Der offene Brief, mit dem der Philosoph Peter Sloterdijk auf Thomas Assheuers Kritik an dessen skandalumwittertem Elmauer Vortrag antwortet, ist ebenso amüsant wie unbefriedigend. Unbefriedigend, weil er auf den Vorwurf gentechnischer Züchtungsfantasien nicht wirklich eingeht; amüsant, weil er die Attacke spöttisch zurückweist. Dass Sloterdijk außerdem, gewissermaßen gratis, im zweiten Teil des Briefs Jürgen Habermas, der sich zur Sache (noch?) nicht öffentlich geäußert hat, in den Ring zerrt, macht aus der Kontroverse einen Richtungsstreit der deutschen Philosophie.

Peter Sloterdijk gehört (wie Christian Morgensterns Palmström) zu jenen Käuzen, die oft unvermittelt-nackt Ehrfurcht vor dem Schönen packt. Das Schöne findet er in den eigenen Sätzen, die miteinander kopulieren und eifrig schöne Sätze gebären. Insofern ist sein Hinweis, es handele sich bei dem Vortrag "um ein philosophisches Nachtstück", völlig richtig. Seine literarischen Qualitäten sind mindestens so groß wie die philosophischen, und die Frage, was er denn vorgeschlagen habe, ist nicht einmal von Sloterdijk leicht zu beantworten.

Jede Profession hat ihre Risiken. Man sollte Reinhold Messner nicht dafür tadeln, dass er hoch steigt, und Sloterdijk nicht dafür, dass er tief denkt. Das Risiko tiefen Denkens besteht darin, dass es sich von der Wirklichkeit entfernt und ins Faseln geraten kann. Nichts spricht für die Vermutung, die Menschen der Gegenwart seien "verwilderter" als etwa die Kreuzfahrer. Aber es scheint so, als müsse sich der Geisteskopf zwanghaft seiner Zeit entgegenstellen, als müsse er sich in einen Aristokratismus hineinsteigern, der in der Masse den Feind erblickt. Nicht sehr viele Denker sind Demokraten gewesen. Das macht nichts, solange aus der Denk- keine Handlungsbewegung wird. Von der Gefahr, in die Sloterdijk sich begibt, ginge nur dann eine aus, wenn die "kulturellen Hauptfraktionen" reale Macht hätten. Aber die Vorstellung, eine Geisteselite werde mithilfe totalitärer Gentechniken einen neuen Übermenschen züchten wollen oder können, ist jenseitig. Was Sloterdijk oder Nietzsche et alii denken, interessiert unten auf der Straße und oben in den Wipfeln der Konzerne kein Schwein.

Über den Wipfeln jedoch muss die Freiheit grenzenlos sein. Nicht selten herrscht dort mächtiges Wolkengeschiebe. Wir Erdenbewohner, mit denen Sloterdijk offenbar nicht reden mag, stochern dann im Nebel. Wie immer hat Ernst Jandl Recht: "o / so / viel / vieh / so / o / so / vieh / o / sophie / viel / o / o / sophie."