Ekelhaft ist falscher Witz, oft wiederholte Einfälle, langweilige Erzählungen, Selbstlob. In Speisen Überflus. sehr süß oder fett. ofteres einerley. Haselhüner. Ekelhaft. Gesicht alter Weiber. Heidegger. Gerade zu das faule und excremente des thierischen Korpus überhaupt. Ekle Krankheiten." Mit dieser kuriosen Auflistung umreißt Kant in den Reflexionen zur Anthropologie das Spektrum dessen, was im Sprachgebrauch des 18. Jahrhunderts als "eckel" gilt (wobei "Heidegger" keine Vision des späteren Schwarzwälder Kollegen ist, sondern einen "deutschen Musikus in London" mit auffallend hässlichem Gesicht meint). Das Ekelhafte bildet nach Kant eine "starke Vitalempfindung", die unsere Sinne in den Alarmzustand versetzt und eine akute Krise der Selbstbehauptung bewirkt. Der Ekel ist nicht nur eine Attacke auf den guten Geschmack, sondern die Bedrohung der Vernunft durch eine Macht, die sich jeder Einvernehmlichkeit entzieht und darin unsere höchste Aufmerksamkeit herausfordert.

Es ist diese irritierende Faszination durch das Abstoßende, die im Zentrum des Buches von Winfried Menninghaus steht, das zum ersten Mal eine Theoriegeschichte des Ekels über den Zeitraum der letzten 250 Jahre präsentiert. In Anlehnung an Benjamins Aura-Begriff schreibt der Berliner Literaturwissenschaftler: "Das elementare Muster des Ekels ist die Erfahrung einer Nähe, die nicht gewollt wird." Und das in einer doppelten Hinsicht: Das Widerwärtige bricht nicht nur mit taktiler Aufdringlichkeit in das Gefüge der Normalität ein, es unterliegt auch immer schon einer moralischen Verurteilung. Die Tabuisierung des Stinkenden, Hässlichen und Klebrigen kennzeichnet den fortschreitenden Zivilisationsprozess, sie offenbart aber auch seine Grenzen. Auf der Rückseite kehrt das Verdrängte zurück, entzünden sich neue Lüste am Verworfenen, wird schließlich gar das Ausgeschlossene zum Signum einer tieferen Wahrheit und realeren Präsenz.

Am Beginn dieser bemerkenswerten Entwicklung steht die klassische Ästhetik, die das Schöne als Genuss am Unendlichen definiert. In den kunsttheoretischen Schriften von Mendelssohn, Herder und Lessing bezieht das Ekelerregende eine zweifache Extremposition: Es kennzeichnet den Sättigungsgrad des bloß Hübschen und Angenehmen, das beim Betrachter Überdruss und Langeweile hervorruft. Und es markiert den schockierenden Ernst der Wirklichkeit, die den schönen Schein der Kunst zerstört. Das ästhetische Vergnügen am Schrecken und Grauen funktioniert nur, wenn die düsteren Mächte auf Distanz gehalten und vom freien Spiel der Einbildungskraft gebändigt werden. In Winckelmanns Idealisierung des schönen Körpers feiert der Sieg der Reinheit über die krude Realität seine größten Triumphe: keine Runzel, Warze oder Fettfalte, keine Mund- oder Nasenöffnung, keine hängende Brust und kein abstehendes Ohr trüben die "sanft verblasene" Oberfläche der Statuen, aus denen Krankheit, Alter und Tod verbannt sind.

Auf die humanistische Indienstnahme des Ekelhaften als Organon des Geistes, der seine Freiheit im Kampf gegen Verwesung, Niedergang und Zerfall erringt, antwortet die Romantik mit der Nobilitierung der dunklen Seele. Bei de Sade, Friedrich Schlegel und Baudelaire erscheinen die niederen Gelüste nicht mehr als Ausnahme-, sondern Normalzustand des modernen Zeitalters, das seinen beschleunigten Reizverbrauch durch immer neue Attraktionen befriedigen muss. Das schöne Aas, aus dem Würmer krabbeln, gehört genauso zur "Ästhetik des Hässlichen" wie umgekehrt die Kritik an der kulturellen Dekadenz, an überfüllten Museen und erstorbenem Bildungsgut.

Im Leiden an der verdorbenen Moderne gewinnt der Ekel einen paradoxen Rang: Er bildet das Heilmittel gegen das zivilisatorische Gift der Verzärtlichung und zugleich die Wurzel einer epochalen Übelkeit, die sich allein mit ihren eigenen Mitteln bekämpfen lässt. Exemplarisch für dieses Problem steht Nietzsche mit seiner Devise "Wir lernen den Ekel um!" Seine Verachtung alles Schwächlichen mündet nicht in die Überwindung des europäischen Nihilismus ein, sondern in den Verzweiflungsakt der Umwertung aller Werte, der in der heroischen Bejahung der ewigen Wiederkehr vom Ennui der Zeit gezeichnet bleibt.

Die Rache des Ekels an seiner Unterdrückung ist das eigentliche Thema Freuds. Je erfolgreicher der Mensch im aufrechten Gang über seine animalischen Instinkte dominiert, desto größer ist die Gefahr einer Rückkehr des Verbotenen. Perversionen und Neurosen sind der Preis, den die Zensur libidinöser Energien kostet. In der Lust an Exkrementen, Inzest und Menstruationsblut durchbricht das Individuum die Schranken der Kultur, die es im Dienste der zunehmenden Domestizierung seiner Triebe errichtet hat. Allein die Kunst ist nach Freud in der Lage, Freiräume des Genusses zu eröffnen, die nicht pathologisch stigmatisiert sind.

Es ist Kafka, der das Programm einer ästhetischen "Entekelung" des Ekels auf subtile Weise in die Tat umsetzt. Seine Darstellung menschlicher Tierhaftigkeit und Grausamkeit, seine Beschreibung von Folter, Vergewaltigung und faulenden Wunden entzieht dem Abstoßenden seine körperliche Bedrohlichkeit und verwandelt es zur Allegorie einer Hölle, die von engelhafter Unschuld ist. In der Erzähltechnik Kafkas, der ein seltsames Gefallen an alten Mädchen, dicken Frauen und behaarten Körperstellen besaß, erhält der Verfall die Weihen der profanen Erlösung: Prostitution, Mord und Hinrichtung geschehen mit einer nebensächlichen Notwendigkeit, die das Sündhafte unsichtbar macht und darin zum Durchgangstor in eine vom Schmutz gereinigte Welt werden lässt.