In den vergangenen Jahrzehnten war kein anderer Wissenschaftsbereich so aufregend wie die Genetik, nicht einmal die Kosmologie. Und keiner war auch nur annähernd von solch enormer Bedeutung für das Leben unserer Nachkommen. Unter den Möglichkeiten, die derzeit von den Genetikern erforscht werden, verursacht die größte Unruhe die Macht der Ärzte, darüber zu entscheiden, welche Menschen geboren werden sollen. In gewissem Maße verfügen die Menschen schon lange über diese Macht, seit sie lernten, dass die Paarungserlaubnis für bestimmte Menschen Konsequenzen für die daraus hervorgehenden Kinder hat. Die Eugenik, die von Menschen wie George Bernard Shaw und Adolf Hitler befürwortet wurde, folgte dieser einfachen Erkenntnis. Inzwischen jedoch stellt die genetische Wissenschaft die Möglichkeit in Aussicht, ganz besondere Menschen zu schaffen, die nach einem detaillierten Plan entworfen sind; oder aber existierende Menschen - als Fötus oder auch erst später - zu verändern, um Menschen mit ausgewählten genetischen Eigenschaften hervorzubringen.

Als in Schottland Wissenschaftler ein ausgewachsenes Schaf klonten und andere Forscher und Publizisten über das Klonen von Menschen spekulierten, wiesen Parlamentsausschüsse und eigens berufene Kommissionen den Gedanken sofort weit von sich. Das Europäische Parlament zum Beispiel erklärte das menschliche Klonen für "unethisch, moralisch abstoßend", und sah darin "einen Verstoß gegen die Achtung der Person und eine schwere Verletzung grundlegender Menschenrechte, die unter keinen Umständen gerechtfertigt oder zugelassen werden kann, weder auf experimenteller Grundlage noch im Zusammenhang mit Behandlungen zur Steigerung der Fruchtbarkeit, bei der Präimplantationsdiagnose, zur Gewebetransplantation oder zu irgendeinem anderen Zweck". Auch die Möglichkeit umfassender genetischer Eingriffe - die Veränderung des genetischen Erbes einer Zygote, um eine Reihe erwünschter physischer, mentaler und emotionaler Eigenschaften zu schaffen, wie kürzlich in dem Film Gattaca gezeigt - hat Abscheu ausgelöst.

Meiner Meinung nach können diese Einwände weder gemeinsam noch allein das Ausmaß der beschriebenen Reaktion rechtfertigen. Nehmen wir die Frage der physischen Sicherheit. Es gibt wenig Grund zu glauben, dass Klonen oder genetische Eingriffe Keimschäden verursachen werden, die künftige Generationen mit Missbildungen bedrohen könnten. Jedenfalls reichen diese Risiken für sich genommen nicht aus, um weitere Forschungen zu verbieten, mit deren Hilfe unsere Wahrnehmung von wirklichen Gefahren geschärft werden könnte. Mit Sicherheit werden sich unter den Wissenschaftlern einige wie Cowboys verhalten. Doch die könnten durch Regulierung im Zaum gehalten werden, ohne dass deshalb die Forschung insgesamt eingestellt werden müsste.

Wenn wir jedoch das Schadensrisiko einschätzen, das mit Experimenten oder Erprobungen verbunden wäre, dann müssen wir auch die Hoffnung berücksichtigen, dass die Verbesserung und Verfeinerung der Techniken genetischer Eingriffe die Zahl der Defekte und Missbildungen bedeutend senken kann, mit denen Menschen heute geboren werden oder die sie sich zuziehen. Das Ergebnis der Risikoabwägung könnte durchaus für weitere Experimente sprechen.

Wie steht es mit der Frage der Gerechtigkeit? Wir können uns mühelos vorstellen, dass genetische Eingriffe zu einem Vorrecht der Reichen werden. Aber diese Methoden lassen sich nicht nur zur Befriedigung der Eitelkeit einsetzen. Die Eltern eines todkranken Kindes könnten sich ein weiteres Kind wünschen, das sie ebenso lieben würden wie jenes andere, dessen Blut oder Knochenmark jedoch das Leben des kranken Kindes retten könnte, aus dem es geklont wurde. Das Klonen einzelner menschlicher Zellen statt eines vollständigen Organismus könnte noch deutlichere Vorteile mit sich bringen. Zum Beispiel könnte eine umgestaltete und dann mehrfach geklonte Zelle eines Krebspatienten zum Heilmittel für diesen Krebs werden, wenn diese Klone wieder eingefügt werden. Gegen Ungerechtigkeit hilft Umverteilung, nicht die Verweigerung von Vorteilen für einige, ohne dass anderen daraus ein Nutzen entstünde.

Und wie steht es abschließend mit dem ästhetischen Einwand? Wir haben bereits Klone - genetisch identische Vielfachgeburten sind Klone; und Zwillinge und andere genetisch identische Kinder beweisen, dass identische Gene keinesfalls identische Phänotypen hervorbringen. In der Vergangenheit mögen wir die Natur vielleicht unterschätzt haben, aber auch das soziale Umfeld bleibt wichtig, und die Reaktion auf genetische Eingriffe hat ihrerseits dessen Bedeutung unterschätzt.

Dennoch fürchten viele Menschen, wenn wir die genetische "Lotterie" durch die manipulierte Reproduktion ersetzten, würde die willkommene Vielfalt menschlicher Typen zunehmend durch eine von der Mode diktierte Uniformität ersetzt. In gewissem Ausmaß ist größere Uniformität eindeutig erwünscht: Es findet sich kein - ästhetischer oder anderer - Wert in der Tatsache, dass manche Menschen zu einem Leben mit Behinderung oder einer geringen Lebenserwartung verurteilt sind. Und es ist auch nicht klar, inwieweit die Eingriffe, selbst wenn sie uneingeschränkt und billig möglich wären, tatsächlich die erwünschte Vielfalt bedrohen würden. Vermutlich alle Eltern würden, wenn sie die Wahl hätten, ihren Kindern das Maß an Intelligenz und anderen Anlagen wünschen, das wir heute als normal betrachten. Das können wir jedoch nicht als unerwünscht bezeichnen: schließlich hat jede Schuldbildung, die normale wie der Sonderschulunterricht, das Ziel, ganz allgemein die Intelligenz und Fähigkeiten zu steigern. Gibt es gute Gründe für die Angst, dass Eltern, wenn sie zwischen sexueller Reproduktion und Klonen wählen könnten, sich häufig für das Letztere entscheiden würden? Das scheint unwahrscheinlich. Gibt es Gründe für die Furcht, dass Eltern eine Fortpflanzungszygote manipulieren lassen könnten, um lieber ein männliches als ein weibliches Kind zu erhalten? Zweifellos werden in bestimmten Gesellschaften, zum Beispiel in Nordindien, männliche Kinder weiblichen vorgezogen. Aber diese Vorliebe erscheint so sehr von ökonomischen Umständen und wechselnden kulturellen Vorurteilen beherrscht, dass nichts darauf hindeutet, wir könnten plötzlich auf der ganzen Welt durch eine von Männern dominierte Generation überschwemmt werden. Selektive geschlechtsspezifische Abtreibung ist seit einiger Zeit - als Ergebnis von Amniozentese und liberalen Abtreibungsgesetzen - möglich, und dennoch hat sich offenbar kein derartiger Trend durchgesetzt.

"Gott zu spielen" gilt schon in sich als falsch, ganz unabhängig von möglichen negativen Folgen, die es für irgendein identifizierbares menschliches Wesen hat oder haben könnte. Es ist jedoch unklar, was es eigentlich bedeutet, "Gott zu spielen", und was daran falsch sein soll. Es kann nicht bedeuten, dass es für Menschen immer falsch ist, sich gegen Naturkatastrophen zu wehren oder die Karten neu zu verteilen, die die Natur ihnen zugeteilt hat. Die Menschen tun das ständig und haben es immer getan. Worin liegt denn der Unterschied zwischen der Erfindung des Penicillins und der Verwendung manipulierter und geklonter Gene, um noch schrecklichere Krankheiten zu heilen, als Penicillin das vermag?

Die Grenze zwischen Schicksal und freiem Willen verschwimmt

Für den Versuch, diese Fragen zu beantworten, müssen wir einen Schritt zurücktreten - zur Gesamtstruktur unserer moralischen Erfahrung. Diese Struktur hängt ab von einer grundlegenden Unterscheidung: auf der einen Seite das Denken und Handeln, für das wir individuell oder kollektiv verantwortlich sind; auf der anderen Seite das, was zu ändern wir außerstande sind und was den unverrückbaren Hintergrund unseres Handelns und Entscheidens darstellt. Für die Griechen war das der Unterschied zwischen ihnen selbst und ihrem Geschick oder Schicksal, das im Schoße der Götter lag. Auch heute noch besteht für konventionell religiöse Menschen ein Unterschied zwischen dem, wie Gott die Welt einschließlich unserer natürlichen Rolle entworfen hat, und dem Umfang des freien Willens, den er ebenfalls geschaffen hat. Wer in den Kategorien der Wissenschaft argumentiert, kommt letztlich zum gleichen Ergebnis: Man unterscheidet zwischen dem, was die Natur einschließlich der Evolution mittels Teilchen, Energie und Genen geschaffen hat, und dem, was wir in der Welt mit diesen Genen anfangen. In jedem Falle zieht diese Unterscheidung eine Grenze zwischen dem, was wir sind - verantwortlich dafür ist entweder göttlicher Wille oder ein blinder Prozess -, und dem, wie wir in eigener Verantwortung mit diesem Erbe umgehen.

Wissenschaftlicher Fortschritt erschüttert Wertesysteme

Diese entscheidende Grenze zwischen Zufall und freier Entscheidung bildet das Rückgrat unserer Moral, und jede ernsthafte Verschiebung dieser Grenze bedeutet eine schwere Erschütterung. Die Geschichte liefert viele Beispiele, wie wissenschaftlicher Fortschritt bestehende Wertsysteme erschüttert hat. Als Wissenschaftler das Atom spalteten, wandelte sich im Bewusstsein der Öffentlichkeit die Verantwortung militärischer Führer für den Schutz ihrer Soldaten im Krieg. Um dieser Verantwortung gerecht zu werden, war nun ungleich verheerendere Gewalt erlaubt. Die Einstellung zur Euthanasie änderte sich, als die Medizin die Möglichkeiten der Ärzte dramatisch steigerte, das Leben eines sterbenden Patienten über den den Punkt hinaus zu erhalten, an dem es für den Patienten noch eine Bedeutung hat. In jedem Falle wurde eine Periode moralischer Stabilität ersetzt durch moralische Ungewissheit, und es ist bezeichnend, dass in beiden Beispielen die Menschen Zuflucht suchten bei dem Ausdruck "Gott spielen".

Die Genetik hat uns die Möglichkeit einer ähnlichen, wenn auch viel umfassenderen moralischen Erschütterung ins Bewusstsein gerufen. Wir fürchten die Aussicht, dass Menschen andere Menschen entwerfen, weil diese Möglichkeit die Grenze zwischen Zufall und Entscheidung verschiebt, die unseren Wertmaßstäben zugrunde liegt. Unser physisches Sein - das Hirn und der Körper, die jedem von uns unsere materielle Grundlage liefern - war seit langem das absolute Paradigma dessen, was sowohl von überragender Bedeutung für uns ist, aber auch jenseits unserer individuellen oder kollektiven Einflussmöglichkeiten liegt.

Sollten wir die Möglichkeit ernst nehmen, die wir derzeit erforschen - dass Wissenschaftler wirklich die Fähigkeit gewonnen haben, einen Menschen jedes Phänotyps zu schaffen, für den sie oder künftige Eltern sich entscheiden -, dann könnten wir an fast jedem Punkt die Vernichtung festgefügter moralischer Überzeugungen vermerken. Wir orientieren uns an der Unterscheidung zwischen Zufall und freier Entscheidung nicht nur bei der Zuordnung der Verantwortung für Situationen oder Ereignisse, sondern in unserer Bewertung des Stolzes und Selbstwertgefühls, einschließlich des Stolzes auf das, was die Natur uns verliehen hat. Es ist ein bemerkenswertes Phänomen, dass Menschen dann stolz auf körperliche Attribute oder Fertigkeiten sind, wenn sie diese weder ausgesucht noch geschaffen haben - nicht jedoch, wenn diese als Ergebnisse der Bemühungen anderer auftreten, an denen sie keinerlei Anteil hatten. Eine Frau, die sich in die Hände eines Schönheitschirurgen begibt, kann sich über das Ergebnis freuen, aber sie kann darauf nicht stolz sein; mit Sicherheit kann sie nicht den Stolz empfinden, den sie haben könnte, wäre ihr ebendiese Schönheit angeboren. Was würde aus dem Stolz auf unsere körperlichen Attribute, oder auch auf das, was wir daraus machen, wären sie die unausweichlichen Ergebnisse nicht einer Natur, sondern der Entscheidung unserer Eltern und ihrer bezahlten Genetiker?

Wir akzeptieren die Bedingungen, in die wir geboren wurden, als Parameter unserer Verantwortung; nicht aber als potenzielle Arena der Schuldzuweisung (außer in jenen vor kurzem entdeckten Fällen, in denen das Verhalten eines anderen sich auf unsere embryonische Entwicklung ausgewirkt hat - durch Rauchen, zum Beispiel, oder die Einnahme von Drogen). Im Übrigen können wir niemand anderem die Schuld geben, auch wenn wir vielleicht, wie Richard der Dritte, das Schicksal verfluchen können für das, was wir sind.

Die gleiche Unterscheidung gilt auch für soziale Verantwortung. Wir fühlen uns eher verpflichtet, Opfer von Industrieunfällen und rassischen Vorurteile zu entschädigen als diejenigen, die mit genetischen Defekten geboren oder durch Blitzschlag verletzt wurden. In der Sprache der Anwälte und Versicherungsgesellschaften heißt das bezeichnenderweise "höhere Gewalt". Wie würde sich das ändern, wenn wir das, was wir sind, durch die bewussten Entscheidungen anderer werden?

Nehmen wir an, diese Hypothese sei korrekt, und hier liege der Grund für die starke emotionale Reaktion der Menschen auf genetische Manipulation. Haben wir dann nicht nur eine Erklärung, sondern eine Rechtfertigung für diese Abscheu entdeckt? Nein. Wir hätten eine Herausforderung entdeckt, der wir uns stellen müssen, und nicht eine Begründung für den Rückzug. Unsere Hypothese enthüllt lediglich Gründe, warum unsere heutigen Werte falsch oder unüberlegt sein können. Wer moralische Verantwortung tragen will, kann nicht an Rückzug denken, wenn sich herausstellt - wie es heute der Fall ist - dass einige grundlegende Voraussetzungen dieser Werte nicht mehr zählen.

Gott spielen heißt, tatsächlich mit dem Feuer zu spielen. Aber genau das haben wir Sterbliche immer getan - seit Prometheus, dem Schutzheiligen der gefährlichen Entdeckungen. Wir spielen mit dem Feuer und akzeptieren die Folgen, denn die Alternative wäre unverantwortliche Feigheit vor dem Unbekannten.

(c) Prospect 1999

Übersetzung: Meinhard Büning