Ihre Redezeit hat, noch ehe Sie sprechen, schon mehrmals den Besitzer gewechselt. Vor zwei Wochen erschien eine Million Minuten weit unter Tarif auf dem Markt, gültig für zwei Wochen. Der Schatz wanderte von Händler zu Händler, wurde zerlegt, filetiert und weiterverkauft, bis der vorletzte Besitzer die Nerven verlor, denn die zwei Wochen waren fast um. Daher das Schnäppchen.

Der Mensch denkt, er spräche nur in eine Schnur, die am Ohr des Geprächspartners endet. Aber in der wilden Welt der Netze werden Telefonate um die halbe Welt manövriert, sobald irgendwo günstige Routen auftauchen. Ein reger Handel mit Redezeit ist in Gang gekommen. Auf allen Strecken, zwischen allen Ländern werden Gesprächsminuten verkauft in Millionenpaketen. Wo kommen die plötzlich alle her?

Die Nachfrage ist groß. Da sind, allen voran, die Firmen ohne eigenes Netz, die ihre Gespräche möglichst billig durch fremde Kabel schleusen wollen. Aber auch das Call Center, dessen Belegschaft in Irland sitzt, weil dort die Löhne niedrig sind. Der Telefonsexbetreiber, der ein paar hunderttausend Minuten brauchen kann auf der ewig glühenden Leitung nach den Niederländischen Antillen. Oder die Billigwählstuben in Bahnhofsnähe, die sich mit Zeitvorräten in Richtung Türkei oder Bangladesch eindecken.

Wenn es nach Ulrich Schwerhoff geht, dann gibt es das alles bald bei ihm zu kaufen. Der Hamburger Unternehmer hat im Internet gerade einen automatischen Umschlagplatz eröffnet. Unter der Adresse www.hanse-x.com werden Telefonminuten und Mietleitungen gehandelt wie Heizöl und Sojabohnen. Wer noch Kapazitäten übrig hat zwischen Japan und Alaska, kann sie hier anonym auf den Markt werfen; wer etwas braucht, greift zu. Hanse-X makelt die Geschäfte.

Ein Mausklick, und die Leitungen sind verkuppelt.

Das geht, falls nötig, im Nu. Ein Mausklick, und die Leitungen der Handelspartner sind verkuppelt. Sie müssen nur beide an Schwerhoffs Vermittlungskasten angeschlossen sein, der im alten Schlachthof zu Frankfurt steht.

Ulrich Schwerhoff ist ein fröhlicher Kraftmensch; er macht gern ein Späßchen und lacht darüber selber stets als Erster. Ausgerechnet der Schlachthof! Früher kamen dort die Schweinehälften her, die auf den Warenbörsen verschoben wurden. Warum sollte man mit Gesprächsminuten nicht ebenso verfahren?