Darf man Menschen züchten? Und wenn ja, wie? Schöner, größer, intelligenter? Soll es ein Leben ohne Krankheiten sein oder lieber gleich das ewige? In diesem Punkt jedenfalls hat Peter Sloterdijk Recht: Das Thema wird seit Platon diskutiert. Im dritten Band seiner Politeia stellt der griechische Philosoph die rhetorische Frage, nach welcher Regel sich Männer und Frauen paaren sollen. Antwort: "Die Besten mit den Besten und die Schlechtesten mit den Schlechtesten." Man mag allerdings erwähnen, dass Platons Ruhm nicht gerade auf Beiträgen zur Naturwissenschaft gründet; die lieferte später sein Schüler Aristoteles, als Widerspruch zur platonischen Lehre.

Auch ohne Platons Rat hat sich die Menschheit nicht wahllos fortgepflanzt. Familien, Dorfgemeinschaften, Stämme, Clans haben bestimmte Typen hervorgebracht. Rothaarige Wikinger etwa. Die Heiratspolitik der europäischen Königshäuser war ebenfalls der Versuch, adliges Blut adlig rein zu halten. Wobei ein Effekt sicher nicht erwünscht war, der bei jeder Zucht auftritt: Zucht bedeutet zwangsläufig Inzucht. Es mögen sich die Besten mit den Besten paaren, am Ende kann Schlechtes dabei herauskommen. Jahrhundertelange Vettern- und Kusinenwirtschaft hat Europas Hochadel genetisch eher ins Abseits getrieben. So bildete das Geschlecht der Habsburger die Habsburger Lippe aus, eine Missbildung der Kiefern, welche die Betroffenen dazu zwang, sich vorwiegend von Suppe oder Brei zu ernähren. Die Linie der Romanows war von der Hämophilie gezeichnet, Russlands letzter Zarewitsch litt an der Bluterkrankheit, ebenso Queen Victoria.

Der Fortschritt, wenn es einer ist, kommt aus der Medizin und aus der Gentechnik. Beide Disziplinen vereinen sich da, wo verzweifelte Eltern in spe Hilfe suchen - in den Zentren der Reproduktionsmedizin. Befruchtung im Reagenzglas ist heute die Standardmethode, wenn der Kinderwunsch sich nicht erfüllt. Auch für die Zeit danach ist gesorgt. Von der Zeugung bis zur Geburt begleiten die Ärzte Mutter und Kind. In verschiedenen Stadien der Schwangerschaft kann das Erbgut des Ungeborenen analysiert werden. Triple-Test (auf Down-Syndrom) oder Mukoviszidose-Test sind zwei der gängigsten. Jährlich kommen etwa 100 neue DNA-Tests auf den Markt. 800 Erbkrankheiten lassen sich diagnostizieren, die Wissenschaft kennt rund 5000 weitere Genabschnitte, die mit irgendwelchen Krankheiten in Verbindung stehen.

So gut wie keine dieser Krankheiten ist ursächlich zu behandeln. Nur wenige sind therapierbar. Im Zweifelsfall fällt eine negative Entscheidung; Abtreibung ist der einzige Weg, ein erbkrankes Kind zu verhindern. Alle genannten Testverfahren haben zudem den Nachteil, sichere Ergebnisse spät zu liefern - manche erst nach der 20. Schwangerschaftswoche. Ein Fötus besäße zu diesem Zeitpunkt bereits Überlebenschancen außerhalb des Mutterleibs.

Wer nichts mehr fürchtet als ein erbkrankes Kind, der steht vor einem Dilemma. Verzicht auf Nachwuchs oder Schwangerschaft auf Probe (mit der Option auf Abbruch) - so sah bis vor kurzem die Alternative aus. Der Begriff Eugenik wird in diesem Zusammenhang ungern benutzt; die Beteiligten, so heißt es, träfen ja eine individuelle Entscheidung, nach eigenem Gewissen und gründlicher Beratung.

Natürlich steht es jedem Elternpaar frei, im Wissen darum auch ein behindertes Kind zur Welt zu bringen. Doch dies wird aufgrund umfassender Diagnose wohl bald die Ausnahme werden. Es ist im Gegenteil ein gesellschaftliches Klima vorstellbar, das Erbkrankheiten unterschwellig diskriminiert, weil "so etwas" angesichts medizinischen Wissens doch wirklich nicht mehr sein müsse. Anders ausgedrückt: Kein platonischer Menschenhirt, aber auch kein hitlerscher Schurke ist nötig, den eugenischen Gedanken in die Praxis umzusetzen. Es reichen besorgte Eltern. Den Rest erledigen möglicherweise Kindergarten, Schule und ein soziales Umfeld, das ein unglückliches genetisches Schicksal künftig nicht mehr als gottgegeben betrachten, sondern als selbst verschuldet.

Jeder Mensch trägt ein halbes Dutzend Erbkrankheiten mit sich herum

Erbkrankheiten halten sich also versteckt. Und zwar in uns allen, die wir schätzungsweise 98 Prozent der (vom Erscheinungsbild her gesunden) Menschheit bilden. Jeder von uns trägt im Durchschnitt ein halbes Dutzend seltener Erbkrankheiten mit sich herum. Die aber kämen erst dann zum Tragen, wenn wir einen Partner fänden, der zufällig die gleichen Anlagen besäße. Man nennt es das Hardy-Weinberg-Gesetz, benannt nach seinen beiden Entdeckern: Seltene rezessive Merkmale sind wie die Nadel im Heuhaufen. Wer eine rezessive Erbkrankheit wirklich ausrotten will, muss jene 98 Prozent der Bevölkerung durchleuchten (und gegebenenfalls an der Fortpflanzung hindern), bei denen sie gerade nicht in Erscheinung tritt. Ein solches Massen-Screening ist kaum realisierbar, sein Aufwand stünde in keinem Verhältnis zum angestrebten Ergebnis.

Fazit: Negative Eugenik ist möglich. Im Einzelfall wird sie bereits praktiziert. Sie könnte auf Dauer Moral und Gesellschaft umkrempeln, aber nicht das menschliche Erbgut in toto.

Den Philosophen ging es stets um mehr. Auch Platon oder Nietzsche träumten nicht nur davon, Schwache oder Kranke auszumerzen. Sie wollten den Menschen als solchen verbessern. Ist eine solche positive Eugenik nach heutigem Kenntnisstand möglich? Auf den ersten Blick nicht. Dazu müsste man imstande sein, menschliche Gene einigermaßen gezielt zu verpflanzen. Die Technik ist bereits erprobt worden. Es hat rund 100 klinische Versuche an mehr als 600 Patienten gegeben, Krankheiten wie Lungenkrebs, Muskeldystrophie oder familiäre Hypercholesterinämie mittels Gen-Therapie an ihrer Wurzel zu packen. Dabei soll, so die Theorie, ein defektes Gen im Körper durch ein funktionierendes ersetzt werden. In der Praxis sind bislang alle Experimente gescheitert. Was nicht heißt, dass das für alle Ewigkeit so bleibt. Labormäuse lassen sich mittlerweile über Generationen hinweg fast beliebig manipulieren.

Ähnliche Verfahren wie bei der somatischen Gen-Therapie müssten auch bei einer eventuellen Keimbahn-Therapie (Eingriff in Samen- und Eizelle) zum Einsatz kommen. Versuche zur menschlichen Keimbahn-Therapie sind zur Zeit weltweit geächtet, in vielen Ländern sogar verboten. Das Gleiche gilt für das vorsätzliche Klonen von Menschen. Klonen wäre immerhin ein denkbarer Weg der positiven Eugenik, weil das erwartbare Ergebnis, wenigstens ungefähr, schon zu Lebzeiten besichtigt werden kann.

"Übermenschen" wären das immer noch nicht. Höchstens Kopien von Menschen, die sich selbst für besonders gelungen halten (oder es in den Augen anderer sind). Der breiten Mehrheit ist allerdings wenig daran gelegen. Prosaisch gesprochen wünschen sich die meisten Eltern nur, dass ihr Nachwuchs ein bisschen klüger, ein bisschen schöner oder vielleicht ein bisschen musikalischer ausfällt; dass er es mit anderen Worten mal ein bisschen besser haben wird. Wäre die Wissenschaft erst in der Lage, diesen Wunsch zu erfüllen, fiele es nicht mehr schwer, sich den entsprechenden Bedarf vorzustellen.

Die Fantasie jedenfalls ist angeheizt. Seit Jahren vergeht kaum ein Monat, in dem nicht ein neues Intelligenz-Gen, ein Gen für dies und ein Gen für das vorgestellt wird. Dazu muss man wissen: Selbst die Angewohnheit zum Nasebohren lässt sich mühelos mit dem Vorhandensein bestimmter Genabschnitte verbinden, ähnlich wie man den Rückgang der Geburtenrate zwanglos mit dem Aussterben des Klapperstorches begründen kann: Kaum ein wissenschaftliches Gebiet bewegt sich in so trübem Fahrwasser wie die Genetik des menschlichen Verhaltens.

Der Grund dafür ist wiederum technischer Natur. Schon die wenigsten Krankheiten lassen sich eindeutig einem einzigen Gen zuordnen, meist sind Dutzende beteiligt. Umgekehrt können Dutzende verschiedener Gene ein- und dasselbe Krankheitsbild hervorrufen. Darüber hinaus "macht" ein Gen von allein gar nichts; es steht unter der Kontrolle anderer Gene, alle zusammen sind Bestandteil einer ganzen Kaskade biochemischer Prozesse, die vielfach rückgekoppelt sind. Schließlich hängt die Reaktion eines Organismus entscheidend von Umwelteinflüssen ab. Selbst das Fehlen von Umwelteinflüssen ist ein Umwelteinfluss.

Niemand denkt an einen Übermenschen - den Rohstoff dafür gibt es gar nicht

Das Studium einzelner Gene, die das Verhalten von Tier und Mensch beeinflussen, kann also nur einen kleinen Teil zum Verständnis beitragen. Und schon gar nicht den Rohstoff für Übermenschen liefern. Seriöse Verhaltensgenetiker wissen das; in ihren Publikationen geben sie meist an, mithilfe welcher statistischer Methoden sie zu ihren Ergebnissen gelangt sind. Verhaltensweisen sind komplex, komplexer noch als Krankheiten, und wenn es darum geht, komplexe Dinge zu studieren, dann ist Statistik der einzige Ausweg. Ernsthaft wird man also nicht erwarten dürfen, seinem Nachwuchs eines Tages ein schnuckeliges Genie-Gen in die Wiege legen zu können. So einfach sind weder das menschliche Erbgut noch die menschliche Natur gestrickt.