Die Büroflucht nahe den heiligen Hallen der New Yorker Börse ist so unansehnlich wie kaum eine andere an der Wall Street. Die Wände benötigen neuen Putz, Böden neue Teppichbeläge, die Möbel sehen aus, als ob sie vom Sperrmüll kämen. Zwei Dutzend junger Leute - keiner älter als 30, alle in T-Shirts und Khaki-Hosen - vergraben sich hinter ihren Computern. Kaum vorstellbar, dass von hier den traditionsreichen Aktienhändlern der Wall Street der Kampf angesagt werden soll. Aber der Eindruck täuscht. In kaum mehr als zwei Jahren ist Island ECN, die junge Firma in den alten Büroräumen, zu einem bevorzugten Schauplatz für den Handel mit Technologie-Aktien geworden.

Amerikas Technologie-Börse Nasdaq hat Island bereits das Fürchten gelehrt. Sechs Prozent des Nasdaq-Volumens werden inzwischen über die Computer der Firma abgewickelt. Island und acht weitere so genannte elektronische Kommunikations-Netzwerke (ECNs) kontrollieren heute weit über 20 Prozent aller Nasdaq-Aktien.

Island dagegen verlässt sich auf Technologie pur: Alle Kauf- und Verkaufsaufträge werden per Computer angezeigt und ausgeführt. Während der traditionelle Handel zwei bis vier Pfennig pro Aktie kostet, verlangt Island gerade einmal einen viertel Pfennig.

Inzwischen investieren auch die großen Investmenthäuser in ECNs. Merrill Lynch, Goldman Sachs und ein dritter Partner gründeten die Firma Primex, die in naher Zukunft das Auktionssystem der New Yorker Börse elektronisch duplizieren soll. Goldman beteiligte sich überdies zusammen mit E-Trade und dem Bankhaus J. P. Morgan an dem ECN Archipelago; die Fonds-Gesellschaft Fidelity schlüpfte für den direkten Aktienhandel mit Charles Schwab und zwei weiteren Wall-Street-Unternehmen unter eine Bettdecke.

Auf der anderen Seite wollen sich die alten Börsen Nasdaq und NYSE in schlagkräftige, gewinnorientierte Unternehmen verwandeln, indem sie selbst an die Börse gehen. Die Börsengänge sollen nicht zuletzt Kapital für Übernahmen und Investitionen bringen. Längst spekulieren Experten darüber, dass die NYSE ein ECN aufkauft, um so Zugang zum Nasdaq-Geschäft zu erhalten.

Die größte Stärke der alten Börsen: Liquidität - also die Fähigkeit, zu jeder Zeit für jeden Käufer einen Verkäufer zu finden. Während NYSE und Nasdaq ein tägliches Handelsvolumen von manchmal einer Milliarde Aktien verzeichnen, bringen es Island und andere ECNs auf nur einige Dutzend Millionen Verkäufe pro Tag. Bei weniger liquiden Papieren kleinerer Unternehmen besteht damit die Gefahr, dass ein Geschäft weder schnell noch zum bestmöglichen Preis zustande kommt. Für die NYSE ist dies ein Grund, an ihrem Börsensaal nicht nur festzuhalten, sondern das Parkett auch zu modernisieren und auszubauen - für die stolze Summe von einer Milliarde Dollar.

Dennoch: High-Tech wird auch in den USA eine effizientere Geschäftsabwicklung, längere Börsenstunden und geringere Kosten bringen. Aktien kleinerer Firmen dürften weiter ihren Platz an den traditionellen Börsen finden, hochliquide und populäre Papiere werden dagegen mehr und mehr zu den elektronischen Märkten abwandern. "Benötigen wir wirklich einen Spezialisten, um Anteile von Intel oder IBM zu handeln?", fragt der 30-jährige Island-Chef Matt Andreesen: "Ein Computer kann das auch - und ist überdies emotionsloser und billiger."