Welche Gestalt soll die Bundeswehr der Zukunft haben? Das ist in den Augen des Finanzministers egal - solange sie in den nächsten vier Jahren knapp 19 Milliarden Mark einspart. Grüne und PDS fordern dagegen einfach die Abschaffung der Wehrpflicht. Recht präzise dagegen sind die Anforderungen einiger Partner in Nato und EU: Die deutschen Streitkräfte sollen kleiner, professioneller und besser ausgerüstet sein, und das möglichst bald, denn die nächste Krise kommt bestimmt.

Die mit unabhängigen Experten besetzte Zukunftskommission der Bundeswehr und die Planer im Verteidigungsministerium, die parallel über diese Frage nachdenken und bis Mai nächsten Jahres erste Antworten präsentieren wollen, schweigen zu alledem. Hinter geschlossener Tür allerdings wird deutlich: Die Debatte gestaltet sich schwierig. "Zurzeit wird das Pferd von hinten aufgezäumt", sagt ein Teilnehmer. "Umfang, Struktur und Ausrüstung müssen aus dem Auftrag abgeleitet werden. Nicht umgekehrt!"

So weit, so vertraut. Immerhin, auch dies ist ein Signal: Kontinuität bleibt ein Markenzeichen deutscher Militärpolitik. Die souveräne Bundesrepublik wandert nicht auf Sonderwegen, sondern handelt zusammen mit den Verbündeten in EU und Nato. Dennoch: Hinter Scharpings Liste liegen Fragen verborgen, auf die es Antworten zu finden gilt, bevor der historisch präzedenzlose Umbau der Streitkräfte beginnen kann.

Landes- und Bündnisverteidigung: Im klassischen Szenario des Kalten Krieges - russische Panzer vor dem "Fulda Gap" - fielen Bündnis- und Landesverteidigung in eins. Daher das massive Übergewicht des Heeres und der "Hauptverteidigungskräfte" in der Bundeswehr sowie die hohe Zahl von Reservisten. Seit Deutschland "von Freunden umzingelt ist" (Volker Rühe), ist ein konventioneller Angriff auf deutschem Boden zur unwahrscheinlichsten Variante möglicher Bedrohungen geworden. Allerdings bleibt Russland für deutsche Sicherheitspolitiker ein Restrisiko - vor allem mit Blick auf die neuen Nato-Mitglieder Polen, Ungarn und Tschechien.

Klar ist schon jetzt, dass "Bündnishilfe" in Zukunft weit mehr Ähnlichkeit mit einer Krisenintervention haben wird, wie sie jetzt auf dem Balkan vorexerziert wird. Gebraucht werden mobile, flexible und schnell verlegbare Einheiten. Die schweren Panzerverbände, der Stolz der Bundeswehr, sind Geschichte.

Europäische Verteidigungsidentität: Nicht erst der Kosovo-Einsatz hat deutlich gemacht, dass Europa in Sachen Aufklärung, Lufttransport und Rüstungstechnologie von Amerika abhängig ist. Die entscheidende Frage aber ist nicht, wie viel Europa in den Aufholwettbewerb investieren soll - sondern wozu . Um bei jeder Aktion dabei sein zu können? Um gelegentlich nein sagen zu dürfen? Oder um auch mal ohne den großen Bruder loszuziehen?

Überhaupt: Sollte Europa nach den USA der zweite Weltpolizist sein - oder nur regional aktiv werden, Krisen eindämmen beziehungsweise möglichst präventiv verhindern? Das hieße, die militärische Diplomatie würde zur wichtigsten Aufgabe europäischer Streitkräfte in der Region.