Im Oktober wird in der Hauptstadt eine neue Zeitschrift mit dem programmatischen Titel Berliner Republik erscheinen. Herausgeber dieses als "Platz der Selbstverständigung" einer "neuen politischen Generation" angekündigten überparteilichen Forums ist eine Gruppe von zehn jüngeren - das heißt unter vierzigjährigen - sozialdemokratischen Bundestagsabgeordneten. Emphatisch kündigen die Nachwuchs-MdBs eine Art Kulturrevolution gegen die "staatstragenden Yesterday Heroes der 68er" an. Es werde, heißt es im Werbetext für die neue Zeitschrift, jetzt "endlich eine jüngere progressive Generation erkennbar, die erst von Berlin aus beginnt, wirksam zu werden".

Der Tonfall, in dem sich die SPD-"Youngsters" bemerkbar zu machen versuchen, ist dem aufrührerischen Duktus der 68er-Revolte entlehnt. Doch die Stoßrichtung ihres Aufbegehrens steht diesem rhetorischen Gestus diametral entgegen. Die selbst ernannte Avantgarde möchte Schluss machen mit dem Utopismus der alten Linken; sie wendet sich gegen den subversiven Grundimpetus radikalen Kritisierens bestehender Verhältnisse, der seit der 68er-Revolte in der bundesrepublikanischen Gesellschaft vorherrschend geworden sei. Sie stößt sich an einem übertriebenen Individualismus und einem exzessiven Anspruchsdenken, das sie für die Frucht dieses rebellischen Geistes hält. Ihre Helden sind Revolteure gegen das Prinzip der Revolte. Sie protestieren gegen einen ritualisierten Nonkonformismus und fordern vehement den Übergang in eine ausgewogene Normalität.

Ihre Sprecher, unter anderem Nina Hauer und Carsten Schneider, die sich kürzlich im Berliner Willy-Brandt-Haus der Öffentlichkeit vorstellten, machen keineswegs den Eindruck wild entschlossener Erneuerer. Man hat es hier mit über die Maßen korrekten jungen Leuten zu tun, die sich weder inhaltlich noch in ihrer Ausstrahlung vom Standard der aktuellen Parteiführung unterscheiden. Die vermeintlichen jungen Wilden sind in Wahrheit die jungen Braven der SPD. Sie sprechen schröderisches Modernisierungsdeutsch. Die Sozialdemokratie müsse alte Illusionen aufgeben und pragmatischer werden, lautet die Botschaft. Soziale Gerechtigkeit bleibe ihr Hauptanliegen, aber diese müsse neu und anders, eben irgendwie realistischer definiert werden und dürfe die Erweiterung individueller Rechte nicht ausschließen. Statt großer Worte sollen nur noch kleine Schritte zählen. Wie und wohin sie genau gehen wollen, das vermögen sie aber nicht zu sagen. Ihnen das abzuverlangen, empfinden sie als Bevormundung durch die Altvordern. Deutliche Aussagen sind altmodisch; sich nicht festzulegen ist jung. Eigene Perspektiven werden von den Youngsters aber auch gar nicht verlangt. Von den Schröder-Leuten in der Parteiführung protegiert, sollen sie der geplanten Umformung des alten Tankers SPD in einen beweglichen Kanzlerverein bloß ein junges Image verleihen.

Ihre Initiative wäre also eigentlich kaum der Rede wert, würden ihr nicht von publizistischen Wortführern einer Art neuer "schöpferischer Restauration" die höheren Weihen gegeben. Der Soziologe Heinz Bude feiert mit kühner soziologischer Metaphorik und schneidender Apodiktik die Heraufkunft einer "Generation Berlin", die durch die Verlegung des Regierungssitzes endlich geschichtsmächtig geworden sei. Es handele sich bei diesem Ortswechsel nämlich um die Besiegelung eines historischen Bruchs: Mit dem Umzugsbeschluss sei erstmals seit Bestehen der Bundesrepublik eine Entscheidung nicht nach ökonomischen, sondern nach rein politischen Kriterien getroffen worden. Die Bonner Republik müsse jetzt als eine "abgeschlossene Periode" betrachtet werden. Damit sei der Weg frei für eine neue Elite, der politische Definitionsmacht wichtiger sei als das Glück der größten Zahl. Wie bitte? Waren die Entscheidungen über die Westintegration der Bundesrepublik, die Ostpolitik, die Nachrüstung der achtziger Jahre, die zügige Wiedervereinigung alle nur von ökonomistischen Motiven bestimmt? In Budes Abfertigung der alten Bundesrepublik schwingt der alte kulturelitäre Affekt gegen den kleinkrämerischen liberalistischen Händlergeist mit, der jetzt durch den Dezisionismus einer neuen "Entschlossenheit" zur "Entscheidung" abgelöst werden soll.

Entschlossenheit aber wozu? Entscheidung für oder gegen was? Bude lässt das absichtsvoll offen. Ihm geht es um die "Haltung der Definition" an sich, die er in die vom historischen Ballast der Bonner Republik befreite Alterskohorte der 30- bis 45Jährigen hineinprojiziert. Die Profilbeschreibung dieser Hoffnungsträger steht bei ihm in einem seltsamen Kontrast zur Emphase seiner Rede vom Epochenbruch. Desillusioniert seien sie, leistungsbereit und der "Spaßkultur" der achtziger Jahre abgeneigt - ultrapragmatische "unternehmerische Einzelne", "jenseits von Anpassung und Auflehnung". Denken in Gegensätzen liege ihnen fern; ihre Debatten zielten nicht auf Kontroverse und Polarisierung, sondern auf abwägende Synthetisierung von scheinbar Unvereinbarem zu einem jeweils "Dritten".

Sehnsucht nach Privatheit und einer bescheidenen Karriere

Was Bude beschreibt, ist - in nüchternen Worten ausgedrückt - das neue Juste-milieu einer Schicht von verunsicherten, konfliktscheuen und an Ideen wenig interessierten Aufsteigern: sozial bindungslose Neuankömmlinge aus der verachteten Provinz, die in der amorphen Gründeratmosphäre Berlins nach einer bescheidenen, abgesicherten Karriere und zugleich nach Halt in einem möglichst vage definierten Konsens suchen. Sie bejahen Veränderung und Auflösung tradierter Strukturen, denn als soziale Einzelgänger sind sie auf Flexibilität und Durchlässigkeit der Arbeitsmärkte und Milieus angewiesen. Sie romantisieren aber zugleich die Geborgenheit in überschaubaren, nicht marktförmig strukturierten Einheiten wie der Kleinfamilie. Denn da sie ihre einmal mühsam errungenen Positionen im täglichen situativen Kleinkrieg gegen eine unübersehbare Konkurrenz verteidigen müssen, sehnen sie sich umso mehr nach einem Refugium unantastbarer Privatheit und Homogenität.