Herr Kracht, Herr v. Stuckrad-Barre, Sie veröffentlichen dieser Tage drei Bücher, eine CD und treten als Models in Anzeigen eines Bekleidungshauses in Erscheinung. Sie bezeichnen diese Offensive als »Feuerwalze«.

Stuckrad-Barre: Da sich unsere Verlage weigern, Bauzäune mit uns zu plakatieren, und sie auch keine Werbespots im Kino oder Fernsehen buchen, in denen Topmodels mit unseren Büchern posieren, müssen wir zu anderen Mitteln greifen, um dem Leser zu übermitteln: Es darf wieder gekauft werden. Es wäre ja töricht, sich auf die Literaturkritik zu verlassen.

In Ihren Büchern geht es meist darum, dass Sie die richtige Musik hören und die richtigen Marken anhaben. Tragen Sie nun auch privat Kleidung von Peek und Cloppenburg?

Kracht: Nein, bei diesem Foto-Shooting wurde uns ja nur Mode in Größe 52 zur Verfügung gestellt. Wir selbst tragen Größe 46.

Stuckrad-Barre: Wolfgang Niedecken von BAP hat drei Jahre lang darüber nachgedacht, ob es für sein Image vertretbar ist, seine Tournee von Camel Trophy sponsern zu lassen. Diese Art der Glaubwürdigkeit ist für einen Schriftsteller aber ja vollkommen unerheblich, mit solchen Überlegungen mögen sich andere plagen.

Kracht: Interessant ist ja auch, dass es gerade Schriftstellern vorgeworfen wird, wenn sie für ein Produkt werben. Das mag aber auch daran liegen, dass diese oft nicht attraktiv genug sind.

Muss man heutzutage als junger Schriftsteller zu solchen Mitteln greifen, um überhaupt beachtet zu werden?

Stuckrad-Barre: So viele Menschen wie möglich sollen unsere Bücher kaufen und lesen - darum geht es. Beschlusslage in Deutschland ist aber ja: Literatur ist nichts für die so genannte Masse. Literatur hat in kleinen miefigen Literaturhäusern stattzufinden, wird subventioniert, geduldet, ertragen. Sich dann innerhalb dieser Nische allerdings so laut wie möglich zu verhalten und tatsächlich eine schnöde Buchveröffentlichung als Ereignis zu stilisieren ist unser Ziel, denn nur so ist Berichterstattung, und somit Werbung, gewährleistet.

Kracht:

Herr Stuckrad-Barre, in einem Literaturhaus zu lesen ist wie einen Autoreifen ficken, schreiben Sie in dem neuen Buch »Livealbum«.

Stuckrad-Barre: Ja, ein schöner Vergleich. Das Bestreben ist natürlich, selbst und gerade dort auch eine gute Lesung hinzukriegen.

Sie werden als Popliteraten bezeichnet.

Kracht: Ich hab keine Ahnung, was das sein soll: Popliteratur.

Stuckrad-Barre: Dieses Etikett wird ja stets abwertend verwandt, als Abgrenzung gegen die vermeintlich richtige, echte, tiefe Literatur. Popliteratur als Behindertenparkplatz der Literatur. Das ist diese panische Besitzstandswahrung des Feuilletons. Die merken, dass wir offenbar ohne ihr Zutun Menschen erreichen, dass die Leser die Frechheit besitzen, trotz brutalster Verrisse unsere Bücher zu kaufen. Folglich nennen sie es verächtlich Popliteratur, weil sie auch Pop nicht begreifen, das passt also. Niemand, der ein ernstzunehmendes Verhältnis zu Pop hat, würde dieses nichtssagende Wort gebrauchen.

Wie würden Sie es denn nennen?

Stuckrad-Barre: Nicht Popliteratur, sondern allenfalls Literatur-Pop. Ich benutze die ästhetischen Mittel des Pop, Pop ist Referenzrahmen und stilbildendes Subthema, und das wiederum ist ein Abbild der Realität von Kultur hierzulande. Von Politik, von Fernsehen, Werbung, Sprache. Also muss es sich niederschlagen in zeitgenössischer Literatur. Ich verstehe die Aufregung nicht. Zum Beispiel Autorenfotos.

Kracht: Ich stelle meinem Verlag grundsätzlich nur Urlaubsfotos zur Verfügung. Da sieht man gut aus, ist schlank, braun gebrannt. Und das kann Isolde Ohlbaum nicht leisten, wenn sie Schriftsteller mit Füllfederhalter im Mund vor dem Bücherregal fotografiert.

Stuckrad-Barre: Das ist das Pop-Prinzip: vorgaukeln, behaupten, verfälschen, täuschen.

Jugendliche und Lifestyle-Blätter feiern Sie und Ihre Werke, das klassische Feuilleton hingegen reagiert mit Unverständnis und Ablehnung. Wie erklären Sie sich das?

Stuckrad-Barre: Ich kann diese dauerironischen Betrachtungen nicht ertragen, in denen mittels völlig haltloser elitärer Distanz gleichmachend berichtet wird über egal was: die Love-Parade, Gerhard Schröder, Verona Feldbusch, die Sonnenfinsternis, das Goethe-Jahr, daily Talks - oder eben die so genannte Popliteratur.

Kracht: Diese Gesellschaft ist so ironiedurchtränkt, dass es für uns arrogant und vermessen wäre, eine ironische Haltung zu beziehen.

Stuckrad-Barre: Vollkommen wahllos wird pro Saison ein Buch herausgegriffen und gegen die unsrigen gestellt: auf der einen Seite die vorlauten Popper und auf der anderen Seite der sympathische feine Beobachter, der es noch versteht, den Moment hinter dem Moment zu beleuchten, den alltäglichen Wahn liebevoll zu sezieren - oder ähnlicher Schwachsinn. Oder es heißt: Es ist kein Entwicklungsroman, und dabei scharren diese Kritiker im 18. Jahrhundert mit den Füßen. Hilfe! Ja und?

Sie schreiben, so scheint es, am liebsten über sich selbst.

Stuckrad-Barre: Entschuldigung, aber über wen denn bitte sonst?

Und viele Ihrer Beobachtungen sind eher stark vereinfachend. Deutsche Männer, die nach Bangkok fliegen, sind natürlich dick und trinken Bier, und die Frauen im Kulturhaus tragen natürlich indische Röcke.

Kracht: Deutsche Männer, die nach Bangkok fliegen, um dort Minderjährige zu missbrauchen, sind in der Mehrzahl dick und trinken Bier an Bord der Chartermaschine.

Stuckrad-Barre: Sie meinen, das sei bekannt und müsse nicht erwähnt werden? Meine Recherchen vor Ort haben ergeben, dass indische Röcke getragen werden, also habe ich es so detailliert wie möglich aufgeschrieben.

Aber handelt es sich bei den genannten Beispielen nicht bloß um Klischees?

Kracht: Genau, das sind Klischees, das ist die Oberfläche. Und die auszuloten, darum geht es.

Stuckrad-Barre: Es gibt ja nichts anderes als die Oberfläche. Und die Kritik, die einem das vorwirft, führt das exemplarisch vor, indem sie den Lesern verschweigt, worüber und wie wir eigentlich schreiben, und stattdessen ausschließlich Überlegungen anstellt über unseren Auftritt, die Fotos, die Anzeigen, die Oberfläche also. Die Kritik erdolcht sich damit selbst, ist im Grunde Kritik-Pop.

In Ihrem Buch heißt es über eine Lesung, es sei besser, wenn 40 Neunjährige da sind als neun 40-Jährige.

Stuckrad-Barre: Vor kurzem sagte mir jemand, seiner Mutter würden meine Bücher gefallen. Und dachte, er ärgere mich damit wahnsinnig. Aber ich fand das erfreulich, weil doch Mütter auch eine Riesenzielgruppe sind.

Also wollen Sie doch für alle schreiben. Und es ist Ihnen wichtig, vom Feuilleton gelobt zu werden.

Stuckrad-Barre: Jetzt wäre die vornehme Standardentgegnung: Wir lesen keine Kritiken, was zählt, ist allein der Leser. Aber das stimmt nicht. Ich wünschte, die Gewerkschaft der Feuilletonisten tanzte ausgelassen um meine Bücher herum, würfe Mützen in die Luft und schrie: Endlich!

Herr Kracht, Sie geben normalerweise keine Interviews. Warum nicht?

Stuckrad-Barre: Weil es ihn langweilt.

Kracht: Und ich bin ja sehr reich.

Dann brauchten Sie keine Werbung zu machen.

Stuckrad-Barre: Es war schwierig, Christian zu der Werbekampagne zu überreden. Das war ein Freundschaftsdienst, weil ich nämlich das Geld dringend brauche. Deshalb auch die zwei Bücher von mir auf einmal.

Beim Thema Popliteratur tauchen immer dieselben Namen auf. Auch in Ihrer Anthologie »Mesopotamia« schreiben die üblichen Verdächtigen. Ist diese Inzucht nicht langweilig?

Kracht: Dieser »Brat-Pack«-Vorwurf ist mir zu liberal. In der Anthologie schreiben Menschen, weil sie ausgezeichnet schreiben können. Es sind die besten jungen Schreiber Deutschlands.

Stuckrad-Barre: Konsens ist ja: Eigentlich sind die meisten Menschen doof. Eigentlich sind die meisten Bücher nichtig. Eigentlich sind die meisten Lieder im Radio unerträglich. Eigentlich sind viele Menschen unakzeptabel gelaunt und gekleidet. Der Schluß daraus ist: Nischen suchen, kämpfen, besser sein, aufhören zu jammern. Wir sind befreundet und haben denselben Beruf. Es sind auch viele Bäcker befreundet und tauschen Rezepte aus. Zusammenhalt ist das Gegenteil von Ironie.

Kracht: Sehr schön gesagt.

Das Gespräch führten Anne Philippi und Rainer Schmidt