Aliquid semper haeret , hieß es in der römischen Antike, die bereits ein explizites Wissen über die Rolle der Diffamierung im Konflikt der Ambitionen besaß. Der Satz besagt: Verleumde allemal, weil auch bei völliger Widerlegung eine Rückkehr zum Zustand davor nicht mehr gelingt. Etwas haftet immer. Ich entwickle allerdings soeben eine neue Hypothese über jenes aliquid , das stets hängen bleibt. Jakobiner sind gewiss mit dem römischen haeret -Prinzip besser vertraut als ich, aber auch mir, dem Anti-Jakobiner, springt ins Auge, dass der Satz unbestimmt lässt, an wem das aliquid haften bleiben soll. Bleibt es am Denunzierten, bleibt es am Denunzianten?

Lassen wir es, dieses eine Mal, auf den Versuch ankommen. (Die deutsche Nachkriegsdebattengeschichte zeigt freilich bisher keine ermutigende Bilanz, weil der liberal-jakobinischen Prozessform gemäß der Angegriffene der Verlierer ist. Skandalstatistisch gesehen sind meine Aussichten nach dem Habermas-Assheuer-Mohr-Coup miserabel - es sei denn, es entwickelte sich ein Metaskandal, an dem sich etwas lernen lässt über die Geschäfte der Skandalisten in diesem Land, über die deutsche Entrüstungsindustrie, die Dekadenz der Kritik und die eingeschliffenen Allianzen zwischen Liberal-Jakobinismus und Showsystem.)

Im Grunde ist die Situation so geheimnisvoll nicht: Die Ära der hypermoralischen Söhne von nationalsozialistischen Vätern läuft zeitbedingt aus. Eine etwas freiere Generation rückt nach. Ihr bedeutet die überkommene Kultur des Verdachts und der Bezichtigung nicht mehr sehr viel. Die traumabedingte Retrospektivität der Nachkriegskinder kann ihre Sache nicht mehr sein (ausgenommen diejenigen unter den Jüngeren, die die jakobinische Neurose von den Älteren übernahmen - Söhne von Söhnen, ein Kapitel linker Sozialpsychologie). Die meisten, soweit sie nicht entmutigt sind, denken dem Neuen entgegen, mit einer Freiheit, von der die alten Problemträger nur wenig wissen. Wäre die Sache nicht auch ein wenig tragisch, so wäre Gelächter die einzige richtige Auflösung der Affäre.

Wen wundert es eigentlich, dass in dieser Lage die alten Mentalitätsmachthaber sich vor ihrer Ablösung noch einmal aufbäumen und ihre Schuld und ihre Unfreiheit mit letzter Anstrengung auf die Nachkommen zu legen versuchen? Sie wollen der eigenen Hypermoral ein riesiges Denkmal setzen, und sie wollen einmal noch, wie damals, als kein toter Diktator vor unserem Widerstand sicher war, zur Faschistenjagd aufbrechen.

Ach, lieber Habermas, würde ich am liebsten sagen, es ist vorbei. Die Zeit der Söhne mit dem zu guten und dem zu schlechten Gewissen geht vorüber. Was ist daran so traurig? Es gilt, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Was ich philosophisch als Theoretiker des humanen Traums dazu beitragen wollte, zeigen meine beiden letzten Bücher.

Die Kritische Theorie ist an diesem 2. September gestorben. Sie war seit längerem bettlägerig, die mürrische alte Dame, jetzt ist sie ganz dahingegangen. Wir werden uns versammeln am Grab einer Epoche, um Bilanz zu ziehen, aber auch, um des Endes einer Hypokrisie zu gedenken. Denken heißt Danken, hatte Heidegger gesagt. Ich meine eher, Denken heißt Aufatmen.

Mit freundlichen Grüßen Ihr P. Sl.