Es ist vielleicht falsch, wenn ich jetzt erzähle, wie mein Großvater die Mühle weggeschwemmt hat, aber vielleicht ist es auch nicht falsch. Auch wenn es auf die Familie zurückfällt."

Der Untertitel: 34 Sätze über meinen Großvater, "bei dem das alles zusammenkommt: behalten wollen, mehr haben wollen, besser sein wollen als alle anderen".

Suchte man nach einer Begründung, warum immer wieder erzählt werden muss, hier hätte man sie.

Der Roman "spielt an der früheren russisch-deutschen Grenze in Westpreußen, 1874 im Sommer, und hat es also mit den gewissen nationalen und religiösen Gegensätzen zu tun, will aber gerade erweisen, daß die guten Leute zusammen leben können und es auch getan haben".

"Die Deutschen hießen Kaminski, Tomaschewski und Kossakowski und die Polen Lebrecht und Germann. Und so ist es nämlich auch gewesen."

"... eines Morgens" war das Stauwasser abgelassen "und von Levins Mühle nur noch der halbe Steg übrig". Der Jude Levin zieht vor Gericht. Zwei Parteien entstehen. Die eine lässt ihre deutschen Beziehungen zum Pfarrer, Landrat und Richter spielen. "Dann werden sich die Liberalen aber wundern, dann kommen sie ran: Künstler und Zigeuner und Professoren, wird spaßig." Die andere macht ein Lied auf die Dinge - und der Zigeunerzirkus führt es auf.

"Weshalb sind die bloß so, sagt Flötist Geethe. Er meint diese deutschen Behörden und diesen deutschen Großvater und diesen deutschen Fußgendarm ... Aber was soll Habedank antworten? Alles keine Musikanten."

"Und nun überlege ich nur, ob es nicht doch besser gewesen wäre, die ganze Geschichte weiter nördlich oder noch besser viel weiter nordöstlich spielen zu lassen, schon im Litauischen, wo ich alles noch kenne, als hier in dieser Gegend, in der ich nie gewesen bin, an diesem Fluß Drewenz, am Neumühler Fließ, an dem Flüßchen Struga, von denen ich nur gehört habe."

Bobrowski schrieb seinen ersten Roman vom Herbst 62 bis zum Sommer 63 mit Bleistift in der S-Bahn, während der Arbeitspausen im Verlag oder abends zu Hause. Seinem Freund und Lektor Klaus Wagenbach vertraut er an: "Dieser elende Roman ist fertig und verkauft. ... Außerdem ist er nichts geworden, ich zieh mich mit ihm endgültig aus der Literatur zurück. Bloß lustig ist er." Im Mai 64 erscheint das Buch im Union-Verlag (Berlin Ost) und bei S. Fischer (Frankfurt am Main).

"Und da man häufig auf die Meinung trifft, von der deutschen Nachkriegsliteratur zähle nur, was im Bereich der sozialen Marktwirtschaft geschrieben wurde, so wollen wir noch feststellen: seit diesem Roman ist das nicht mehr so" (Heinrich Bosse, WDR, 1965).

Dass Ende der Fünfziger und zu Beginn der Sechziger der Großteil an wichtiger deutschsprachiger Literatur den Osten zum Thema und Ort der Handlung hat, überrascht nicht - zumindest aus heutiger Sicht.

"Das Thema Osten usw. gehört mir ja im Grunde gar nicht, ich bin weder Pole noch Russe und schon gar nicht Jude. Das einzige, was mich berechtigen könnte, ist: wenn ichs nicht sage, ist wieder einer weniger, der es den Deutschen, also meinen Leuten, vor Augen stellt."

"Hingehen, das geht nicht mehr. Hingehen nicht. ... Herrufen, hierher. Wo wir sind."

"Diese Juden, sagt er, haben Jesum ans Kreuz geschlagen, mit Nägeln, Achtzöller. Er weiß das ... Er weiß es genau, er wird ja keinem dieser Juden etwas tun wollen deswegen, er wird Gott nicht vorgreifen, der getreu ist und es auch tun wird, wie es heißt, ersten Thessalonicher, und wenn er es tun wird, wird er, der nicht viel sagt, dastehn und sich nicht verwundern, das mußte ja so kommen, höchstens vielleicht stellt er sich näher dazu, und vielleicht hilft er noch ein bißchen nach."

In seiner Prosa näherte sich Bobrowski (zwei Jahre Militärdienst, sechs Jahre Soldat und vier Jahre sowjetische Gefangenschaft) der Gegenwart - sein zweiter Roman, Litauische Claviere, wie auch die meisten seiner Erzählungen sind zeitlich zwischen der Machtergreifung der Nazis und dem Ende des Zweiten Weltkrieges angesiedelt. Mit den Erzählungen Das Käuzchen und In eine Hauptstadt verschlagen hatte Bobrowski sein Heute erreicht.

Kann man sich einen Bobrowski-Roman über die DDR denken? Ich hätte mir zuerst ein sehr viel längeres Leben dieses 1917 in Tilsit geborenen Dichters und dann so einen Roman gewünscht.

Bobrowski ist eine Dreifachbegabung. Sowohl in Gedichten als auch im Roman und in den Erzählungen hat er eine eigene, modulationsreiche Stimme entwickelt.

Nachdem ich Levins Mühle gelesen hatte, schien es mir, als hätte ich diese Geschichte erzählt oder zumindest vorgelesen bekommen.

Und dann ist der Roman "auch sprachlich ein bisschen problematisch. Zuvor ganz leicht verständlich aber doch ungewöhnlich: in der Hereinnahme von Umgangssprache, Dialekt, Jargon usw. Und zwar so, dass diese volkstümlichen Elemente ohne Übergänge ineinandergebracht werden mit der in der deutschen Erzähltradition entwickelten stilisierten Erzählhaltung, die von Wilhelm Meister wie den Romantikern ausgehend ein, denk ich, vorläufiges Ende in den verschiedenen Ausformungen Hesse, Th. Mann, Musil, Kafka gefunden hat. Das ist ein Philologenproblem, weil es am sichtbarten in der Veränderung des Vokabelbestandes ablesbar ist, aber natürlich auch an den Versuchen, die Syntax in Bewegung zu bringen. Und angesichts der Technisierung der Sprache möchte ich den natürlichen Sprechtonfall als ein bewußtes Stilmittel hereinbringen, es soll die Ausdrucksmittel lebendig halten ... Lies auf einen Sitz, wenns geht."

Sein lebendiges Wort versöhnt Tradition und Moderne. Die DDR-Zensur sah darin "bestimmte Auflösungserscheinungen des Romans". Zugleich haftet diesem Ton - wie sollte das bei einem Geschichtenerzähler auch anders sein - noch das Märchen, die Sage, das Lied an, spröde und innig.

Der Erzähler von Levins Mühle ist fern jeder auktorialen Geste, er ist einer, der nachfragt. "Es ist nichts: Beobachter sein, der Beobachter sieht nichts." Er kämpft um jede seiner Figuren. Selbst als er seinen Großvater schon aufgegeben hat, erschafft er noch den akademischen Maler Philippi, der sich dem Alten in den Weg stellt. ",Lassen Sie mich doch in Ruhe', sagt der Großvater mit unsicherem Blick. Aber Philippi ruft: ,Nein'. ... Und dieses Philippische Nein, das soll gelten."

Die Erzählweise - immer im Präsens! - erscheint absichtslos, unberechenbar und ist doch stringent, voller Notwendigkeit - als könnte es anders gar nicht ausgesprochen werden. Als Leser fühlt man sich eingeladen, irgendwie dazugebeten. Man möchte sich bei diesem Erzähler Rat holen, weil er so schön abwägen kann.

Bobrowski erlaubt es sich, eine Vielzahl an Motiven zu schaffen, sie eine Zeit lang zu führen, hier und da klingen auch nochmals ein paar Takte an - dann scheinen sie zu verwehen. Man bemerkt ihre Abwesenheit - und spürt, dass man sie schon als Metaphern mit sich trägt, ein ganzes Metaphernbündel.

Mir fällt es schwer, über ein Werk zu schreiben, zu dem ich mich in einem familiären Verhältnis fühle, distanzlos. (Auch deshalb empfehle ich dankbar: Gerhard Wolf - Beschreibung eines Zimmers, den Film Levins Mühle von Horst Seemann und die gleichnamige Oper von Udo Zimmermann.)

Was Bobrowski in Worte gebracht hat, ist Maßstab - für Leser und Schreiber. Kein Satz, der nicht die Schwerkraft der gewöhnlichen Mitteilung überwindet - alle Wörter werden zu Worten.

Durch diesen Autor habe ich zum ersten Mal erfahren, wie rein Literatur sein kann - im Sinne von reiner Malerei: ganz aus der Farbe gearbeitet, ohne Zeichnung. Die Handlung entsteht aus dem Szenenwechsel, aus der Abfolge der Details.

Ich entferne mich nie zu weit von Bobrowskis Büchern. Seit ich sie zum ersten Mal gelesen habe, finde ich in ihnen Rückhalt, ob früher zwischen Frühsport und Appell oder heute im Hotelzimmer.

"Es ist doch da etwas gewesen, das hat es bisher nicht gegeben. ... Das ist dagewesen, also geht es nicht mehr fort."

"... und daß es welche gibt, die davon reden werden, überall, und nicht aufhören damit."

"Wenn wir nicht singen, singen andere."

· Johannes Bobrowski: Levins Mühle

Roman; FT 956, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1997; 295 S., 16,90 DM