Den Nationalökonomen galt Vilfredo Pareto als Soziologe und den Soziologen als Nationalökonom. Dabei liegt das Wesentliche von Paretos Lebenswerk in der Verbindung von Ökonomie und Soziologie zu einer alles umfassenden Sozialwissenschaft. "Sein scharfer Verstand reichte weit über die Grenzen der angewandten Wissenschaften hinaus in das Reich reiner und allgemeinster Begriffe: Nur wenige haben jemals mit der gleichen Intensität begriffen, daß letzten Endes alle exakten Wissenschaften oder Teilwissenschaften eine Einheit bilden", schrieb Joseph A. Schumpeter über Pareto.

Zwanzig Jahre arbeitete Vilfredo Pareto (1848 bis 1923) fast ausschließlich an dem Trattato di Sociologia Generale, das 1916 erschien. Das Buch ist sein Lebenswerk - obwohl ausgerechnet jenes Modell nicht enthalten ist, mit dem heute die Ökonomen den Namen Pareto vor allem verbinden: das in der Wirtschaftswissenschaft so genannte Pareto-Optimum. Mit diesem Ansatz - auch als Theorie der Wahlakte bezeichnet - schloss er die Lücken in der Grenznutzenlehre (ZEIT Nr. 29/99). Demnach ist das Pareto-Optimum jener Zustand, bei dem kein Mitglied einer Gruppe oder Gesellschaft besser gestellt werden kann, ohne dass zumindest ein anderes schlechter gestellt werden müsste.

In Paretos Theorien zum Kampf zwischen den Klassen zeigt sich sein besonderes Verhältnis zu Karl Marx. Schon in einem früheren Werk zu den sozialistischen Theorien befasste er sich ausführlich mit ihm, wobei er dem Soziologen Marx eine weit größere Bedeutung zumisst als dem Ökonomen. Auch für Pareto ist der Klassenkampf ein Faktum - allerdings wird er vor allem zwischen den Eliten im Streit um die Macht ausgetragen. Für Pareto wird jedes Volk von einer Elite, einer "ausgewählten Klasse", regiert, die zu allen Zeiten und in allen Verhältnissen politische Macht ausübt. Die Ausübung der Macht sei das Wesentliche in einer Gesellschaft.

Aber "die Eliten sind nicht von Dauer ... sie verschwinden unbestreitbar nach einer gewissen Zeit". Die herrschende Klasse wird immer wieder von Emporkömmlingen aus den Familien der unteren Klassen abgelöst. Pareto nennt das die "Zirkulation der Eliten". Die Geschichte "ist ein Friedhof der Eliten", schreibt er. Die Zirkulation gibt es im Politischen und Ideologischen ebenso wie im Wirtschaftlichen. Durch sie befinden sich die Eliten in einem Zustand andauernder und langsamer Transformation, "die wie ein Strom dahingleitet, der heute anders ist, als er gestern war. Ab und an beobachtet man plötzliche und heftige Störungen, wie wenn ein Strom über die Ufer tritt, und danach beginnt die neue herrschende Klasse sich ihrerseits zu wandeln: der Strom, in sein Bett zurückgekehrt, fließt von neuem gleichmäßig dahin." Revolutionen gibt es nur bei zu langsamer Erneuerung der Eliten.

Im politischen Zyklus gelangt zunächst eine Gruppe - bei Pareto sind es die "Löwen", die wegen ihrer Ideale stark sind - an die Macht. Doch weil sie sich in Gebrauch und Sicherung der Macht immer mehr von ihren ursprünglichen Idealen entfernt, gewinnt die zweite Elitegruppe, die der "Füchse", immer mehr Einfluss, bis sie selbst die Macht übernimmt. Hat eine herrschende Klasse sich lange Zeit mit Gewalt an der Macht behauptet, kann sie noch eine Zeit lang fortbestehen, indem sie ihren Gegnern den Frieden abkauft. So erkaufte sich laut Pareto das Römische Imperium den Frieden durch Geld und Ehrungen oder die englische Aristrokatie, indem sie ihre Macht durch eine parlamentarische Monarchie verlängerte.

In der Wirtschaft ist die Zirkulation ähnlich. Pareto wandte sich dagegen, die Bezieher von Zinseinnahmen und die Unternehmer in einen Topf zu werfen. Er teilte die kapitalistische Klasse in zwei Kategorien ein: die "R", die Rentiers, die Bezieher fester Einkommen und Sparer der Nation einerseits, und die "S", die Spekulanten. Die Spekulanten sind unternehmerisch mit großem Risiko tätig. Ihre Gruppe, stark und mutig, löst die unorganisierten und in Paretos Augen feigen Rentiers ab.

Die Rentiers und nicht die Arbeiter bilden die eigentliche unterdrückte Schicht. Denn unter Gewalt, Krieg, Zwangsanleihen, Falschgeld und Steuergesetzen würden vor allem die Sparer einer Gesellschaft leiden. Pareto hielt die Spekulanten für den hauptsächlichen Motor des ökonomischen und sozialen Wandels. Dagegen sah er in der Kategorie der Rentner ein mächtiges Element der Stabilität, das oft die Gefahren aufhebt, die durch die Dynamik der Spekulanten entstehen.