Bonnie und Clyde stürmten die Banken noch von draußen. Natascha und Konstantin sollen sich die Bank of New York (BONY) von innen gefügig gemacht haben. Wenn die Ermittler Recht behalten, hat das Pärchen die BONY - immerhin an 16. Stelle in der Rangliste der amerikanischen Banken - in eine russische Geldwaschanlage umfunktioniert. So etwas hatten die US-Bundesbehörden noch nie gesehen. Da gibt es mehr Verdächtige, Unschuldslämmer und Schauplätze, als sie selbst John LeCarré zusammenbrachte:

Das ganze "Russlandhaus" mit seinen Magnaten und Mafiosi. Die Präsidententochter und Dirigentin der Finanzbojaren, Tatjana Djatschenko. Die Off-Shore-Firmen von den Kanalinseln bis in die Karibik. Den an der Nase herumgeführten Internationalen Währungsfonds (IWF) mit seinem mutmaßlich falsch spielenden Moskauer Wunderkind Anatolij Tschubajs. Sogar deutsche Banken, die ihr blütenreines Gewissen bekunden, sind als mögliche Durchlaufstationen schmutziger Gelder ins Visier geraten.

Financial Times,

Die Jelzins sind eine Familie wie andere auch. Wie die Bokassa-Familie, die Marcos-Familie, die Suharto-Familie. Immer schon hat der Westen solchen Familien den Hof gemacht, wenn sie nur hübsch Sozialisten oder Kommunisten kujonierten. Auch Natascha und Konstantin lebten nicht genierlicher und verborgener als andere: Konstantin Kagalowskij saß schon als Mittdreißiger in Washington an der Quelle, als Russlands Vertreter beim IWF. Dann wechselte er zu der aus Staats- und Parteigeldern angefütterten Moskauer Menatep-Bank, wo er stolz unter Fotos residierte, die ihn mit George Bush und John Major zeigten.

Seine Frau Natascha Gurfinkel-Kagalowskij war 1979 in die USA gezogen, jettete seit 1991 aber gern zu den neuen Radikalreformern, zum Beispiel zusammen mit dem späteren Russland-Botschafter des karibischen Steuerinselstaates Antigua. In Moskau liebte sie Pelze und Partys, auf denen schon mal Tanzbären für possierliche Stimmung sorgten. In New York entfaltete sie ihre viel gerühmte Professionalität und stieg zum Vicepresident der BONY auf, deren Osteuropa-Abteilung sie leitete. Für die zog Natascha nicht zuletzt ein paar Konten herüber von der Republican National Bank. Deren finanzielle Transaktionen mit Russland beschrieb die ZEIT bereits vor drei Jahren in einem Dossier (Nr. 22/96), das die Moskauer Geldinstitute und den großen Waschgang über den Atlantik zum Thema hatte.

Mag sein, dass jetzt gar nichts ins Schleudern geraten wäre, wenn nicht Präsidentenwahlen in Amerika und Russland anstünden. So aber erregen sich Politiker und Medien über den russischen Sumpf, als hätten sie soeben seine wahren Ausmaße entdeckt. Die eigentliche Katastrophe jedoch, die uns jetzt einholt, ist kein Thema. Sie ist dadurch entstanden, dass der Westen diesen Sumpf gewässert hat. Es war nicht allein Russlands Geschichte oder die Familie des Zaren Boris - es ist auch konkret das Jelzin-IWF-Modell gewesen, das dem Staat den Boden entzog. Ein Jahrzehnt nach dem Bankrott des Ostblock-Sozialismus hat sich erwiesen, dass der vom Westen proklamierte Big Bang den Kapitalismus nur in den Bereichen schnell beleben konnte, wo traditionelle Voraussetzungen bestanden - in Russland ist das die Korruption gewesen.

Die einleuchtenden Gegenfragen sind bekannt: Hätten es die Kommunisten etwa besser gemacht? Wen gab es denn außer Jelzin, da doch das Parlament alle Reformen so vehement ablehnte? Sollte man zusehen, wie das Riesenreich mit seinen Atomraketen in einen Bürgerkrieg taumelte?

Nein, gewiss nicht. Nur reicht das alles nicht aus als Rechtfertigung dafür, dass die westlichen Berater ihre liberale Rosskur ohne jede Rücksicht auf die Konstitution des Patienten Russland durchzogen. "Die naive Staatsfeindlichkeit monetaristischer Prägung" - so der Wiener Ökonom Stephan Schulmeister - ließ völlig außer Acht, dass eine Marktwirtschaft nur dann funktionieren kann, wenn der Staat stark genug ist, um die Spielregeln zu setzen und zu überwachen (siehe auch Seite 10).