Ruhm gewinnt in der Wissenschaft, wer - zu Recht - die Dinge auf den Kopf stellt. Kopernikus revolutionierte die Astronomie mit der Behauptung, die Erde drehe sich um die Sonne. Der Physiker Einstein, indem er Raum und Zeit für relativ erklärte. Die Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes des Ökonomen John Maynard Keynes (1883-1946) gehört in die Reihe solcher seltenen Erkenntnissprünge.

Obwohl das Buch in weiten Teilen ein schwer lesbares Theoriewerk ist, hat es enorme Resonanz gefunden. "Überall im Empire und in den Vereinigten Staaten begann man, einen Strahl des neuen Lichts zu erhaschen. Die Studenten waren hingerissen. Eine Welle erwartungsvoller Begeisterung ergriff die Ökonomie", beschreibt ein Zeitzeuge die Stimmung, als das Werk im Dezember 1936 erscheint. Keynes war zu diesem Zeitpunkt längst ein Ökonom von Weltruhm. Der Grund für den Enthusiasmus: Der Cambridge-Schüler gab neue Antworten auf Fragen, die nach der Weltwirtschaftskrise alle bewegten. Mit dem Kurssturz an der Wall Street vom Oktober 1929 waren Volkswirtschaften weltweit in eine Depression gefallen. Nicht nur Reiche, auch die Mittelschicht hatte ihr Geld an den Börsen verloren, ihre Kaufkraft war verdunstet. Die Unternehmer blieben auf ihren Waren sitzen, massenhaft entließen die Fabriken ihre Arbeiter. Anfang der dreißiger Jahre waren in Deutschland über sechs Millionen, in den Vereinigten Staaten mehr als zwölf Millionen Menschen ohne Arbeit.

Keynes war klar, dass die Krise mit den alten Modellen nicht zu erklären war. Denn die klassische Ökonomie glaubte, nur die "unsichtbare Hand" des Marktes werde die Wirtschaft dauerhaft ins Gleichgewicht führen. Adam Smith und David Ricardo gingen davon aus, dass das Gesetz von Angebot und Nachfrage den Preis der Güter und der Arbeit regelt. Arbeitskräfte werden also nur dann entlassen, wenn ihr Lohn zu hoch ist. Akzeptieren sie niedrigere Löhne, stellen die Unternehmer wieder ein. So fand das Modell der klassischen Ökonomie nach einer Krise stets zum Gleichgewicht zurück: Wer arbeitslos war, der war es freiwillig. Die Weltwirtschaftskrise zu Beginn der dreißiger Jahre lehrte etwas anderes. Millionen Menschen standen auf der Straße, obwohl die Löhne weiter sanken. "Das Paradox der Armut, mitten im Überfluß", wie Keynes es nannte, brauchte einen völlig neuen Erklärungsansatz.

Die Klassiker hatten gelehrt, dass ein Unternehmer stets dann produziert, wenn die Kosten für Arbeit und Kapital niedrig genug sind. Der Absatz der so erzeugten Waren sei stets gewährleistet, denn nach dem bis dahin als gültig erachteten Sayschen Theorem (ZEIT Nr. 22/1999) findet jedes Gut zu jeder Zeit seinen Abnehmer.

Für Keynes griff diese Überlegung jedoch zu kurz. Ein Unternehmer, postulierte er, produziert nur dann, wenn er glaubt, seine Güter in der Zukunft auch absetzen zu können. Damit war die klassische Wirtschaftslehre auf den Kopf gestellt: Nicht das Angebot, sondern die Nachfrage entscheidet über den wirtschaftlichen Erfolg. Sie liefert damit auch den Schlüssel zur Überwindung einer Krise.

Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage - im einfachsten Modell von Keynes die Summe der Ausgaben für Konsum- und Investitionsgüter - hat ein wesentliches Kennzeichen: Sie ist instabil. Die Konsumausgaben hängen vom Einkommen ab: Je höher das Einkommen, desto mehr Geld wird ausgegeben. Keynes sah jedoch einen Punkt, an dem mit weiter wachsendem Einkommen die Neigung zum Konsum abnimmt, da "die Menschen geneigt sind, ihren Konsum mit steigendem Einkommen zu erhöhen, aber nicht um so viel, wie sich ihr Einkommen vermehrt". Dieses Phänomen nannte Keynes das "psychologische Gesetz". Ein Teil des zusätzlichen Einkommens wird gespart.

Investitionen, der zweite Bestandteil in der Keynesschen Gesamtnachfrage, erhöhen die Möglichkeit der Unternehmen zu produzieren. Keynes ging davon aus, dass die Investitionen von der "Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals" abhängen. Das ist der Zinssatz, bei dem die erwarteten Erträge des Investitionsobjekts dessen Herstellungskosten entsprechen. Ist die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals höher als der marktübliche Zins, hat der Unternehmer einen Anreiz, einen Kredit für sein Investitionsvorhaben aufzunehmen. Im umgekehrten Fall wären die Kosten für den Kredit höher als der Gewinn, und die Investition bliebe aus. Neu an Keynes Interpretation war, dass Investitionsentscheidungen nicht nur von der Zinshöhe, sondern entscheidend von Zukunftserwartungen des Unternehmers bestimmt werden.