Eine lebensrettende Reaktion des Körpers hat fatale Folgen

Verantwortlich für solche paradox anmutenden Unfälle ist die unausgereifte Motorik von Kleinkindern: Die untrainierte Nackenmuskulatur kann den verhältnismäßig großen und schweren Kopf kaum aus dem Wasser heben. Fatale Folgen hat auch der Verschluss der Stimmritzen. Dieser - eigentlich sinnvolle - Schutzreflex erfüllt nach einer Weile seinen Zweck allzu gut: Das Kind atmet zwar kein Wasser ein, kann aber, wieder an der Luft, nur schwer oder gar nicht wieder atmen. "Leider meinen viele Eltern immer noch, es sei gut, das Kind an den Füßen zu packen und mit dem Kopf nach unten zu schütteln, damit das Wasser herauskommt", sagt Kirschstein. Einzig richtig sei aber die Mund-zu-Mund-Beatmung. Gelangt Wasser in die Lungen, verengen sich die Kapillaren um die Lungenbläschen, da sie aus den wassergefüllten, unbelüfteten Gebieten keine Sauerstoffversorgung mehr erhalten. Das Herz muss dann gegen einen höheren Druck in der Lunge anpumpen und wird mehr belastet.

Dazu kommt möglicherweise der sogenannte Eintauchreflex: Berührt das Gesicht kaltes Wasser, schlägt das Herz automatisch deutlich langsamer. Die Folge: Viele Kinder, die den Unfall überleben, behalten schwere Schäden zurück, weil das Gehirn zu wenig Sauerstoff bekommen hat. Es kann zu krampfartigen Lähmungen kommen oder zum sogenannten apallischen Syndrom, bei dem sie wie erstarrt nicht mehr auf Außenreize reagieren.

Die tragischen Unfälle ließen sich durch zweierlei verhindern: Aufklären und Vorbeugen. "Kinderärzte sollten die Eltern vermehrt vor den Gefahren von Wasser warnen", fordert Jörg Schriever, Leiter der Kinderklinik im Kreiskrankenhaus Mechernich. In anderen Ländern würde die Todesgefahr in der Badewanne oder im Gartenteich wesentlich ernster genommen als in Deutschland.

Im amerikanischen Bundesstaat Arizona ging die Zahl ertrunkener Kinder deutlich zurück, nachdem gesetzlich vorgeschrieben wurde, Swimmingpools zu umzäunen. "In Deutschland dagegen fühlt sich niemand richtig für das Problem zuständig", bedauert Schriever.

Die Vorsorge wäre relativ simpel: Es genügte, um den schönen Seerosenteich im Garten einen Zaun zu ziehen oder einen Deckel für die Regentonne zu kaufen.

Vor allem aber sollten die Eltern stets ein Auge auf ihren planschenden Nachwuchs haben. In manchen Broschüren, die im Wartezimmer der Kinderärzte ausliegen, wird all das gefordert. Nur: Die lesen viele erst, wenn es zu spät ist.