Sie sind der Fachmann für Sehnsucht. In all Ihren Liedern wünschen Sie sich weg von dem Ort, an dem Sie gerade sind. Entweder wollen Sie in die Fremde oder zurück in die Heimat. Wo fühlen Sie sich denn zu Hause?

Überall, wo immer ich gerade bin, denn ich habe das Talent, mich anzupassen. Ich kann in Deutschland ebenso gut leben wie in den USA, Englisch ist für mich wie eine Muttersprache.

Die Stadt hat mir die Chance gegeben, einen Beruf auszuüben, den ich liebe. So gesehen, bin ich Hamburger.

Seltsame Heimat: Sie besitzen hier weder ein eigenes Haus noch eine eigene Wohnung - und das seit fünfzig Jahren.

Die meiste Zeit lebe ich im Hotel. Aber im Moment habe ich ein Haus - oder sagen wir besser: Ich darf bei jemandem in dessen Haus wohnen.

Das klingt wie eine Mischung aus Klischee, Tragik und einem Ihrer Lieder: der heimatlose Held - der ruhelose Quinn.

Ich könnte mir durchaus ein eigenes Haus leisten, aber ich habe mich immer noch nicht entschieden, wo ich leben will.

Ich bin der gerne gesehene Gast.

Wien würde eine ganz passable Heimat abgeben. Sie sind dort geboren.

Wien ist, für einen Möchtegern-Hanseaten, wie ein "Geburtsfehler". Aber zumindest wurde ich in Hamburg gezeugt. Meine Mutter war ja eine Wienerin und damals Journalistin beim Vorläufer des Hamburger Abendblatt. Durch meine Geburt habe ich ihr etwas Furchtbares angetan: Sie war nicht verheiratet, 1931 eine moralische Ungeheuerlichkeit. Sobald ich transportfähig war, ist sie mit mir in das niederösterreichische Ferienhaus meiner Großmutter geflüchtet.

Dann ist es also auch nichts mit Wien als Ort Ihrer Jugenderinnerungen?

Doch, meine Mutter blieb nur kurze Zeit in dem Dorf. Wie lange, weiß ich nicht genau - sie hat bis zu ihrem Tode nie über diese Zeit gesprochen.

Haben Sie überhaupt danach gefragt?

Nein, nie. Nur am Totenbett hat sie mir geschworen: "Du bist in Wien geboren, du brauchst dir keine Sorgen zu machen." Sie hätte nicht schwören müssen, denn ich besitze ja alle nötigen Papiere, Geburtsurkunde und so. Ich habe sie bei mir, hier in meinem Koffer.

Und Ihr Vater spielte keine Rolle in Ihrem Leben?

Erst mal nicht. Ich bin bei meiner Mutter aufgewachsen und dann abgehauen - zu meinem Vater in die USA. Ich habe ihn sehr geliebt. Doch meine Mutter strengte einen Prozess wegen des Sorgerechts an und hat ihn gewonnen. So musste ich 1938 aus den USA zurückkommen - ins großdeutsche Wien.

Auf meine Mutter war ich nie böse. Nur auf diesen schrecklichen Kerl, ihren neuen Mann, der sich in ihr Leben geschlichen hat. Ich habe ihn gehasst. Er war ein verarmter Adeliger, Baron Rudolf Anatol Freiherr von Petz. Und dann hat er mich auch noch adoptiert, und so hieß ich plötzlich Manfred von Petz - wenn man adoptiert wird, verliert man ja einen Dienstgrad.

Also, Herr von Petz.

Ich habe auch diesen Namen gehasst. "Quinn" ist ja nichts Besonderes, das irische Pendant zu Schulze, aber ich fand den Namen meines Vaters immer sehr gut. Niemand wusste, wie man ihn schreibt.

Ihr Adoptivvater war Schriftsteller.

Dieser Mann schrieb Tiergedichte.

Wurden sie veröffentlicht?

Ich glaube, meine Mutter druckte sie in einer der beiden Zeitschriften, die sie herausgab, in der Wiener Tierpost oder der Glocke, einer Jugendzeitschrift.

Sie waren sieben Jahre alt, als Sie aus den USA nach Wien zurückkommen mussten. Ziemlich radikal.

Ich hatte einen schweren amerikanischen Akzent, und als ich in die Schule kam, schwang Hitler gerade seine große Rede auf dem Heldenplatz. Ich weiß natürlich, dass kein einziger Österreicher ein Nazi, keiner für den Anschluss war. Daher weiß ich natürlich auch, dass die 250 000, die "Ein Volk, ein Reich, ein Führer!" schrieen, lauter bezahlte Statisten waren.

Mit Ihrem Akzent haben Sie da nicht dazugepasst.

Ich verbreitete alle möglichen Lügen: Die Amis haben mich entführt, und lauter solche Sachen. Ich schlug mich aber ganz gut durch, denn ich hatte in Amerika "Bugel" spielen gelernt, so eine Art Trompete. Als ich zum Deutschen Jungvolk musste, ging ich daher zum FZ, dem "Fanfarenzug".

Hatten Sie dann endlich das Gefühl, dazuzugehören?

Nein. Ich konnte mit diesen militärischen Dingen nie etwas anfangen.

Kennen Sie überhaupt das Gefühl: Hier gehöre ich dazu? Das ist eine Gruppe, in der bin ich aufgehoben?

Nein. Das heißt nicht, dass ich keine Freunde habe. Aber irgendwo dazugehören? Niemals! Ich war immer ein Einzelkämpfer.

Schleppen Sie deshalb immer Ihren Pilotenkoffer mit sich herum?

Da habe ich alles drinnen. Ich kann jederzeit verschwinden, er ist mein ganzes Fluchtgepäck - das ist jetzt natürlich Quatsch. Aber es ist ein beruhigendes Gefühl, jederzeit weg zu können.

Was ist da drinnen?

Was man eben so braucht: meine Papiere, mein österreichischer Pass, Kreditkarten, Fotos, Kopien. Da, lesen Sie mal ...

Das ist die Urkunde für das "Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich" von 1992. Sie haben gesagt, Sie hätten zeitweise völlig vergessen, dass Sie Österreicher sind. Dafür erinnern Sie sich aber an sehr viele Details Ihrer österreichischen Geschichte.

Ich erinnere mich auch an jedes Detail in Hamburg, seit ich 1950 hierher gekommen bin. Ich könnte Ihnen meine ganze Laufbahn minutiös schildern.

Sie haben ein fotografisches Gedächtnis?

In gewissen Dingen, ja.

In welchen nicht?

In unangenehmen. Die vergesse ich, das ist eine Gnade. Erst wenn man mich an sie erinnert, fallen mir die unangenehmen Dinge wieder ein.

Dann versuche ich es einmal. Ihr leiblicher Vater - was fällt Ihnen als erstes zu ihm ein?

Ein toller Kerl, sehr lebensfroh. Für ihn war ich der Größte, er hat mir alles durchgehen lassen.

Kein Wunder, dass Sie seinen Namen wiederhaben wollten.

Ich musste fünfzehn Jahre lang darum kämpfen, den Namen meines Adoptivvaters loszuwerden - mit einem Anwalt.

Und was wollen Sie lieber vergessen?

Dinge, die mir peinlich sind, weil sie mir Seelenschmerz bereitet haben. Dass mein Vater 1943 mit dem Auto verunglückt ist. Ich erfuhr erst Jahre später davon.

Wie denn?

Nach Ende des Krieges haute ich aus Wien ab, um ihn zu suchen. Ich war gerade 14 Jahre alt. Nach vielen Umwegen landete ich bei den Amerikanern in Pilsen. Als man mich fragte, woher ich komme, sagte ich, aus den USA, und ich wolle zu meinem Vater in Morgantown, West Virginia. So haben sie mich einem Truppentransport mitgegeben. Erst ging es nach Antwerpen, dann weiter nach New York. In Ellis Island wurde ich festgesetzt. Dort erfuhr ich, dass mein Vater tot war.

Und die Amerikaner erfuhren, dass Sie nicht dorthin gehörten.

Ja, sie schickten mich zurück nach Antwerpen. Weil ich keine Papiere hatte, musste ich dort ein Jahr zur Schule gehen. Seitdem spreche ich fließend Flämisch und Französisch. Anschließend haben sie mich wieder zu meiner Mutter nach Wien gebracht. Ich ging nur widerwillig ins Gymnasium, mein Stiefvater wollte das. Da tauchte ein Bekannter auf. "Ich suche einen Saxophonisten." Ich sagte: "Ich kann zwar nicht Saxophon spielen, aber Gitarre und ein wenig Klavier. Warum denn?" Er meinte: "Da gibt es einen Zirkus, die brauchen einen Musiker." Als ich Zirkus hörte, war ich sofort fasziniert und wusste: Das ist meine Sache. Ich habe mir ein Saxophon besorgt und im Keller ein bisschen geübt. Nach acht Tagen hatte ich zwei Nummern drauf - sie klangen furchtbar. Ich erwartete mir einen strahlenden Zirkus, wie ich ihn aus den USA von den Ringling Brothers, Barnum & Bailey kannte. Als ich dann im Burgenland ankam, fand ich vier ärmliche Wohnwagen, einen Packwagen, ein Zelt mit tausend Flicken und zehn dressierte Hunde. Ich wurde zum Kapellmeister ernannt und hatte einen Partner, der Akkordeon spielte. Meine Hauptarbeit bestand aber darin, das Zelt auf- und abzubauen. Ich machte alle Drecksarbeit, der Zirkusdirektor gab mir jede Menge Ohrfeigen. Heute sage ich: Es waren ein paar zu wenig - ich hätte noch mehr gelernt. Nach fünf Wochen hatte ich schon fünf Titel drauf - ich war ja musikalisch. Aber das Wichtigste, das ich damals lernte, war: Disziplin und Respekt vor dem Publikum und vor ehrlicher Arbeit zu haben, also ohne Playback und Tricks zu arbeiten. Wir haben manchmal vor fünf Leuten gespielt. Ich wurde dann gewarnt, mein Stiefvater lasse mich durch die Polizei suchen - ich war ja minderjährig. Also bin ich wieder abgehauen - per Autostopp vom Burgenland bis nach Rom, wo ich für amerikanische Truppen Klavier spielte. In Rom holte ich mir ein Visum für Tunesien, Algerien und Marokko. Den Pass mit den Visa habe ich noch, hier in meinem Koffer - wollen Sie sehen? Ich habe mich dann bis Palermo durchgeschlagen, nahm ein Schiff nach Tunis, von dort ging es per Autostopp nach Algerien. Ich landete in der kleinen Stadt Sidi bel Abbès, dem Ausbildungszentrum der französischen Fremdenlegion, und spielte Gitarre in einer Bar, in der auch Legionäre verkehrten. Das brachte mir viel Sympathie und französisches Geld ein. Dort sprach mich ein Ausbilder an, und ich sagte, so halb aus Jux und halb aus Ernst, ich wolle in die Fremdenlegion. Der Ausbilder schlug mir vor: "Du machst das Basistraining mit. Nach drei Wochen sehen wir uns wieder, dann entscheidest du, ob du rein möchtest oder raus." Ich bin dann tatsächlich wieder raus - das ist einzigartig in der Geschichte der Fremdenlegion, absolut, dann ...

Herr Quinn, Sie müssen aufhören zu erzählen. Ich kann das unmöglich alles aufschreiben.

Ich bin selber oft erstaunt darüber, was ich alles erlebt habe. Dann bekomme ich Angst, und es kommt mir vor, als sei mein Leben eine Erfindung. Wann soll ich das alles erlebt haben? Das passt doch nicht in ein einziges Leben!

Sie glauben sich selber nicht mehr?

So ist es. Aber ich kann alles, alle Geschichten, jeden Schritt belegen, ich kann Ihnen alles beweisen. In diesem wunderschönen Koffer ist mein ganzes Leben enthalten, ich habe Ihnen alles mitgebracht.

Es gibt einen Satz von Ihnen, der lautet: "Die Hörner habe ich mir Ýbefore Quinn, b. Qu.?, abgestoßen." Mich interessieren nicht die Hörner, nur dieses "before" und "after Qu." Wann begann für Sie die neue Zeitrechung?

Mit dem Start meiner Karriere, der Unterschrift unter meinen Vertrag bei Polydor.

Entdeckt wurden Sie in der Hamburger Washington Bar, Bernhard-Nocht-Straße 75, als Sänger englischer Songs.

Ich darf hier eidesstattlich versichern, dass alle, die mich in der Washington Bar entdeckt haben wollen, die Unwahrheit sagen. Der einzige, der das von sich behaupten kann, ist Jürgen Roland. Er und Werner Becker haben 1951 in der Bar Aufnahmen von mir gemacht für den Nordwestdeutschen Rundfunk.

Sie hatten kein einziges deutsches Lied im Repertoire.

Die wollte niemand hören. Außer Am Brunnen vor dem Tore und Alle meine Entlein kannte ich auch nichts. Meine Sender waren das britische und amerikanische Forces Network. Deshalb habe ich alle internationalen Hits dieser Zeit beherrscht. Mit ihnen habe ich auch das meiste Geld verdient.

Aufgewachsen in den USA, groß geworden mit englischen Hits - und dann führen Sie ein Leben als deutscher Schlagerstar, zwischen "b. Qu." und "a. Qu" gibt es einen ziemlichen Bruch.

Ich war nie ein Schlagerstar und habe den Begriff auch nie benutzt.

Beleidige ich Sie mit der Bezeichnung "Quinn - der Schlagerstar"?

Ja, denn die Medien haben das Wort als Bezeichnung für oberflächliche Pseudokarrieren verwendet. Schlagerstars haben einen Hit, dann sind sie wieder weg. Sie verdienen Geld, solange es geht, dann machen sie einen Waschsalon auf.

Was sind Sie?

Ich bin gelernter Sänger und Schauspieler. Ich habe mich intensiv geschult und weitergebildet, um in meinem Beruf Erfolg zu haben.

In allen Gesprächen, die ich von Ihnen kenne, klingen Sie ein bisschen enttäuscht. Immer wieder sagen Sie sinngemäß: Ich bin international aufgewachsen, spreche sieben Sprachen - und womit werde ich identifiziert? Mit Junge, komm bald wieder!

Ich bekenne mich voll und ganz zu Junge, komme bald wieder! Ich habe mich immer bemüht, in meinen Liedern Geschichten zu erzählen. Deshalb habe ich auch immer wieder wahnsinnige Kämpfe mit den Textdichtern ausgefochten.

Wie stark haben Sie in die Texte eingriffen?

Ich habe es immer versucht. Wenn aber meine Produzenten auf einem Text, den ich nicht so überzeugend fand, bestanden, musste ich Konzessionen machen.

Wobei haben Sie die meisten Konzessionen gemacht?

Bei dem Lied Wir. In dem greife ich die jungen Leute an, weil sie lange Haare tragen. Das war idiotisch. Aber das wollte der Produzent damals unbedingt machen. Er sagte zu mir: "Gerade du bist dazu prädestiniert, die Leute zur Ordnung zu rufen." Darauf sagte ich: "Aber das ist doch gar nicht meine Aufgabe! Ich bin nicht bereit, die Menschen politisch oder konfessionell zu schulen."

Dennoch haben Sie das Lied aufgenommen. Warum?

Weil ich hyperloyal bin: Ich war meiner Plattenfirma Polydor 28 Jahre lang zutiefst treu und loyal. Ich habe allen Angeboten der Konkurrenz, die mich immer wieder abwerben wollte, widerstanden. Und das, obwohl ich dort viel mehr verdient hätte als bei Polydor.

Und man hat es Ihnen nicht gedankt.

Einmal hat Polydor es mir möglich gemacht, internationale Titel aufzunehmen. So habe ich zum Beispiel in Nashville zwei LPs mit Countrysongs aufgenommen. Aber dann hat die Plattenfirma all diese Aufnahmen unter den Tisch fallen lassen. Ihre Begründung war: "Um Gottes willen, wenn der Quinn auch noch international Erfolg hat, rennt er uns weg."

Das klingt widersinnig.

Ja, aber so war es. Ich habe kürzlich mit dem langjährigen Auslandschef von Polydor gesprochen, und der hat es mir bestätigt. Die Strategie lautete: "Nein, wir wollen keinen internationalen Freddy Quinn. Wir wollen nur einen deutschen." Das hat mich sehr gekränkt.

Sie hätten die Möglichkeit gehabt, eine internationale Karriere zu machen.

Ja. Ich war in der Eddy Sullivan Show und zweimal in der Johnny Carson Show, also immer wieder dort, wo es wichtig war, um auch in den USA Karriere zu machen. Ich habe in New York in der Carnegie Hall gastiert, ich spielte sechs Monate in England am Royal Adelphi Theatre, wo ich aus einem Flop einen mittleren Erfolg machte - und das in englischer Sprache.

Wenn Sie sich zurückbeamen könnten, um einen weniger loyalen Menschen aus sich zu machen.

Tja, dieses "Was wäre, wenn ..."-Spiel.

Ein grauenhaftes Spiel?

Ja. Und es macht keinen Sinn, es zu spielen.

Lassen Sie es uns dennoch versuchen: Was wäre, wenn Sie mit "Spanish Eyes" groß herausgekommen wären? Stimmt es überhaupt, dass "Spanish Eyes" für Sie geschrieben wurde, dass Sie es als erster, vor Al Martino, aufgenommen haben?

Selbstverständlich. Hier, in meiner Tasche, habe ich den Beweis. Sehen Sie: Das ist die Original-Lead-Stimme, für mich geschrieben. Und hier ist ein Brief an mich von Bert Kaempfert, dem Komponisten, vom 15. Januar 1965. Da, lesen Sie selber ...

"Inzwischen habe ich mich in die Einsamkeit meines Wochenendhauses verzogen. Ernähre mich von selbst gekochten Spaghetti und bin furchtbar am Arbeiten. Das Arrangement von ÝSpanish Eyes? nähert sich seiner Vollendung. Ich bin überzeugt, dass es eine Weltklasseaufnahme wird. ... Bleib gesund! Bert Kaempfert." Nun unser Spiel!

Bert Kaempferts Plattenfirma war die Decca, ein Konkurrent von meiner Polydor. Decca wollte Spanish Eyes nicht aufnehmen. Da sagte Kaempfert zu mir: Wir nehmen den Song selber auf. Wir flogen nach Miami in ein kleines Studio. Wir fanden eine kleine Firma, Kapp Records, die presste die Platte und wurde damit in die Johnny Carson Show eingeladen, wo ich das Lied das erste Mal öffentlich sang, 1965. Dann fuhr ich wieder zurück nach Deutschland. Plötzlich bekomme ich einen Anruf von einem Radiosender: Spanish Eyes ist auf Platz 8 der US-Top 40. "You got to come over right away to promote it." Also ich ins nächste Flugzeug. Als Polydor und Decca bemerkten, dass die Platte ein Erfolg wird, drohten sie Kapp Records mit einer Klage: Die Firma hatte ja weder einen Vertrag mit Kaempfert noch mit mir. Da knickte Kapp Records sofort ein: "Wir sind ja nicht blöde und lassen uns von den beiden großen Firmen verklagen" - und nahmen die Platte vom Markt.

Und wie wurde dann ein Welterfolg draus?

Die Gruppe um Al Martino hörte den Song durch Zufall - drei Monate später. Er nahm ihn auf, inklusive zweier Fehler. Einmal singt er "you and your Spanish eyes, you waits for me ..." statt "wait for me". Er übernahm exakt das Arrangement, das auch ich gesungen hatte. So war es. Al Martino musste jahrelang den Wasserträger von Frank Sinatra spielen.

Für welche Firma nahm denn Al Martino den Song auf?

Das weiß ich nicht. Es ist mir auch völlig egal, weil es mich nicht interessiert, verstehen Sie?

Wie viele Exemplare wurden von Ihrem Hit verkauft?

Viele Millionen, ich weiß es nicht, das interessiert mich auch nicht.

Die Sache hat Sie gekränkt.

Nein, denn ich wusste von Anfang an, dass Spanish Eyes ein Hit wird. Geärgert hat mich, dass Polydor so blöd war - gekränkt hat mich das nicht. Da muss schon was anderes geschehen.

Das klingt nicht wirklich überzeugend. Statt der spanischen Augen also deutsche Lieder. Welches ist Ihnen denn das wichtigste?

Brennend heißer Wüstensand, weil es ein wenig von meinem Leben erzählt, mich an die Fremdenlegion und an das Autostoppen in Algerien erinnert. Und weil es mein erster Erfolg war - das genaue Gegenteil des Seemannsbildes, das man mir später verpasst hat. Niemand glaubte an den Erfolg. Aber dann wurden drei Millionen Platten verkauft und weitere fünf Millionen Koppelungen davon.

Ich lese Ihnen einen kleinen Monolog vor: "Ich hole die Polizei, ich lasse das ganze Haus foltern, Mägde, Diener, den Sohn, die Tochter, mich selbst. Schnell, geschwind, Kommissäre, Häscher, Wächter, Richter, Daumenschrauben, Schafott, Henker. Ich lasse alle Welt hängen. Und finde ich mein Geld nicht, erhänge ich auch mich." Was ist das?

Eine Rolle, die ich immer spielen wollte: den Geizigen. Ich genieße große Popularität und empfinde das durchaus als Gnade. Nur: Für mich ist das Ende meiner künstlerischen Entwicklung noch nicht erreicht. Ich komme jetzt in das Alter, in dem ich es für legitim halte, Charakterrollen spielen zu wollen. Das ist doch legitim, oder?

Davon träumen Sie aber schon lange: Das erste Mal schwärmten Sie vom "Geizigen" im Jahr 1974.

Damals hatte man noch Träume.

Das klingt sehr wehmütig.

Ja. Ich bin ehrgeizig und möchte meine Grenzen ausschöpfen. Und sie sind es noch nicht. Nein! Alle große Mimen - ohne mich jetzt einschließen zu wollen - haben nach ihrem 60. Geburtstag einen Schub bekommen und Altersrollen gespielt. Das fehlt mir noch.

Ihre Fans haben das bis heute nicht zur Kenntnis genommen. Für sie sind Sie ein junger Mann geblieben.

Ha! Ich gehe ja nicht auf die Bühne und sage: "Hier, Publikum, ich bin ein junger Mann!" Die Leute wollen einfach nur den Jungen von Sankt Pauli sehen.

Dürfen Sie nicht älter werden, nicht so alt sein, wie Sie tatsächlich sind? Nämlich 67?

Mein Publikum will das nicht sehen.

Warum machen Sie nicht einfach ein Musikprogramm, in dem Sie nur singen, was Ihnen am Herzen liegt - ihr Lieblingsprogramm: ein Barhocker, ein Klavier, und Freddy Quinn singt internationale Chansons.

Das geht nicht. Ich bin ein Dienstleister und richte mich danach, was die Menschen von mir verlangen. Wenn ich mache, was Sie vorschlagen, trete ich für eine Minderheit auf.

Und? Was stört Sie daran?

Das stört mich nicht - aber ich habe keine Zeit dafür, denn meine Ambition ist es, am Theater weiterzukommen.

Und wenn nicht?

Kann mich das nicht deprimieren, denn ich bin der einzige in dieser Branche, der von 1956 bis heute kontinuierlich bekannt geblieben ist - und zwar im positiven Sinne bekannt.

Das Gespräch führte Christian Ankowitsch