Philosophen, so lautet eine landläufige Beschwerde, wohnen hinterm Mond, von dem sie auch keine Ahnung haben. Sie spekulieren im Sonnenschatten der eigenen Weltdeutung, verstehen von der Naturwissenschaft nichts und von Gentechnologie noch weniger. Untereinander halten die Denker für gewöhnlich Frieden. Man liebt den Kreis der viel fliegenden Minds-&-More-Kongressphilosophen und wärmt sich am Kamin der Selbstvertrautheit: "Wir telefonieren."

Während die nachmetaphysisch gestimmte Philosophie sich keine Weltdeutung im Ganzen mehr zutraut, bastelt die Naturwissenschaft munter am biokosmischen Menschenbild. Unterwürfig preist das Publikum die Evolutionsbiologie als Weltbildersatz. Die Gemeinde beugt das Knie bei astrophysikalischen Liturgien und nimmt die Einsegnungen der Affenforschung jauchzend entgegen.

Mit einem Paukenschlag möchte Sloterdijk die Feindseligkeiten zwischen Philosophie und Naturwissenschaften beenden, um Wissen und Geist, Philosophie und Naturwissenschaften zu versöhnen. Ihm schwebt eine demokratiefreie Arbeitsgemeinschaft aus echten Philosophen und einschlägigen Gentechnikern vor, die nicht länger moralische Fragen erörtern, sondern praktische Maßnahmen ergreifen. Diesem Elitenverbund fällt die Aufgabe zu, mithilfe von Selektion und Züchtung die genetische Revision der Gattungsgeschichte einzuleiten. So wird Nietzsches schönster Traum bald wahr: die Zarathustra-Fantasie vom Übermenschen.

Sloterdijk begründet sein Plädoyer für gentechnische Selektion mit einer düsteren Diagnose. In der eskalierenden Moderne, sagt er, wachse das barbarische Potenzial der Zivilisation. Die "alltägliche Bestialisierung der Menschen in den Medien der enthemmenden Unterhaltung" nehme zu. "Die Ära des neuzeitlichen Humanismus ist abgelaufen, weil die Illusion nicht länger sich halten lässt, politische und ökonomische Großstrukturen könnten nach dem amiablen Modell der literarischen Gesellschaft organisiert werden." Die "Entwilderung" des Menschen ist gescheitert und die "Zukunft von Humanität" bei den alten "Humanisierungsmedien" in schlechten Händen. Wenn das krumme Holz der Humanität nur noch für das Puppenmuseum der Aufklärung taugt, fragt sich, wie man der "aktuellen Verwilderungstendenzen Herr" wird. Was "zähmt noch den Menschen, wenn der Humanismus als Schule der Menschenzähmung scheitert"? Wenn die "bisherigen Anstrengungen der Selbstzähmung in der Hauptsache doch nur zur Machtergreifung über alles Seiende geführt haben"?

Der Humanismus, sagt Sloterdijk, war Teil jenes Gewaltproblems, als dessen Lösung er sich immer noch ausgibt. Seine Lektionen richten den Menschen ab und richten ihn zu - bis aufs Zwergenformat. "Domestikation des Menschen (ist) das große Ungedachte, vor dem der Humanismus von der Antike bis in die Gegenwart die Augen abwandte." Die "Kleintierzüchtung" der Zivilisation, so zitiert Sloterdijk den sozialdarwinistischen Nietzsche, zeugt harmlose Menschen, jämmerlich und verächtlich, mit einem Lüstchen für den Tag und einem für die Nacht. Da kriechen sie nun. "Mit Hilfe einer geschickten Verbindung aus Ethik und Genetik" haben es die Menschen "fertiggebracht, sich selbst kleinzuzüchten". Im harmlosen und doch verwilderten Menschen erreicht die "Verhaustierung" der Gattung ihren planetarischen Letalzustand.

"Was zähmt noch den Menschen?" Für einen Moment klammert sich Sloterdijk an seinen Hausgott Martin Heidegger - und wird bitter enttäuscht. Der bewunderte Heidegger, klagt er, habe sich in den "beispiellos düsteren Jahren nach (!) 1945" in seine Hütte verkrochen und sei zum andächtigen "Hüter des Seins" introvertiert. Was damals anachronistisch, aber verständlich war, ist heute gefährlich. Die Zeit ruft nicht nach Hirtenspielen, sondern nach Entscheidungen. Die Zeit drängt. Die Gewalt wächst. "Es genügt, sich klar zu machen, daß die nächsten langen Zeitspannen für die Menschheit Perioden der gattungspolitischen Entscheidung sein werden." Doch schon sieht Sloterdijk eine "Lichtung". Darauf die Gentechnik mit ihren Instrumenten Selektion und Züchtung. "Die Lichtung ist zugleich ein Kampfplatz und ein Ort der Entscheidung der Selektion." Witterte nicht schon Nietzsche den Kampf zwischen "Kleinzüchtern und Großzüchtern (...), Humanisten und Superhumanisten, Menschenfreunden und Übermenschenfreunden"?

Geht es um wesensgenetische Feinabstimmung, sind Philosophen vom alten Schlag besonders geeignet. Bei der "Ethik des anthropotechnischen Machtgebrauchs" und der superhumanen Eigenschaftsplanung gibt ihr Wort den Ausschlag. Diese "Weisen", offenbar immun gegen den Geistesvirus der humanistischen Harmlosigkeit, verfügen über "urbildnahe" Selektionskriterien und besitzen einen Sondereingang zur menschlichen Wesenswahrheit. Bei ihnen ist die "Erinnerung an die himmlischen Schauungen der Besten am lebhaftesten". Was aber bleibet, züchten die Denker.

Moralische Skrupel? Im Gegenteil. Keinesfalls dürften die geistigen Eliten auf die "Rolle des Selektors" verzichten und ihre Hände in Unschuld waschen. "Da bloße Weigerungen oder Demissionen an ihrer Sterilität zu scheitern pflegen, wird es in Zukunft wohl darauf ankommen, das Spiel (!) aktiv aufzugreifen." Beiläufig erinnert Sloterdijk an Platons Dialog Politikos, um ihn scheinbar kommentarlos in die Zukunft zu sprechen. Tatsächlich liefert Platon ihm das Modell, um Gentechnik in Biopolitik zu überführen. Hat nicht der "platonische Zoo" den Irrtum der egalitären Demokratie glücklich hinter sich gelassen? Spricht nicht schon Platon von der "züchterischen Steuerung der Reproduktion"?

Unter der Neonsonne der Gentechnik schimmert Platons Elitenherrschaft plötzlich in verführerischem Glanz. Sie gibt Winke aus der Zukunft. Der Staatsmann, so referiert Sloterdijk wertfrei, muss die "ungeeigneten Naturen auskämmen, bevor er daran geht, mit den geeigneten den Staat zu weben". Später dürfen die "Besonnenen (...) in den Kulturbetrieb", wobei die "Menschenhüter von den Schützlingen so grundsätzlich geschieden" werden, dass "niemals eine Wahldirektion möglich" wäre. "Nur eine Direktion aus Einsicht."

In seiner Replik in der Frankfurter Rundschau verwahrt sich Sloterdijk gegen die "Schauerromantik" seiner Kritiker, macht aus dem eigenen Fall einen Kasus des "ahnungslosen" Feuilletons und behauptet, Heidegger nur paraphrasiert zu haben. Das ist im Unwesentlichen richtig, im Ganzen falsch. Schon 1991 wurde Sloterdijk von Züchtungsfantasien heimgesucht; schon damals spielte er mit dem Gedanken, den harmlosen "Altmenschen" durch Selektion zur Strecke zur bringen. In den von ihm herausgegebenen Berichten zur Lage der Zukunft (edition Suhrkamp) empfahl er, das "alteuropäische weltanschauliche Erbe" abzuräumen. Von diesem Ballast befreit, begeisterte sich Sloterdijk damals für einen "Biologismus", der "auf eine intelligente Menschheit im ganzen zielt, nicht auf eine neurobiologische Apartheid oder eine Klassenherrschaft der Intelligenzmutanten über die Altmenschen heutigen Typs". Ein Satz später verfliegt der Skrupel vor der Obszönität seiner Sätze, und der innere Großzüchter erhält das Wort. "Das Schlimmste ist möglich, aber auf jeden Fall nichts Schlimmeres als das, was geschieht, wenn es keine Selektion von intelligenten und generöseren Menschen gibt."

In der Tat, schlimmer konnte es nicht kommen. Dennoch entspringt Sloterdijks skandalöse Rede nicht nur der Verirrung eines Weltanschauungsphilosophen, der in den Fußstapfen von Nietzsche und Heidegger versinkt und sich dabei einbildet, er könne im Stadtwald von Karlsruhe die Moderne begraben. In Sloterdijks Selektionsfantasien haust ein fürchterlicher Realismus, der das diabolische Potenzial der Genforschung nüchtern ins Auge fasst. Er weiß, dass die Büchse der Pandora geöffnet und gentechnische Menschenzüchtung keine Science-Fiction mehr ist.

Schon unmittelbar nach der Entdeckung der DNA-Struktur ließen Genforscher ihren Bemächtigungsfantasien freien Lauf und pflasterten die biopolitische Zukunft mit süßen Verheißungen. Julian Huxley sorgte sich 1962 über die menschliche Unvollkommenheit der Gattung und schlug vor, durch eugenische Selektion die intellektuelle "Qualität der Weltbevölkerung zu verbessern". Joshua Lederberg, Nobelpreisträger und Molekularbiologe, frohlockte auf einem berühmt gewordenen Ciba-Kongress, man könne "jetzt den Menschen definieren" und die "Größe des menschlichen Gehirns durch vorgeburtliche Eingriffe regeln". Francis Crick träumte von einem strahlungssicheren und anspruchsarmen Homunkulus für die Weltraumfahrt, einem "regressiven Mutanten mit Greiffüßen und affenähnlichem Becken".

Vernichtet die Gentechnik das Wissen von Gut und Böse?

Von der ersten Stunde an hat die Gentechnologie Menschenbilder transportiert, dunkle Bedrohungsszenarien entworfen und das Blaue vom Himmel versprochen. Die gentechnische Sonde des Wissens hat die letzten metaphysischen Reste beseitigt und den Glauben an einen zeitlosen und unveränderlichen Wesenskern des Menschen heillos entzaubert. Und doch produziert die absolute Freiheit den namenlosen Schrecken. Die gentechnische Transparenz erzeugt neue Dunkelheiten; sie setzt eine Dialektik der Aufklärung in Gang, die eine tief internalisierte Zone zu berühren scheint: das moralische Verhältnis der Menschen untereinander, die grundlegende Symmetrie zwischen Freien und Gleichen. Der amerikanische Rechtsphilosoph Ronald Dworkin erklärt die archaische Angst, die die Gentechnik auslöst, aus der tief sitzenden Furcht, wir könnten im doppelten Sinne des Wortes die "Haftung", das Wissen von Gut und Böse verlieren - ganz so, als sei von der Genforschung der Latenzschutz des Daseins und das uralte Definitionsverbot des Lebens verletzt worden.

Sloterdijk nutzt die Gunst der Stunde und unterbreitet den angsterzeugenden Naturwissenschaften ein Friedensangebot. Er tritt als Bewährungshelfer auf und verspricht der Forschung die höheren metaphysischen Weihen, indem er gentechnischem Wissen philosophischen Geist einhaucht - und zugleich der Philosophie die Krone der Königswissenschaft aufsetzt. Das wäre die Erlösung von aller Kritik und das Ende des Verdachts gegen die faustische Wissenschaft, ein ewiger Frieden zwischen Wissen und Geist, Philosophie und Technik. Denn "seinsgeschichtlich" betrachtet, erscheint die Genforschung als Glücksfall. Nach dem vermeintlichen Versagen des Humanismus stellt sie das Mittel bereit, um den ort- und zusammenhanglosen Menschen in sein ursprüngliches "Wesen" zurückzustellen. Mehr noch: In der Anthropotechnik liegt ein Wahrheitsgeschehen, das vom Sein gleichsam veranlasst wurde. Auf der Lichtung der Wissenschaft mutiert der exzentrische Erdbewohner durch elitengesteuerte Züchtung in sein altes, von der Moderne veruntreutes "Wesen".

Während der soziale Problemdruck wächst, werden die Gerechtigkeitsutopien durch biopolitische Selektionsfantasien abgelöst. Sie predigen Anpassung an die Logik der Forschung, Anpassung an selbst geschaffene Umwelten und den alternativlosen Gang der Modernisierung - und im Fall von Sloterdijk sogar deren gentechnische Beschleunigung. Wenn das alte "Wesen" nicht schnell genug nachkommt und mit Abweichung reagiert, muss es in sein "Wesen" gestellt werden; wenn man die Realität nicht mehr verändern kann, dann wenigstens die Weltbilder. Nicht Freiheit und Verantwortung, sondern ethisch entkernter Konformismus lautet die Parole. Bizarr, dass diese Biopolitik vollmundig im Windschatten eines mit Nietzsche genmanipulierten Heidegger operiert. Ausgerechnet Heidegger. Schaudernd hätte er sich vor dem eugenischen Wahn des Zarathustra-Projekts abgewandt - vom Generalangriff auf das unaussprechliche Leben der "Altmenschen".