Als 1981 in New York City Kleingelddürre herrschte, warb eine Hamburger-Kette mit dem Angebot, jedem Kunden, der 500 Pennies gegen einen 5-Dollar-Schein umtauschen würde, einen Big Mac gratis auszugeben. Angelockt durch diese Offerte, plündert Nicholson Baker die Kleingeldreserven in seinen Puddinggläsern und reiht sich mit fünf Plastiktütchen in die Schlange vor der Kasse ein. Es ist Abendstoßzeit, hinter ihm drängen sich in Kaschmir gehüllte Frauen, und langsam schwindet sein Hochgefühl: Wie er schon gefürchtet hat, wird der Geschäftsführer gerufen, als er seine Tüten auf der Theke abstellt, jeder Penny wird gezählt, die ungeduldigen East Sider hinter ihm verziehen den Mund, und Baker, fuchsienrot geworden, wankt mit seinem Gratis-Hamburger in den Speiseraum, wo er sich, um den Blicken auf seine Gesichtsfarbe zu entkommen, tief in sein mitgebrachtes Buch versenkt.

Die Szene aus Nicholson Bakers im vergangenen Jahr erschienenen U & I (ZEIT Nr. 4/98) hat ein Pendant in einem der charmantesten Bücher dieser Saison. In der Entdeckung des Glücks erzählt die amerikanische Autorin Phyllis Rose, wie sie 1963 in einem Restaurant gerade ihren Stamm-Hamburger geordert hat, als das Radio laut gestellt wird und sie die Nachricht von der Ermordung Kennedys hört. Als kurz darauf ihr Gericht serviert wird, scheint es aus einer anderen Welt zu kommen. Sie zögert einen Moment, ob sie es jetzt noch essen darf, aber als arme Studentin entschließt sie sich schweren Herzens gegen die Pietät.

Was passiert mit ihr in diesem Lesejahr? "Generationen von Kritikern haben uns eingeschärft, Romane nicht im Hinblick darauf zu lesen, was sie uns über das Leben zu sagen hätten, aber Proust schien eine Menge sagen, oder besser: erklären zu wollen, und ich wollte es hören." Phyllis Rose entdeckt die Welt neu, gesehen durch das Temperament Prousts. Überall findet sie Bestätigungen für die Gesetze, die er beschrieben hat; in Key West, wo sie den Winter verbringt, erkennt sie Balbec, in ihrer Freundin Madame Verdurin. Mit fortschreitender Lektüre merkt sie, dass Proust für sie wird, was für Marcel die Madeleine war; mit seiner Hilfe löst sich irgendein Anker und strömen ihr die Erinnerungen zurück. In neun Kapiteln fließt auf kleinen Schollen zusammen, was ihr Leben ausmacht. Die Entdeckung des Glücks erzählt über ihre Kindheit in einem jüdischen Elternhaus in Long Island, über ihren abgöttisch geliebten und selbstgerechten Vater, einen Asketen, den sie noch lange nach seinem Tod klagen hört: "Versteht ihr jungen Leute denn gar nichts mehr vom Schmejchln?"; über die Scheinunsterblichkeit ihres verhassten Kanarienvogels und über ihren ersten Mann, der ihr im Kreißsaal Poes Die Grube und das Pendel vorliest; übers Kochen, übers Fernsehen und das Sammeln von altem Glas, über ihren Schwager, der in den Pyrenäen als Einsiedler lebt, und über ihren Hausfreund, dessen Schilderung einer Homosexuellen-Party ihr vorkommt wie ein Augenzeugenbericht über Marsmenschen, die man durch Zufall, zufrieden in Brooklyn lebend, entdeckt; über die tiefe Feindschaft, die sich am Grund alter Frauenfreundschaft ansammeln kann, über das vergiftete Geschenk eines Tomatenpflänzchens, das nicht gedeihen will und das man nicht wegwerfen darf, über den Traum, den sie vor ihrer Biopsie hat, in dem ein Harpunierer vom Beiboot ins Meer springt und seine Hakenstange direkt in den Wal hineinbohrt; über ein mysteriöses Dinner, das auszurichten der älteste Freund sie bittet, der nicht verraten will, wen er mitbringen wird, und ihre Erleichterung darüber, dass der Freund nicht verrückt geworden ist, als der Gast sich als Salman Rushdie erweist.

Große Wahrheiten, schreibt Baker, werden wie gütige Madonnen von Dutzenden geschäftiger, fröhlicher Engel des Details hochgehalten. Wie groß oder privatistisch ihre Wahrheiten immer sein mögen, Phyllis Rose gebietet über Heerscharen solcher Details. Und am Ende kommt in ihrem Buch doch alles vor, vom Attentat in Dallas bis zum O.J.-Simpson-Prozess; von der durch Poe zartfühlend begleiteten Geburt bis zu dem Tod, dessen Sichelschwung die zähe Mutter immer wieder entweicht.

Phyllis Rose ist nicht Proust-nah in ihrem Stil; proustisch sind ihr Wahrheitsmut und ihre Selbstironie. Ein Beispiel nur für ihre Art der untergründigen Komik. Rose beschreibt sich scheinseriös als große Deuterin von Träumen. Nicht lange ratlos lässt sie auch ein Traum, in dem sie in ein Bordell geht, um mit einer Frau zu schlafen, was ihr gut gefällt, bis die Frau sich als verkleideter Mann entpuppt. Welche Gedanken werden sich da in ihren Tarnkappen am inneren Zensor vorbeigedrückt haben? Sie überlegt, und da fällt ihr der Name der Prostituierten ein - Sonja -, was sie zu ihrer Deutung führt: Der Bordelltraum ist in Wahrheit ein Traum über Schriftstellerei - sie wäre froh, wenn sie wie ein Mann schreiben könnte, nämlich wie Jim Harrison, den sie gerade gelesen hat und bei dem eine Figur Sonja heißt.

Die Pointe, dass nicht der manifeste Trauminhalt symbolisch für etwas Sexuelles steht, sondern umgekehrt das Sexuelle für etwas versteckt Geistiges, diese komische Pointe spricht sie so wenig aus wie die noch komischere, dass sie die robust ins Auge springende Botschaft dieses Traums - sie genießt es, mit einer Frau zu schlafen - ganz übergeht; ein genau kalkuliertes blanc, das sich von der Entdeckung des Glücks zum Sapphismus des Albertine- Romans zieht.

Proust imitieren zu wollen, das wäre gerade der Fehler. Freundin der Botanik, wenn auch nicht der Tomatenzucht, weiß sie aus der Natur, dass die hohen Gewächse ihre Samen und Ableger möglichst weit ausstreuen, damit sie nicht im elterlichen Schatten verkümmern. Auch in der Kunst überleben Nachfolger nur bei ausreichender Distanz. Für die ist bei Phyllis Rose gesorgt; ein Ozean und hundert Jahre - von Rangfragen wiederum nicht zu reden - liegen zwischen ihrer Welt und der Belle Époque Prousts. Amerikanischer kann es nicht zugehen als bei Baker und ihr, mit all den Halloween-Kürbissen, den College-Sitten und dem gespielten Desinteresse an Baseball und Golf. Nicht mehr das b"uf à la gelée wird dort Literatur; bei den jungen Leuten sind es Hamburger.