So singt er's: Denkt, das Schreiben seiner Songs fresse ihn auf, halte ihn davon ab, jemandem wirklich nah zu sein. Aufrichtig bedauert er es, andere zu verletzen und sie zu recyceln, immer und immer wieder. Und trotzdem: Iggy Pop hält das nächste Mädchen (so um die fünfundzwanzig) in den Armen, will's einfach nicht glauben, dass - schon wieder - eine ihr Leben in seine Hände legt. Ende des Monologs mit Streichern.

Jetzt die Pause. Zwischen Track 5 und Track 6 des Werkes. Die große Stille nach der Einsicht des alternden Pop-Stars. Welche Konsequenzen wird er ziehen? Kommt der Pate des Punk endlich zur Ruhe, wird er sich in Würde dem Alter und seinen Büchern widmen? Vier Sekunden Pause und dann zwei hallende Töne, ein Gitarren-Vorschlag zur Einstimmung, ein dumpfer Schlagzeugknall und das Bum-Bum-Riff zu Shakin' All Over - "When you moving right up close to me* ..." Kein bisschen weiser, nur etwas einsamer fühlt er sich - danach.

Auftritt der altersverwandten Heroine aus den mittsechziger Jahren, Auftritt Marianne Faithfuls. "Oh doctor please, I drink and I take drugs I love sex and I moved around a lot ... and yes I guess I do have Vagabond ways." Die Geschichten dazu sind in ihrer Autobiografie nachzulesen, doch der rauchige Tonfall hat selten vor einem so samtigen Soundvorhang gestanden ( Virgin Rec. 47759). Das Exzessive und Erotische ist zur lächelnden Selbstverständlichkeit geworden, allzu oft zitiert und bemüht, um nochmals irgendetwas beweisen zu müssen. Sie ist zurückgekehrt - nach ihren offenherzigen Flirts mit Marlene, Bert und Kurt, den Liedern der dreißiger Jahre und der Sieben Todsünden , die ihr vielleicht zu leicht über die Lippen kamen, als dass sich ihr Inneres nach außen kehrte.

Nun gibt sie sich wieder peinlich ungeschützt - Elton John und Roger Waters Kompositionen neben ihren eigenen -, singt zu Streichern, zartem Gitarren-Rock ihres ewigen Begleiters Barry Reynolds, spricht zu seltsamen Loops des viel geschmähten Erfolgsproduzenten Daniel Lanois. Muss man noch einmal erinnern? An ihre Solokarriere, die 1964 mit jener überirdischen Lolita-Stimme zu As Tears Go By begann, an alle aktenkundigen Rolling-Stones-Affären, die mit Heroin und Zusammenbruch endeten, den Neuanfang 1975, der sich dann 1979 mit Broken English zwischen Baader-Meinhof und Pornografie ansiedelte? Wie ein Schatten folgen diese Geschichten der Musik: bei Marianne wie bei Iggy - die Biografien lassen die Lieder nicht mehr los, wir sehen mehr, als wir hören.

Marianne trägt zwar ihren Ausschnitt noch immer reichlich tief, und Iggys Hosen hängen gefährlich knapp überm Hüftknochen, doch wo sie das Alter mit offener Geste retuschiert - seht her, so bin ich, und so war ich mal -, zeigt er Muskel um Muskel, jeder am rechten Ort und doch seltsam fehl am Platz. Von Erinnerung singt sie, mit sehnsuchtsvollen Strähnen durchzogen, von Gegenwart er, von den Qualen der Langeweile und Wiederholung heimgesucht. Die Schönheit des Alters ist weiblich.

Das alte Frau-Mann-Ding bricht sich im Pop-Spiegel. Selten hat er verführerischer gesprochen - im Lou-Reed- alias Taxi-Driver-Stil zu Streicherbegleitung und zu Jazz im Whiskeyglas - über "a balance between joy and dignity", was oft nur meint zwischen einem Fick und dem gut bestückten Bücherregal. Links die Midlife-Krise, rechts die Maske des Alters, der Rebell gibt sich fassungslos: "She called me Daddy" und dann mit gespielter Pause und grinsendem Kopfschütteln: "She called me - Dääddie!?"

Vielleicht träumt sie zu viel, liebt Rimbaud, Baudelaire und Melville, und scheitert - nur ein einziges Mal -, wenn sie sich an Leonard Cohens Tower Of Song wagt. Der gelangweilte Gestus steht ihr nicht.