Die Fahndung läuft. In Oglethorpe ist im Auftrag der Universität eine Gesellschaft auf der Suche nach der verlorenen Zeit, die International Time Capsule Society (ITCS). Das sind allen voran die Gründungsmitglieder Knut Berger (Autor), Brian Durrans (Anthropologe des Britischen Museums), William Jarvis (Bibliothekar der Washington State University) und Paul Hudson, Archivar und Dozent der Oglethorpe University in Atlanta. Hudson hat seit 1970 unzählige Abhandlungen über Zeitkapseln geschrieben und gilt weltweit als die Autorität auf diesem Gebiet. Von Atlanta aus betreibt die ITCS historische Studien über versenkte Behälter und macht sich Gedanken über den Wert der Zeit und deren Konservierung. Ihre liebste Aufgabe ist aber das Aufspüren der verschollenen Kisten. Mit Hilfe einer most wanted- Liste, einem Suchaufruf an die Weltbevölkerung, hofft man, die neun berühmtesten Kapseln wieder aufzutreiben.

Ganz oben auf der Fahndungsliste steht der Bicentennial Wagon Train, ein Zug, in dem 22 Millionen Unterschriften lagern. Amerikanische Bundesbürger hatten sie 1976 gesammelt, um sie am Unabhängigkeitstag im Beisein von Präsident Gerald Ford zu versenken. So weit kam es jedoch nicht, weil Diebe den Lastwagen mit den verpackten Papieren kurz vor der Zeremonie aus dem Waggon stahlen. Seither gilt der Verbleib der Kapsel als "ungelöstes Mysterium". Ähnlich erging es der Middlesex Grammophone Company, heute EMI, die im Jahr 1907 Originalaufnahmen der Opernsängerin Nelli Melba und anderer Stars in einem Container vergrub. Die Platten wären heute von unschätzbarem Wert. Als sie in den sechziger Jahren bei Erdarbeiten auf dem Gelände exhumiert wurden, schlugen Diebe kurz vor der Umbettung in ein neues Erdloch zu.

Wie man es richtig macht, erfährt man in Oglethorpe. Gut ein Dutzend Anfragen bekommt Paul Hudson täglich, weil 100 Tage vor Ablauf des 20. Jahrhunderts vielen auffällt, wie vergänglich Zeit ist. Eine richtige Erinnerungsindustrie hat sich etabliert. Es gibt Kapsel-Bausätze für jedermann, von der besseren Konservendose mit Schraubdeckel für 20 Dollar bis zur Profikapsel mit 500-Jahres-Garantie. Die Frage ist nur, was unsere Nachfolger in den Überraschungseiern einmal finden werden. Was lange liegt, wird oft nicht besser, sondern vom Zahn der Zeit zerfressen. Deshalb gibt die ITCS seit neun Jahren einen Knigge für Hobby-Konservatoren heraus. "Je länger die Verweildauer, desto heikler wird die Aufgabe", heißt es dort zum Beispiel. Hundert Jahre sind besonders populär, fünfzig Jahre haben ihren Reiz, weil man seine eigene Kapsel womöglich selbst ausgraben kann.

In Deutschland ist noch keine Zeitbox vergraben. Aber das will Johannes Rühl, Kultur- und Sportamtsleiter im baden-württembergischen Rottweil, demnächst ändern. Von Silvester an sollen in einer stählernen Box Tausende von Briefen unter der Erde lagern. Post für unsere Nachkommen, die im Jahr 2099 zugestellt wird. "Es kann ein Brief an die Enkel sein, Tipps für Amtsnachfolger, die Geschichte der eigenen Familie oder Intimes, das man in diesem Leben niemandem mitteilen kann", sagt Rühl. Das Erinnern lässt sich Rottweil 30 000 Mark kosten, schließlich winkt der Stadt ein Stückchen Unsterblichkeit.

Rühls Riesenbriefkasten ist fast so sicher wie ein Safe. Der Edelstahlwürfel ist rostfrei und garantiert jahrtausendfest. Der scharfkantige Block misst einen Meter fünfzig im Quadrat, wiegt 600 Kilo, ist luftdicht verschweißt und ebenso hitze- wie kältebeständig. Gestaltet wurde er von dem Bildhauer Erich Hauser. Die Kiste ist blank gewienert und mit Wachs belegt, denn Fingerabdrücke gehören nicht zu dem, was die Rottweiler hinterlassen wollen. Das Papier soll trocken lagern, weshalb die Innenwände der Box mit saugfähiger Pappe beklebt sind, gegen das Kondenswasser. Eine Woche vor Silvester müssen sich die Briefe auf Rühls Balkon akklimatisieren, so haben die Konservatoren vom Württembergischen Landesarchiv geraten. Wenn die ersten Böller krachen, wird die Postbox verschweißt. Es folgen hundert Jahre Einsamkeit im Erdboden.

Die Capsule Society würde Rühl allerdings raten, dass er die Box nicht vergraben sollte. Auf diese Weise sind zu viele Erinnerungen auf ewig beerdigt worden. So kaufte die Bundesregierung Ende der sechziger Jahre das stillgelegte Bergwerk Barbara bei Freiburg, nachdem sie mit 69 Staaten in Den Haag ein Abkommen unterzeichnet hatte. Die Konvention zum Schutze von Kulturgut bei bewaffneten Angriffen war ein Produkt des Kalten Krieges und wurde 1967 Bundesgesetz. Sie war die schriftgewordene Furcht davor, die Kultur eines Landes könne sich in Rauch auflösen. Sämtliche Kunstschätze und Kulturgüter der Dringlichkeitsstufe 1 wurden bis einschließlich 1983 abgefilmt, verschweißt und 392 Meter tief im Erzstollen gebunkert.

Das gesamte Unternehmen soll über 70 Millionen Mark gekostet haben und löste enorme Diskussionen aus, weil die Regierung ein seltsames Verständnis von Kunstschätzen zeigte: Für Kant, Beethoven, Einstein oder Thomas Mann hatte sie keinen Platz im Bunker, wohl aber für Hitler und Goebbels. Der Schatz der Deutschen - er lagert seitdem unbeweglich und bombensicher auf ewige Zeiten. So sicher, dass seine Hüter ihn schon nach 30 Jahren vergessen haben. Beim Presse- und Informationsamt "ist ein solches Archiv nicht bekannt". Aber: "Wir schicken morgen jemanden los, zum Suchen."