Was war, was ist die "Kritische Theorie"? "Kritische Theorie bleibt die Anzeige und Charakterisierung einer infamen Welt", sagte der Literatursoziologe Leo Löwenthal im Alter. Doch weil er die Sachlage für komplizierter hielt - zu Recht -, erzählte er auch einmal, dass er immer den Fachmann Martin Jay um Hilfe anrief, wenn er angeben sollte, was denn für die Kritische Theorie charakteristisch sei. Im klassisch gewordenen Aufsatz Traditionelle und kritische Philosophie Max Horkheimers von 1937 steht es genau zu lesen: "Die kritische Theorie hat ... keine spezifische Instanz für sich als das mit ihr selbst verknüpfte Interesse an der Aufhebung der Klassenherrschaft." Später hat Horkheimer dies korrigiert und, mildernd und realistisch, von der "Aufhebung des gesellschaftlichen Unrechts" gesprochen.

Kritische Theorie, das war und ist eine schillernd weite intellektuelle Bewegung. Ihr Ursprung war eine auf radikale Veränderung ausgelegte Mitleidsethik, die sich aus den Quellen des Marxismus, des jüdischen Messianismus und der Psychoanalyse speiste. Sie bewegte sich zunächst um die Frage, wie aus verdinglichten, entfremdeten Menschen freie Subjekte werden, ökonomisch, psychisch, kulturell. Sie stellte die Frage nach dem Anspruch der Menschen auf Glück. Und diese Frage entsprang auch aus der unlösbaren Verknüpfung von Biografie und Theorie. Denn die meisten Denker der frühen Kritischen Theorie waren deutsche Juden, linke Intellektuelle, dem Marxismus auf diffuse Weise nah, aber vom Moskauer Kommunismus enttäuscht. Das Elend, das im Zentrum ihrer geistigen Arbeit stand, war vom nationalsozialistischen Totalitarismus nicht zu sondern.

Der Tatsache, dass sie ihre Zeit philosophisch durchdringen wollten, verdankten die anderen Wissenschaftler ihr Leben; denn seit sie in ihrer Studie über den Autoritarismus der deutschen Arbeiterschaft erkannt hatten, dass die Leute im Kern autoritär fühlten, bereiteten sie ihre Emigration vor. Rechtzeitig. "Als wir die Resultate bekamen", sagte Leo Löwenthal über die Studie, "ist uns das Herz in die Hose gefallen." Das Subjekt für die Revolution war abhanden gekommen, die Arbeiterschaft war weitgehend integriert, und der Nationalsozialismus schaffte die Hoffnung auf die Emanzipierung freier und gleicher Individuen ab. Die Diagnose, dass die liberale bürgerliche Gesellschaft am Ende sei, schien für lange Zeit Recht zu bekommen. Der totalitäre Staatskapitalismus war an ihre Stelle getreten.

Sozialforschung, das sollte zunächst heißen, mithilfe aller beteiligten Wissenschaften eine in der sozialen Empirie gründende Theorie der Gesellschaft zu schaffen. Die Philosophie, so steht es in den frühen Aufsätzen Horkheimers, ist von einer Wirklichkeit umgeben, in der Menschen an den Beschädigungen durch den Kapitalismus leiden, und mit dieser Tatsache sollte es das Denken aufnehmen. Auch wenn in der Wirklichkeit keine Norm steckt, die angibt, wie Menschen handeln sollen, so ist sie doch selbst durch das Leid normiert. Das Wesen der Theorie soll es daher sein, das Leid aufzuheben - das Leid der Reduktion von Menschen auf Funktionen, den Tauschwert und Formeln. Wie kann eine Gesellschaft ohne gesellschaftlich verursachtes Leid existieren, und wie verlassen ihre Mitglieder den Zustand der Entfremdung, des Lebens, das seiner selbst beraubt ist? Wie muss eine Philosophie beschaffen sein, die von der Tatsache des Unrechts ausgeht und von der Fremdheit des Menschen gegenüber sich selbst? Welches sind die Kriterien für eine historisch verstandene Wahrheitsfindung?

Aus der Zeitdiagnose wurde bald vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Barbarei eine Philosophie der Vernunftkritik. Die Fragen hatten sich gewandelt: Was ist das Wesen der Vernunft und der Aufklärung? Die Kritik der instrumentellen Naturbeherrschung war nun das bestimmende Thema geworden: das Verhältnis von Mensch und Natur, geschichtsphilosophisch verstanden und durch den Verfall dessen, was Vernunft sein könnte, bestimmt. Vernunft hatte die Herrschaft über alles an sich gerissen, was ihr nicht gefügig war.

Die Dialektik der Aufklärung, von Adorno und Horkheimer im Exil verfasst und 1947 erschienen, sah das Wissen auf Technik reduziert, das Wort auf die Formel oder den Begriff, die Arbeitskraft auf eine Ware, die Individualität auf Selbstbeherrschung - und die Aufklärung beschrieben die beiden Emigranten als eine mythische Angst vor allem, was sich in ihr Muster nicht fügt. In den Antisemitismus-Thesen blieb die empirische Sozialforschung erkennbar: Antisemitismus sei vom Kapitalismus nicht trennbar, er sei ein Ventil für Menschen, die, ihrer Subjektivität beraubt, voller Hass in den Juden alle Freiheiten sahen, die in ihnen selbst unterdrückt waren. Die Dialektik der Aufklärung ist das schwärzeste und zukunftsloseste Buch, das von bürgerlichen Intellektuellen verfasst wurde.

Adorno dozierte auf einem "Wiedergutmachungslehrstuhl"