Was ist eine Einheit wert, die Zwietracht sät? Und was die Eindeutigkeit einer Moral, die im Zwielicht der ethischen Konflikte am Ende doch nicht weiterhilft? - Das sind Fragen, die sich den deutschen Katholiken nun noch tiefer und noch drängender stellen als zuvor; zumal die Deutsche Bischofskonferenz sich abermals für eine Doppelstrategie entschieden hat: Sie musste sich im Abtreibungskonflikt zwar der römischen Weisung beugen - wählte aber im Gegenzug Karl Lehmann, den Kämpfer gegen den päpstlichen Fundamentalismus, erneut zu ihrem Vorsitzenden.

Roma locuta, causa finita - Rom hat gesprochen, der Fall ist erledigt: Wenn diese Formel je falsch war, dann jetzt. Gewiss, die katholischen Bischöfe werden in der staatlichen Konfliktberatung nach Paragraf 218 nicht weiterwirken können - es sei denn, Einzelne unter ihnen würden ihren inneren Konflikt bis zum letzten Ende austragen: persönliches Gewissen gegen die Autorität der Hierarchie.

Denn eines machte das jüngste Sendschreiben aus Rom von Anfang an deutlich: Es wurde veranlasst durch deutsche Interventionen im Vatikan - also von Kräften, die mit dem im Juni von den Bischöfen einstimmig beschlossenen und von Rom vorab indossierten Kompromiss partout nicht leben wollten. Zwar war die Absurdität jener "Scheinlösung" mit dem berühmt-berüchtigten Zusatz ("Dieser Schein darf nicht ...") ganz offenkundig. Sie war allenfalls als "pragmatische Sanktion" anzuerkennen. Aber diese Absonderlichkeit war in Wirklichkeit von ebenjenen Fundamentalisten erzwungen worden, die hernach das Ergebnis ihrer eigenen Hartnäckigkeit mit Hohn und Spott übergossen.

Nun steht der deutsche Katholizismus vor dem größten Scherbenhaufen seiner Nachkriegsgeschichte. Wie könnte es weitergehen -en gros und en détail?

Im Großen: Das Verhältnis zwischen Staat und (katholischer) Kirche steht zunächst infrage. Der historisch einzigartige deutsche Kompromiss hatte beides zustande gebracht - sowohl eine faktische, wenn auch nicht ins Extrem getriebene Trennung von Staat und Kirche seit 1919 als auch eine partnerschaftliche Kooperation seit 1949; seine Wurzeln hatte dieser historische Kompromiss nicht zuletzt in der konfessionellen Spaltung seit der Reformation und der staatlichen Zersplitterung der Nation bis 1871. Aufgrund dieser partnerschaftlichen Konkordanz hat sich der Staat doppelt zurückgenommen - zum einen in die weltanschauliche Neutralität, zum anderen in die Selbstbeschränkung durch das Subsidiaritätsprinzip, welches der katholischen Soziallehre, den traditionellen liberalen Vorstellungen und den neueren zivilgesellschaftlichen Idealen entspricht. Diese Partnerschaft räumte den Kirchen (und zugleich anderen freien Verbänden) ein erhebliches Maß autonomer Mitgestaltung in der Gesellschaft und im Sozialstaat ein. Freilich setzte dieses Verhältnis auch zweierlei voraus: einerseits die wechselseitige Anerkennung der Legitimität und andererseits die Bereitschaft zur Kooperation selbst dort, wo sich jeder Partner - wäre er allein auf der Welt - bessere und eindeutigere Lösungen hätte wünschen können. Jedenfalls galt dies immer, so lange eines gewährleistet war: Mitwirkung führt in der Praxis näher ans Ziel als Selbstisolierung in moralischer Schönheit.

Und just an dieser Stelle wird nun der Bruch sichtbar, den die römische Ordre zum Ausstieg aus der Konfliktberatung verlangt, weshalb man noch einmal aufs Detail schauen muss.

Im Detail: Weder die katholische noch die evangelische Kirche hat in der Abtreibung je etwas anderes gesehen als die Tötung werdenden Lebens. Die Frage war allerdings: Wie kann man die Zahl der Abtreibungen senken? Gewiss nicht, wenn man sich, wie Rom, auch noch jeder realistischen Familienplanung verschließt. (Deshalb hatte Lehmann 1987, unmittelbar nach seiner ersten Wahl, seinen ersten Konflikt mit dem Papst, als er sich weigerte, ein Votum der deutschen Bischöfe zurückzunehmen, das hierin auf das Gewissen der Ehepartner abstellte.)