Migräne, die "Halbschädelige", ist eine Volkskrankheit - aber eine der stillen, unspektakulären, denen Respekt und Forschungsmittel nur knapp zuteil werden und deren Opfer zum Schaden ... nun, Spott ist es nicht, was ihnen begegnet, aber doch immer wieder jenes zweifelnde Kopfnicken, welches ihnen signalisiert, dass man sie für Hypochonder, wenn nicht Simulanten hält.

Dabei zeigte eine britische Studie im Jahre 1994, wie geradezu lebenszersetzend Migräne sein kann. Im Vergleich mit Dauerkranken, die an einem Diabetes, einer Arthritis oder einer klinischen Depression litten, erwiesen sich Migräniker als rundum - körperlich, seelisch, sozial - stärker beeinträchtigt; nur der seelische Zustand der Depressionskranken war noch schlechter. Da während des Anfalls nicht nur der (halbe) Kopf wehtut, sondern jede Arbeit und jedes Vergnügen, jede körperliche oder geistige Tätigkeit schwer fällt oder ganz unmöglich ist, haben Migräniker einfach bestimmte Tage aus ihrem Leben zu streichen. Im Durchschnitt sind es 34 im Jahr.

Nur 27 Prozent der Migränekranken wissen, dass sie Migräne haben; nur 38 Prozent gehen mit ihrer Migräne je zu einem Arzt. Und von denen, die zum Arzt gehen, erhalten nur 26 Prozent die richtige Diagnose. Das heißt: Nur jeder zehnte Migräniker hat in Deutschland auch nur die Chance, mit der richtigen Diagnose eine richtige Therapie zu erhalten.

Die meisten Vordiagnosen, mit denen Kopfschmerzpatienten ins Klinikum Münster kommen, erweisen sich dort nach dem Klassifikationsschema der IHS schlicht als falsch. Die Migräne wird von 50 Prozent der Hausärzte und immerhin noch 10 Prozent der Neurologen verkannt, der häufigere Spannungskopfschmerz sogar von 60 Prozent der Hausärzte und 30 Prozent der Neurologen. Fachärzte suchen die Ursachen von Kopfschmerzen mit Vorliebe auf ihrem eigenen Spezialgebiet: Hals-Nasen-Ohren-Ärzte in der Nasenhöhle, Zahnärzte in den Kauwerkzeugen, und die Orthopäden meinen in schöner Regelmäßigkeit, ein Halswirbelsäulensyndrom zu erkennen.

Aber selbst die Minderheit der richtig diagnostizierten Migränekranken wird oft immer noch mit den Mitteln von vorgestern behandelt, vor allem mit Ergotaminpräparaten, die bei bescheidener Wirkung viele unangenehme Nebenwirkungen mit sich bringen - und, gravierender, bei fortgesetzter Einnahme die Häufigkeit und Stärke der Migräneanfälle erhöhen. Ein informierter Arzt wird daher heute zuallererst ausschließen, dass nicht eine falsche Medikation die Ursache für die sich verschlimmernden Kopfschmerzen seines Patienten ist.

Dabei könnte einer Mehrheit der Migränekranken (nicht allen) heute durchaus geholfen werden: mit den Triptanen, deren erstes, das Sumatriptan, in Deutschland 1993 zugelassen wurde und von denen gerade die dritte Generation (mit weniger Nebenwirkungen) in den Handel kommt. Die Triptane merzen die Migräne nicht an der Wurzel aus, aber sie lindern ihre unangenehmsten Symptome, den Schmerz, die Übelkeit, die Reizempfindlichkeit, und das relativ schnell und auch noch im fortgeschrittenen Stadium einer Attacke. Ihre Hauptnachteile: dass sie nur etwa zwei Dritteln der Migräniker helfen, dass sie Patienten mit Herz-Kreislauf-Problemen gefährlich werden können, dass bei vielen der Kopfschmerz nach etwa 24 Stunden wiederkehrt - und dass sie, zielgenaue Produkte jahrzehntelanger Forschung, teuer sind und daher ungern verschrieben werden.

Wie und warum wirken sie? Was ist "Migräne" überhaupt? Sie ist nicht, wofür sie lange gehalten wurde: eine Gefäß- oder eine Blut(plättchen)-Krankheit oder eine Störung der Hirndurchblutung. Heute wird in ihr vielmehr ein bisher nur teilweise erforschter, tief im Innern des Gehirns beginnender krankhafter Prozess gesehen, in dessen Verlauf die Regulierung eines omnipräsenten Neurotransmitters gestört wird, des Serotonins. Die Störung tritt bei Menschen auf, die eine erbliche Disposition haben, auf bestimmte Reizänderungen, die dann die "Auslöser" der Migräne sind, zu stark zu reagieren: auf die hormonelle Umstellung des Monatszyklus, auf bestimmte Proteine in der Nahrung, auf einen Wetterumschwung, auf psychischen Stress (oder bei der "Wochenendmigräne" auf den plötzlichen Wegfall des gewohnten Stresses). Erst produziert das Gehirn zu viel Serotonin, dann baut es den Überschuss zu stark ab, dann herrscht Serotoninmangel - und am Ende erreicht der Prozess die Arterienwände in den Hirnhäuten und löst in ihnen eine (nichtbakterielle) Entzündung aus: Die Gefäße weiten sich, die Gefäßwände schwellen und lassen Blutplasma nach außen sickern, ihre Schmerzempfindlichkeit steigt - und der für sie zuständige Trigeminusnerv beginnt den typischen pochenden Migränekopfschmerz zu registrieren.