Achtmal am Tag flammen vor dem Börsenstudio von n-tv die Scheinwerfer auf, und Friedhelm Busch versucht für die Zuschauer am Fernsehschirm die Stimmung auf dem Frankfurter Parkett einzufangen. Hinter ihm wimmeln Händler durch den Saal. Die Szene suggeriert: Hier wird der Dax gemacht, hier wandern riesige Aktienpakete über die Tresen, und hier entladen sich die Leidenschaften, wenn die Kurse Gipfel erklimmen oder ins Bodenlose stürzen. Reine Show. In Wirklichkeit werden die Reichtümer nicht mehr im Großen Handelssaal am Börsenplatz 4 geschmiedet, sondern in einer Schrankwand leise summender Computer, die im Norden Frankfurts an einem geheim gehaltenen Ort steht, eingeschlossen in einer Hochsicherheitszelle. Hier schlägt das Herz des elektronischen Handelssystems Xetra, in dessen virtuellem Netz bereits 85 Prozent aller Umsätze mit Dax-Titeln getätigt werden. Tendenz steigend.

Gerade haben die Deutschen Geschmack an der Börse gefunden, da vollzieht sich weltweit ein dramatischer Wandel, der das Bild traditioneller Handelsplätze über den Haufen wirft. Rund um den Globus, in Mexico City, Tokyo und Wien, reißen die Börsen das Parkett auf und ersetzen es durch Computerplattformen. An vielen Orten schließt man gleich die ganze Börse, etwa in Genf oder Basel. Die Handelsplätze, die noch übrig geblieben sind, werden immer elektronischer und rücken - miteinander vernetzt - mehr und mehr in den virtuellen Raum. Frankfurt ist die einzige große Börse in Europa, an der es überhaupt noch einen Handelssaal gibt. Und auch dort verliert das Parkett an Boden. "Früher brüllten die Händler hier wild durcheinander, und es war rappelvoll", sagt die Serviererin im Börsen-Bistro. "Damals haben die Händler ihre Erfolge noch mit Sekt begossen." Heute, klagt sie, kommt nur noch ab und an jemand auf die Empore des Bistros und kauft sich eine Lila Pause oder eine Tasse Kaffee.

Bald wird der Umsatz in der Cafeteria weiter schrumpfen. Die Frankfurter Börse will in diesen Tagen eine seit langem angestrebte Kooperation mit sieben europäischen Börsen unter Dach und Fach bringen. Künftig würden dann die 300 wichtigsten Aktien Europas in einem gemeinsamen Netz gehandelt. Die Allianz ist wichtig, um im weltweiten Wettbewerb zu überleben. In den Vereinigten Staaten attackiert bereits ein Geflecht neuer Computernetze das Establishment der Wall Street (siehe Seite 22). Zwar gelten Europas Börsen als weniger angreifbar, weil sie schon selbst weitgehend auf moderne Elektronik umgestellt haben. Aber die Aktienmärkte rücken immer enger zusammen, und am Horizont dräut schon - von manchem als paradiesischer Endzustand herbeigesehnt, von anderen gefürchtet - die vollständig automatisierte Weltbörse, an der rund um die Uhr jedermann per Mausklick mit Aktien jonglieren kann.

Die moderne Technik macht es möglich. Im 13. Jahrhundert prägte der Ort, an dem sich eine Gruppe holländischer Kaufleute regelmäßig versammelte - nämlich vor dem Haus der Familie van der Buerse in Brügge -, den heutigen Börsenbegriff. 700 Jahre später kommen an der Wall Street wie in Frankfurt immer noch Makler und Händler an einem Ort zusammen, um per Handschlag oder Zuruf Geschäfte abzuschließen. "Bayer 30 zu 40", ruft Dieter Heinemann, amtlich bestellter Makler, in Frankfurt in den Saal und signalisiert damit, dass eine Bayer-Aktie jetzt 39,30 Euro kostet und derjenige, der eine kaufen will, 39,40 Euro zahlen muss. "200 von dir" - auf dem Parkett ist man per Du -, antwortet ein Händler, und schon wechseln 200 Aktien den Besitzer.

Es geht aber auch im so genannten Parketthandel schon anders. Der Wertpapierberater der Sparkasse in Flensburg kann die Aktienorders seiner Kunden per Computer direkt auf den Bildschirm an Heinemanns Maklertresen schicken. Der bekommt von seiner Software einen Kurs vorgeschlagen und braucht ihn - wenn sonst nichts los ist - nur per Tastendruck zu bestätigen. Auch die Händler auf dem Parkett schonen oft ihre Sohlen und schicken die Kauf- und Verkaufswünsche von ihren Büros rund um den Saal per Datenleitung zu den Maklerständen. Diese Elektronik unterstützt den Präsenzhandel - das vollautomatische Computersystem Xetra dagegen, das die Deutsche Börse AG 1997 eingeführt hat, ersetzt ihn mehr und mehr.

Braucht es das Holz noch, auf dem Heinemann steht? Zwar meinen Wissenschaftler wie der Freiburger Professor Thomas Gehrig, dass zur Beurteilung von Aktien "komplexe Informationen" nötig sind, die nur in persönlichem Kontakt ausgetauscht werden können. Aber Gehrig lässt durchblicken, dass diese Informationen auch außerhalb des Parketts zirkulieren können.

"Deutsche Regionalbörsen - ein Ausdruck von Provinzialismus"