Eine Ära geht zu Ende: Die Ludwigsburger Zentralstelle, die "Zentralstelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen", wie ihr Name vollständig lautet, wird nach Auslauf der allerletzten Verfahren demnächst in ein Forschungszentrum unter der Obhut des Bundesarchivs umgewandelt - über 40 Jahre nach ihrer Gründung am 1. Dezember 1958. So haben es die Länderjustizminister beschlossen. Aufgabe dieser Vorermittlungsinstanz für die zuständigen Staatsanwaltschaften ist es, war es, "Verbrechen zu verfolgen, die außerhalb der Bundesrepublik an Zivilpersonen im Zusammenhang mit dem Krieg, doch außerhalb der eigentlichen Kriegshandlungen begangen worden waren, für die es in der Bundesrepublik aber keinen Gerichtsstand gab".

Den letzten Anstoß zur Einrichtung dieser Stelle hatte der Ulmer Prozess gegen das "Einsatzkommando Tilsit" gegeben, im selben Jahr 1958: 10 Angeklagte, denen vorgeworfen wurde, nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 in einem 25 Kilometer breiten Streifen des deutsch-litauischen Grenzgebietes alles jüdische Leben, das Leben von 4000 Männern, Frauen und Kindern, ausgelöscht zu haben. Dieses Verbrechen im Bereich der Einsatzgruppe A war während des Nürnberger Einsatzgruppenprozesses vor dem amerikanischen Militärtribunal 1947/48 überhaupt nicht aufgetaucht. Welche Verbrechen lagen also noch im Dunkeln?

Mit dieser Frage wurde eine Gewitterwolke aufgerissen, die von allem Anfang an über der Bundesrepublik geschwebt hatte: 13 Jahre nach der Kapitulation des großdeutschen Nazireichs war die Strafverfolgung von NS-Verbrechen nach wie vor zufällig und unsystematisch, gab es immer noch keine Justizbehörde, die sich ausschließlich damit befasste. Und so war es diese Einsicht, dieser Schock, der die Justizminister der Länder die Zentralstelle in Ludwigsburg bei Stuttgart gründen ließ - Beginn einer gigantischen justiziellen Kraftanstrengung, in deren Verlauf es zu etlichen Verfahren kam (darunter der Frankfurter Auschwitz- und der Düsseldorfer Maidanek-Prozess) und an deren Ende 100 000 Aktenordner und mehr als eine Million Dokumente in den Archiven liegen.

Und dennoch bleibt angesichts des Endes dieser Ära vor allem eins: ein bitteres, trauriges Lächeln über das kümmerliche Ergebnis all dieser Mühen. Ich habe seit dem Bonner Prozess 1958/59 gegen die Aufseher des KZs Sachsenhausen-Oranienburg, Gustav Sorge und Karl Schubert, bis in die unmittelbare Gegenwart hinein zahlreiche Verfahren beobachtet, mich aber schon bald gefragt: Wer sitzt hier eigentlich auf der Anklagebank, wer stellt den exemplarischen, den Haupttypus der Täter? Die Antwort war binnen kurzem klar, und an ihr hat sich in den Jahrzehnten seither nichts geändert: Vor den Schranken der Schwurgerichte standen die untersten Glieder in der Kette der Vernichtungsmaschinerie, die kleinen Angestellten des Verwaltungsmassakers, die Tötungsarbeiter selbst. Es war die Spezies, die nicht sagen konnte, sie habe "von nichts gewusst", weil sie nachweisbar mit ihren Nagelstiefeln, ihren Pistolen, Knüppeln oder auch bloßen Händen gemordet hatte.

Sie wurden völlig zu Recht angeklagt, diese "Kleinen". Nur: Wo eigentlich blieben die "Großen", die Planer und Strategen, die Köpfe der Mordzentrale Reichssicherheitshauptamt (RSHA), die doch nicht alle, wie ihr Chef Heinrich Himmler, Selbstmord begangen hatten? Wo die Wehrwirtschaftsführer, die hohen und pflichtschuldigen Militärs, ohne deren Willfährigkeit beziehungsweise eigene kriminelle Energie gar nichts gegangen wäre? Wo die Bauherren von Auschwitz, die Architekten der Todesfabriken Treblinka, Belzec, Sobibor?

Wo, zum Beispiel, Otto Bovensiepen, Chef der größten, der Gestapoleitstelle Berlin, unter anderem verantwortlich für die Deportation von über 50 000 Berliner Juden nach Osten ins Gas? Wo Werner Best, Stellvertreter Heydrichs und Organisator der ersten mobilen Todesschwadronen in Polen? Wo Bruno Streckenbach, als Personalchef des RSHA einer der größten Schreibtischtäter aller Zeiten? Die Antwort: Streckenbach starb 1977, ohne je bestraft worden zu sein, in meiner Vaterstadt Hamburg

Bovensiepen, rechtzeitig erkrankt, wurde für verhandlungsunfähig erklärt, und Best, des 8000fachen Mordes angeklagt, fühlte sich, ebenfalls ärztlich bescheinigt, der "Belastung eines Mammutverfahrens gesundheitlich nicht gewachsen". Seither verstauben 800 Kilo Akten und eine 1000-seitige Anklageschrift.