Paris

Herumstehen mit den Mächtigen dieser Welt, protokollarisches Händeschütteln und andere Pflichtauftritte von Premierministern sind Lionel Jospin ein Gräuel. "Ich würde das abschaffen", hat er einmal gesagt, "es ist bloß Zeitverschwendung. Mir liegt das nicht." Das war 1996. Jospin war Erster Sekretär der französischen Sozialisten, die damals gerade ein Zehntel der Abgeordneten in der Nationalversammlung stellten; ein Moment, in dem er frei reden konnte. In einem langen Gespräch mit der Kulturzeitschrift Les Temps Modernes hinterließ er manchen Schlüssel zu den Hintergedanken einer Politik, die ihn heute zum erfolgreichsten linken Regierungschef Europas macht.

Der Dialog zwischen Jospin und dem Jungstar der europäischen Linken ist stockend in Gang gekommen. Es hat Brüskierungen gegeben: ein unvermittelt abgesagtes Treffen in Paris, dann eine temperamentvolle Ansprache Blairs vor der französischen Nationalversammlung auf Einladung des Parlamentspräsidenten Laurent Fabius, nebenbei Jospins langjährigem Gegenspieler in der Sozialistischen Partei. Dieser Redeauftritt von Tony Blair, eine Werbeveranstaltung in eigener Sache, brillant und eitel, hat Jospin überhaupt nicht gepasst. Eitel ist er nämlich auch.

Lange wurde Jospin als Herzjesu-Sozialist beschimpft

Darum wurmte es den französischen Premier sehr, dass er und seine Mannschaft in der europäischen Öffentlichkeit, bei den Journalisten, bei Parteien und Wirtschaftsverbänden lange wie rückständige Vertreter eines längst vergangenen Politikzeitalters ausahen: Als Steinzeit- und Herzjesu-Sozialisten wurden sie beschimpft, als neokeynesianische Dinosaurier, die einfach nicht begriffen, dass da ein Millenniumswechsel bevorstehe und ihr Politikkonzept ausrangiert gehöre. Dass die französische Regierung unter den Bedingungen einer schwierigen Koalition wirtschaftspolitisch vor allem dem ganz unideologischen Prinzip des Durchwurschtelns folgt (siehe ZEIT Nr. 38/99), wurde auf der Suche nach einem Kontrastprogramm zum Dritten Weg geflissentlich übersehen.

Als Tony Blair und Gerhard Schröder unmittelbar vor der Europawahl ihr Thesenpapier über einen Weg nach vorne für Europas Sozialdemokraten veröffentlichten, hatte Jospins Konzept in den Augen vieler Betrachter den Tiefpunkt erreicht - und gleich darauf durchschritten.

Denn die Wähler haben die französische Linke bestätigt, den lauthals vorgetragenen, universalistischen Modernisierungsansprüchen des deutschen und des britischen Regierungschefs hingegen eine Absage erteilt - so sehen es jedenfalls die europapolitischen Denker der französischen Sozialisten. Eine gigantische Niederlage für Tony Blair sei das, die auf ganz Europa zurückzuwirken drohe. Blair habe sich überschätzt, wie alle jungen Leute, die Erfolg haben, und die Dinge damit übereilt. Er habe einfach zu schnell vorankommen wollen. Großbritannien, so meint man in Paris, droht jetzt wieder in die Isolierung zurückzukehren, aus der Blair es gerade befreien wollte.