Unscheinbar wirkt das Gebäude der Købmandsskole in der dänischen Stadt Apenrade, funktional wie ein Krankenhaus. Halt so eine kaufmännische Berufsschule, denkt der Besucher. Und solche Häuser sollen nun das Beste an beruflicher Bildung auf der ganzen Welt beherbergen? Für seine berufliche Bildung erhielt Dänemark in der vergangenen Woche den mit 300 000 Mark dotierten Carl-Bertelsmann-Preis der gleichnamigen Stiftung.

Sobald der Besucher die Berufsschule betritt, fängt er an, sich zu wundern. Drinnen scheint es heller zu sein als draußen. Über einer Piazza, an der sich Flure kreuzen, eine hohe Glaspyramide. Darunter Tische, Stühle, ein Kaffeeautomat. Zeitungen, sogar internationale Zeitschriften liegen aus. Einen Flur weiter: ein Internet-Café. Bis 22 Uhr hat es geöffnet. Mit einer Magnetkarte kommen Schüler und Kursteilnehmer demnächst auch am Wochenende jederzeit an die Computer. Eine Stimmung wie in einer Akademie. Ist das wirklich eine Berufsschule?

Jedes Jahr wählt die Bertelsmann-Stiftung für ihren Preis ein anderes gesellschaftlich relevantes Thema und geht weltweit auf Suche nach Beispielen für best practice . Für dieses Jahr fiel die Wahl auf die Berufsbildung. Zwölf Regionen aus allen Erdteilen kamen in die Vorauswahl, fünf wurden nominiert. Dänemark gefiel den Juroren am besten. Die Wahl fiel den Experten schwer. In Portland im amerikanischen Bundesstaat Oregon zum Beispiel konnten die Rechercheure der Jury erleben, wie gezielte Berufsbildung Kapital anzieht. In der Bretagne studierten sie, wie sich die Beobachtung des Arbeitsmarktes in erfolgreiche Schulpolitik umsetzen lässt - nicht nur um Märkte zu bedienen, sondern um sie zu stimulieren. In Dänemark wurde all das und noch mehr gefunden.

In der Tat, dieses Land, dem manche Narbe der ersten industriellen Moderne erspart geblieben ist, das keine Koalition aus Stahl und Stiefeln ertragen musste, ist gut vorbereitet für den Übergang zu einer zweiten industriellen Moderne. "Die weichen Kompetenzen Teamarbeit, Selbstständigkeit und Planung werden zu den neuen harten Kompetenzen", sagt Andy Andresen vom dänischen Gewerkschaftsbund in Kopenhagen. Die bisher als einzig hart geltende Währung der Industriegesellschaft, das Fachwissen, trete an die zweite Stelle, denn was fachlich nötig ist, verändert sich zu schnell. Es reiche nicht einmal, mit Innovationen mithalten zu wollen. Man müsse lernen, selbst innovativ zu sein, und man müsse auch "ablernen" können. Roland Osterlund aus dem Kultusministerium in Kopenhagen erfand dieses Wort. Maximen wie "Eisen erzieht" waren in Dänemark nie erfolgreich. Man setzte dort in der Bildung immer ebenso sehr auf die angeblich nutzlose Kunst wie auf die Würde der beruflichen Praxis.

Der dänische Bildungsoptimismus hat Tradition. Als der Staat im Jahr 1813 nach dem Krieg mit England Bankrott ging, wurden die Ausgaben für Bildung erhöht, insbesondere für die Akademie der schönen Künste. Auf den Protest des Finanzministers antwortete König Christian VIII.: "Arm und elend sind wir. Wenn wir jetzt auch noch dumm werden, können wir aufhören, ein Staat zu sein."

1989 beschloss das Parlament in Kopenhagen eine grundlegende Reform der beruflichen Bildung, 1991 trat sie in Kraft. Vorausgegangen war ein Ringen um den Konsens zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften. Sie vor allem haben die Reform ausgehandelt. Mit den Parteien wurde sie abgestimmt, vom Ministerium formuliert und schließlich im Parlament verabschiedet. Schulen und Betriebe bekamen zwei Jahre Zeit, sich vorzubereiten. Wirkungen stellten sich schnell ein. Seit 1993 ist in Dänemark die Jugendarbeitslosigkeit von 13 auf 4,2 Prozent gesunken. Dabei hat das Land den höchsten Beschäftigungsgrad in der Europäischen Union.

Das Gesetz hat die Berufsschulen zu selbstständigen Unternehmen gemacht. Das Ministerium formuliert Kompetenzziele, keine Lehrpläne. Die Schulen suchen eigene Wege, diese zu erreichen. Geld erhalten Schulen für die Auszubildenden vom Kultusministerium, für andere Kursteilnehmer zahlen entweder das Arbeitsministerium, die Betriebe oder die Teilnehmer selbst. Der Souverän einer jeden Schule ist der Vorstand. In ihn werden Vertreter der Wirtschaft, der Arbeitnehmer und der Kommune entsandt. Lehrer und Schüler haben in diesem Verfassungsorgan öffentlich-rechtlicher Schulunternehmen Sitz ohne Stimmrecht. Der Vorstand verabschiedet das Budget, stellt den Schulleiter ein und kann ihn auch entlassen. "Früher war ja das Ministerium alles für uns", erinnert sich Torben Jessen, Direktor der Købmandsskole in Apenrade. "Wir mussten immerzu fragen, ob wir was tun durften. Ab 1991 sollten wir nicht mehr fragen, sondern herausfinden, was wir als Schule wollen." Nun nennt der Schulleiter das Kultusministerium seinen Kunden.

Sven Olsen, der Leiter von EUC SYD, schätzt, dass in seiner Schule 15 bis 20 Prozent des Etats für die Entwicklung von Methoden und Inhalten sowie für Lehrerbildung und für Innovationen im Schulmilieu ausgegeben werden. Schulleiter Torben Jessen in Apenrade nimmt für seine Schule inzwischen 20 Prozent des Etats auf dem freien Bildungmarkt ein. Die Schule macht Angebote an Erwachsene, für Arbeitslose und konzipiert Maßgeschneidertes für Betriebe. Wenn Jessen die Einnahmen aus öffentlich ausgeschriebenen, staatlichen Töpfen, um die viele Schulen konkurrieren, hinzurechnet, dann kommt er inzwischen auf 40 Prozent des Etats, den sich die Schule selbst verdient. Den Rest erhält sie für Lehrlinge in der klassischen beruflichen Bildung vom Kultusministerium. "Plötzlich waren wir 1991 im Wettbewerb und haben mit anderen Schulen konkurriert", erinnert sich Jessen. "Aber bald haben wir herausgefunden, dass wir keine Konkurrenten sind, sondern Kollegen." Mit Berufsschulen aus entfernteren Städten gelinge die Kooperation allerdings noch besser.

Im Zentrum dänischer Berufsschulen stehen Werkstätten und Labors, nicht die Klassenzimmer. Schule und Arbeit im Betrieb wechseln in langen Wellen. In den meisten Berufen beginnt die Ausbildung mit einem Block von 20 Wochen in der Schule. Dann folgt ein halbes Jahr im Betrieb. Eine Besonderheit des dänischen Systems ist seine Flexibilität. Wer keine Stelle in einem Betrieb gefunden hat, kann seine Ausbildung komplett in der Schule absolvieren, darf allerdings jederzeit von der rein schulischen Ausbildung in eine Lehre wechseln. Zu den wenigen, aber klaren Aussagen des Gesetzes gehört, dass die Schulen für die berufliche Ausbildung der Jugendlichen verantwortlich sind. Sie sind die letzte Instanz, die Ausbildung zu sichern. Sie helfen auch bei der Stellensuche. Das erspart Dänemark den Dschungel von all den "Maßnahmen" für arbeitslose Jugendliche, die hierzulande oft mehr den privaten Trägern nützen als den Jugendlichen.

Bald werden auch noch die Klassen abgeschafft

Berufliche Schulen in Dänemark begreifen sich als Wissens- und Kompetenzzentren der Region. Je mehr sie sich um die Region kümmern, desto vielfältiger und differenzierter wird ihr Angebot. Immer schon hatten dänische Handelsschulen Abiturklassen. In Apenrade werden sie jetzt als internationale Klassen oder als Innovationsklassen angeboten. Die internationale Klasse, die sich derzeit aufs Abitur vorbereitet, reiste in den vergangenen Jahren nach Guatemala, in die USA und nach Österreich. Die Købmandsskole in Kolding hat eine internationale Business-Akademie aufgebaut, die deutschen Fachhochschulen nicht nachsteht. Und auch das hat Platz in der Berufsschule der vielen Möglichkeiten: Übungsfirmen mit Teilnehmern unterschiedlichen Alters. 19 Prozent aller Neuverträge in der beruflichen Bildung wurden 1997 mit Erwachsenen abgeschlossen.

Ein Auszubildender verbringt im Normalfall auch in Dänemark die meiste Zeit im Betrieb. In der Schule lernen Auszubildende vor allem zu lernen. Das setzt lernfähige Lehrer voraus. "Vor 10 Jahren haben wir Lehrer eine kleine Revolution gemacht", erinnert sich Torben Krogh, der in Sonderburg Elektrotechnik unterrichtet. "Wir haben uns zusammengesetzt und gefragt, wann unsere Schüler am besten lernen, und vor allem, wann wir selbst am besten gelernt haben und wann nicht. Die Schüler", sagt Torben Krogh und verbessert sich, "wir sagen jetzt Studenten, denn sie lernen nicht wie früher, sie studieren - die Studenten lernen am wenigsten, wenn sie nur zuhören." Das sei immer schon so gewesen, aber die heutigen hätten so viel im Kopf, sie "denken wie Parallelrechner und beschäftigen sich nicht nur mit einer Sache". In Deutschland werden solche Beobachtungen gewöhnlich als Konzentrationsschwäche und typische Ausfälle der Mediengeneration verbucht.

In Dänemark ist die Jugendkultur selbst im Ministerium ein Thema. Roland Osterlund, der für berufliche Bildung zuständige Direktor, sieht die Schule sogar als "Koppelung von Jugendkultur und Arbeitswelt". Denn zwischen beiden seien die Ähnlichkeiten viel größer als die mit der alten Schule, von der Osterlund sagt, dass "sie lange nicht nur wie eine Fabrik aussah, sondern auch eine war". Jugendliche wehrten sich "gegen Befehle, und die Wirtschaft schafft flache Hierarchien". Jugendkultur passe besser zur modernen Wirtschaft als zum Pastoralkommando der alten Schule. Osterlund ist einer der guten Geister der dänischen Berufsbildungsreform. Sein Hauptthema ist das Lernmilieu. "Wenn die Atmosphäre stimmt, passiert der Rest fast von allein." Vor fünf Jahren hatte er eine Kampagne für anregende Lernmilieus initiiert. Damals beklagte er sich in einem Vortrag: "Nun befasse ich mich schon seit 20 Jahren mit Berufsschulen und habe in noch keiner ein Klavier gesehen." Wenn er in Schulen kommt, fragt er seitdem: "Wo steht das Klavier?", und meistens kann ihm eines gezeigt werden.

In diesem Jahr wurde vom Parlament eine weitere Neuerung in der Berufsbildung beschlossen. Vom Jahr 2001 an werden Klassen schrittweise abgeschafft. Sie werden durch Lernmodule ersetzt, die sich die Auszubildenden weitgehend selbst zusammenstellen. Die Module werden als Bausteine in Bildungsgängen und zugleich als Schnittstellen zwischen den Fächern konzipiert. In manchen Modulen berühren sich die Themen der Grafiker mit denen der Gärtner, in anderen mit denen der Maschinenbauer.

Ein großer Marktplatz ist das Herz der Schule

Ein Teil der Schule wird überall zum OLC, zum Open Learning Center, umgebaut. In Hallen entstehen Lernlandschaften mit zum Teil mehr als 200 Computerterminals, an denen Grafiker neben Maschinenbauern, Auszubildende aus den Grundkursen neben Teilnehmern aus der fachhochschulähnlichen Technikakademie sitzen, um sich, wann immer es sich ergibt, informell auszutauschen und neugierig aufeinander zu werden. Gewiss, sie lernen und arbeiten nicht den ganzen Tag im OLC. Es wird in der Schule andere Orte geben: Ecken, Nischen, Labors, Vortragsräume und auch noch ein paar Klassenräume. Aber das OLC soll das Herz sein, der große Marktplatz für Kontakte, für den Dialog zwischen den Fächern und Anregungen. Der Platz für Kopplungen per Internet mit der Außenwelt und zugleich ein ruhiger, ganz unvirtueller Ort. Diese offene Architektur des Lernens ist derzeit ein Hauptthema der fortlaufenden dänischen Berufsbildungsreform.

· Weitere Informationen zum Bertelsmann-Preis finden Sie im Internet unter preis.stiftung.bertelsmann.de