Auf meinen vielen Reisen hatte ich immer Bücher im Gepäck. Ich habe gerne gelesen, aus Gedichten allerdings habe ich mir nie allzu viel gemacht. Eine Zeile aber habe ich behalten. Sie lautet: Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Dies gilt, auf besondere Weise, nun auch für mich, nach diesen Wochen, in denen so viel passiert ist.

Plötzlich bin ich keine Tennisspielerin mehr, dabei war Tennis bis eben noch mein Leben. Der Tisch ist abgeräumt, ich beginne damit, ihn neu zu decken. Dabei staune ich über mich selbst, wie leicht mir der Abschied gefallen ist. Zum Beispiel, wie wenig es mir bedeutete, auch die Sicherheit aufzugeben, die mir ein Tennisplatz bot. Wo auch immer in der Welt ich gespielt habe, ich konnte immer sagen, hier auf dem Tennisplatz kann mir nichts passieren.

Man empfindet dies ganz anders, solange man im Tenniszirkus mitspielt. Elf Monate im Jahr dieses Reisen von Turnier zu Turnier, dieses Training davor und danach - ich kenne keine andere Sportart, in der die Saison fast ein ganzes Jahr dauert. Wenn ich die Macht hätte, würde ich die Anzahl der jährlichen Turniere radikal vermindern - aber was sage ich da, es ist ja nicht mehr meine Angelegenheit, mir darüber Gedanken zu machen.

Als ich vergangene Woche in Boca Raton zum Mittagessen in ein Restaurant ging, begrüßte mich der Kellner mit den Worten: "Schön, dass Sie hier sind. Aber noch schöner wäre gewesen, Sie hätten es bei den U. S. Open in New York noch einmal all diesen jungen Spielerinnen gezeigt!"

Ich bin nicht der Typ, der mit einem solchen Eingeständnis schnell zur Hand ist, aber solche Reaktionen gehen mir nahe. Wenn ich mitbekomme, wie jemand in all den Jahren mitgefiebert hat, wenn ich höre, dass mein Spiel für so viele ein schöner Zeitvertreib war, dass ich Menschen wirklich damit berührt habe.

Dieses Gefühl tut deshalb so gut, weil ich kämpfen musste, weil ich die Kehrseite der Medaille immer wieder kennen gelernt habe. Wenn ich in meinem Tagebuch blättere, dann finde ich Notizen, die einiges sagen über die letzten Monate meiner Karriere. "I believe, I can fly", heißt es auf einer CD, die ich vor großen Turnieren oft gehört habe. Diese Zeile hat meinen Seelenzustand ganz gut widergespiegelt.

"Ich glaube, ich kann fliegen", habe ich auf einer Seite meines Tagebuches notiert und eine Woche später schon wieder dies: "I believe, I can't fly right now." Diese Wechselbäder der Gefühle. Wie viel Kraft kostete es, all die Zweifel zu besiegen, ob man es nach einer Verletzung wieder schafft, zurück an die Spitze zu kommen.

In den Zeitungen hieß es kurz darauf, so losgelöst habe man mich noch nie erlebt, was wohl stimmen mag. Ich weiß ja, dass ich nie der Typ der theatralisch großen Gesten war. Solange ich gespielt habe, so lange wollte ich dieses sagenhafte Gefühl spüren, einfach mein bestes Tennis zu spielen. Mich interessierte überhaupt nicht, wer mir dabei auf der anderen Seite des Netzes gegenüberstand.

Allein meine innere Zufriedenheit war mir wichtig, das war mein Maßstab, in Wimbledon und in den Tagen, die danach folgten. Und plötzlich diese bislang nicht gekannten Momente, in denen ich mir da nicht mehr sicher war, trotz allen Erfolges.

Während in den Zeitungen vom Comeback des Jahrhunderts geschrieben wurde, spürte ich eine große Leere in mir, die ich mir zunächst mit Müdigkeit erklärte, denn die hatte es auch früher schon ab und an mal gegeben. Aber diesmal hielten die Zweifel an. Über zwei Wochen zog sich das hin, ich konnte nicht mehr schlafen, ich stellte mir nur diese eine Frage: Was willst du eigentlich, willst du noch Tennis spielen oder nicht? Diese Entscheidung konnte mir keiner abnehmen, es wollte auch keiner. Ich habe es allein mit mir ausmachen müssen. So entstand aus Zweifel der endgültige Entschluss.

Ein Leben lang war mein ganzes Denken auf das Tennis fixiert, und dann tritt man plötzlich aus sich heraus, betrachtet die Dinge von außen und sagt sich: Nein, das war's.

Inzwischen bin ich viel unterwegs gewesen. Eigentlich im gleichen Eiltempo wie früher auch. Mit zwei Freundinnen war ich bei den Festspielen von Edinburgh, danach für eine Abschiedspressekonferenz in New York. Von dort flog ich mit meinem Bruder und seiner Familie für eine Woche auf eine Ranch in Arizona, danach verbrachte ich ein paar Tage in Florida, in unserem Haus in Boca Raton. Und doch sind diese Wochen ganz anders als früher. Mein Freund Michael ist nicht mehr dabei.

Sieben Jahre lang waren wir miteinander befreundet und haben zusammen viel erlebt. Aber jetzt haben wir uns getrennt, und jeder wird seinen eigenen Weg finden müssen.

So bedeuten diese Wochen für mich in vielerlei Hinsicht einen Neuanfang. Ich bin auf dem Wege, mir neue Mittelpunkte in meinem Leben zu suchen. Ich träume davon, ein eigenes Haus zu haben. Das Nomadenleben möchte ich vermutlich nie ganz ablegen, aber ich brauche einen vertrauten Ort, zu dem ich heimkehre, egal, wo er sein wird.

Von Dezember dieses Jahres an ist eine Abschiedstournee geplant. Es gibt kühne Pläne, an denen man erkennen kann, mit mir ist noch zu rechnen. Gedankenspiele: ein Tennisspiel auf einem Flugzeugträger, eines unter der chinesischen Mauer womöglich oder in einem römischen Amphitheater. Dies sind nur einige Träume, die ich wahr machen möchte.

Es wird auch nur noch zwei Monate dauern, und im Fernsehen wird man die großen Rückblicke veranstalten: die Menschen dieses Jahres, und auch die dieses Jahrhunderts! Auch ich habe schon Einladungen bekommen. Die Graf gehöre auf jeden Fall dazu, sagen so manche Leute. Das ehrt mich und macht mich stolz. Aber mir würde ein schlichteres Fazit genügen: Da gab es auch diese Steffi Graf, die hat ihren Sport geliebt und ihm alles gegeben. Damit wäre alles gesagt.

Sind in das neue Haus die Möbel geliefert, dann finde ich auch mal die Zeit, das ein oder andere Video von meinen Spielen anzuschauen. Ein Fan hat mir neulich seine Sammlung überlassen. Gut und gern 450 Bänder, alle Turniere seit 1987 und auch alle Interviews, fein säuberlich beschriftet und archiviert. Bis heute habe ich nur ganz wenig von mir gesehen. Solange ich gespielt habe, wollte ich keines meiner Matches anschauen. Doch jetzt könnte ich es, ich bin innerlich bereit, alles nachzuerleben. Und ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass ich unter dem Eindruck des ein oder anderen Spiels zu dem Ergebnis komme: Also, Steffi, das war gar nicht so schlecht!