie aus Amerika an Jean-Paul Sartre: "... ich bedaure nicht, daß diese Geschichte tot ist, denn ihr Tod war in dem Leben enthalten, das ich gewählt habe und das Sie mir geben ... Ich habe den Eindruck, hier von alten Begierden festgehalten zu werden, während das Neue und das Romantische und das Glück meines Lebens bei Ihnen sind, mein kleiner Gefährte von 20 Jahren. Ich zähle die Wochen, wenn nicht die Stunden." Genau drei Jahre vorher lagen die Verhältnisse noch anders. Damals, als sie frisch verliebt und völlig verwirrt in Paris ankam, war es "das Buch", das ihr "tot" und an dem weiterzuschreiben ihr unmöglich vorkam. Dieses Buch, Das andere Geschlecht, hat Skandale hervorgerufen und seine Autorin berühmt gemacht.

· Simone de Beauvoir: Eine transatlantische Liebe Briefe an Nelson Algren; herausgegeben von Sylvie Le Bon; aus dem Englischen von Judith Klein; Rowohlt Verlag, Reinbek 1999; 864 S., 78,- DM