Als Joseph Roth 1894 geboren wurde, war Brody ein kleines Nest im östlichsten Zipfel des Habsburgerreiches. Etwa 16 000 treue Untertanen Kaiser Franz Josephs lebten damals in der kleinen Stadt an der russischen Grenze, über 70 Prozent von ihnen waren Juden. Nach dem Abitur am örtlichen Gymnasium verließ Roth die Stadt und begann seine Karriere als Reporter und Schriftsteller in den Metropolen der Welt, pendelte zwischen Paris, Berlin und Wien. Aber Brody und seine galizische Heimat behielt er immer im Herzen. Die Provinznester, in welche das Schicksal die tragischen Helden seiner Prosa verschlägt und die Zlotogrod heißen oder namenlos sind - für alle stand Brody Pate.

Auch Carl Joseph von Trotta, den Enkel des Helden von Solferino aus dem Radetzkymarsch, verschlägt es an einen solchen Ort. "Siebzehn Stunden saß Leutnant Trotta im Zug. In der achtzehnten tauchte die letzte östliche Bahnstation der Monarchie auf. Hier stieg er aus." So beschreibt Joseph Roth die Ankunft Trottas in jener merkwürdigen, von Sümpfen umgebenen Garnisonsstadt an der Grenze zum Zarenreich, in der die Offiziere entweder dem Suff oder dem Spiel und meistens beidem verfielen. Auch Carl Joseph von Trotta geht schließlich vor die Hunde in jener Stadt, die Roth nicht beim Namen nennt und die doch, bis in Einzelheiten, Brody nachempfunden ist.

Einige Schritte stadteinwärts liegt ein Haushaltswarengeschäft, das Eimer und Besen in seinem Schaufenster ausstellt. Auf der anderen Straßenseite gibt es einen Laden für Autoersatzteile, eine "Veterinärapotheke" und die kleine Kirche der polnischen Diaspora der Stadt. Am Ende der Bahnhofsstraße schließlich liegt das Hotel Koloss, in dem der Fremde seine Nächte zubringt, wenn die misstrauische Dame an der Rezeption ihn dessen für würdig befunden hat.

Am Platz der Freiheit befindet sich das Museum für Stadtgeschichte. Säuberlich beschriftet, liegt die Vergangenheit der Stadt hinter Glas. 1771 erhielt Brody im Rahmen einer Art Zonenrandförderung Handelsprivilegien. So begann der Aufstieg. Dokumente erinnern an die bewegte Geschichte der Stadt, die in diesem Jahrhundert nacheinander zu Österreich-Ungarn, Polen und der UdSSR gehörte, bis sich 1991 die Ukraine unabhängig erklärte.

Draußen, am Platz der Freiheit, hat man das Lenin-Denkmal entfernt und durch ein Monument zum Gedenken an die Opfer seines Nachfolgers ersetzt. Für die ermordeten Juden von Brody hat man kein Denkmal errichtet. Immerhin ist eine kleine Gasse neben dem Museum nach Scholem Alejchem benannt, jenem jiddisch schreibenden, in der Ukraine geborenen Schriftsteller, der die Schtetl, wie Brody eines war, beschrieben hat.

Doch auch ohne offizielles Denkmal ist der Stadt ihre jüdische Vergangenheit noch anzusehen. Die Außenmauern der "Alten Schul", wie die große Synagoge aus dem 17. Jahrhundert von den Juden genannt wurde, stehen noch. Bis in die sechziger Jahre wurde sie als Lagerhaus benutzt, nach einem Brand ließ man sie verfallen. Während der letzten Perestrojka-Jahre sollte das Gebäude renoviert werden, aber dann ging das Geld aus. Ein morsches Baugerüst aus Holz zeugt von den Versuchen, die Alte Schul vor dem Verfall zu bewahren, der nun unaufhaltsam scheint.

Im Fußballstadion ist Training. Ob die Spieler wissen, dass sie auf den Gebeinen Verstorbener kicken? Dort, wo heute Bogun Brody seine Heimspiele austrägt, lag einst der jüdische Friedhof, zu Sowjetzeiten platt gewalzt von Planierraupen. Begraben wurde in jenen Jahren ohnehin schon niemand mehr. Dafür hatten die Deutschen - mit Hilfe der aus ukrainischen Freiwilligen bestehenden SS-Division Galizien - zuvor gesorgt.