Brüssel

Wie mächtig ist das Europäische Parlament? Eine Woche lang schienen etliche EU-Abgeordnete dafür nur einen Maßstab zu kennen - die Zahl der designierten Kommissare, die sie in einer Serie von Anhörungen schassen wollten. Diese Machtprobe haben sie verloren, alle 19 Kandidaten haben überlebt. Und doch haben die Völkervertreter auf ungeahnte Weise gewonnen. Denn Romano Prodi, der künftige Chef zu Brüssel, hat die Zustimmung für sein Team teuer bezahlt: Er muss fortan mehr Demokratie in Europa wagen.

Obendrein versprach Prodi, eine seiner wichtigsten Waffen im Kampf der Brüsseler Institutionen mit dem Parlament zu teilen. Bislang gilt das demokratische Unikum, dass allein die EU-Kommission neue Brüsseler Richtlinien und Verordnungen vorschlagen kann. Formal hütet Prodi zwar sein legislatives Initiativ-Monopol; aber künftig will er Aufforderungen der Straßburger Versammlung "so weit wie möglich berücksichtigen".

Das sind, in der kurzen Parlamentsgeschichte der EU, gleich zwei historische Siege.

Zwanzig Jahre nach der ersten Direktwahl, kein halbes Jahr nach dem Sturz der hilflosen Santer-Kommission wächst die Straßburger Versammlung zum europäischen Machtfaktor.

Zum Hebel für die neue Macht wurde der alte EU-Vertrag. Demnach kann Romano Prodi zunächst nur für die Restzeit der gestürzten Santer-Kommission amtieren, also bis Ende dieses Jahres. Prodis eigentliche Amtsperiode von fünf Jahren würde im Januar beginnen. Konservative und Liberale verlangten deshalb auf forsche, Sozialisten und Grüne auf verhaltene Weise zwei Abstimmungen. Das drohte Prodi zu einem Kommissionspräsidenten auf Zeit zu machen. Prompt kündigte der Italiener für diesen Fall öffentlich seinen Rücktritt an. Doch am Ende gab er nach.

Fast demütig kamen die Kommisare zur Anhörung