Als der in Ost-Berlin aufgewachsene Autor Thomas Brussig 1996 seine schräge DDR-Parabel Helden wie wir vorlegte, überschlug sich die Kritik vor Begeisterung: Von "nachgerade valentinschem Humor", "wildem Erfindungsgeist" und vom "rücksichtslosen Blick einer neuen Generation auf deutsche Geschichte" war die Rede, und selbst die Tatsache, dass ein Penis im Buch zur alles überragenden Metapher wird, löste blankes Entzücken aus: "Sinnlichkeit statt Tiefsinn, Erektion statt Zeigefinger" lautete eine der Formeln für das, was allgemein als Durchbruch zu befreiender Unzimperlichkeit in deutsch-deutschen Dingen empfunden wurde.

Dieses Verdienst kommt Brussig in der Tat zu. Es wird auch nicht dadurch geschmälert, dass der Versuch des damals 30-Jährigen, in den grotesk überzeichneten Phobien, Zwangshandlungen und Perversionen eines negativen Helden die Deformation einer ganzen Gesellschaft - der ostdeutschen - dem Gelächter preiszugeben, bei erneuter Lektüre oft nur den Eindruck des Gezwungenen und Forcierten macht, so, als müsse sich das komische Talent des Autors doch recht plagen, um den Spagat zwischen Scherz, Klamauk und tieferer Bedeutung leisten zu können: Helden wie wir gehört zu jenen Büchern, die ihre eigene Weltstunde haben. Es brachte einen Ton in die Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit, der, gleich weit entfernt von Larmoyanz und Pharisäertum, selbst beim Neuen Deutschland argwöhnischen Beifall fand, vor allem aber Lesern im Westen - linken so gut wie konservativen - das Gefühl vermittelte, sich ohne Anmaßung der radikalen Demontage eines Kleinbürgerregiments anschließen zu können, bei der ein Überlegenheitsstandpunkt nicht vorgesehen war.

Nun ist, nach vierjähriger Pause, ein neues Buch von Thomas Brussig erschienen (sein drittes übrigens, denn einen ersten, stark am Vorbild J. D. Salingers orientierten Roman hat er bereits 1991 unter Pseudonym vorgelegt). Dass es ein gemeinsam mit dem Regisseur Leander Haußmann entwickeltes Filmdrehbuch weiterspinnt, könnte dazu verleiten, in ihm eine Art Fingerübung oder gar ein Abfallprodukt zu sehen. Tatsächlich aber ist der schmale Episodenroman Am kürzeren Ende der Sonnenallee, der etwa Mitte der achtziger Jahre unter Ostberliner Heranwachsenden spielt und bis in die umstandslose Syntax hinein ihre Gefühls- und Erfahrungswelt evoziert, reinste, heiterste, zärtlichste Poesie des Widerstands. Und zwar des richtigen Widerstands, von dessen Risiken seinerzeit selbst die armen Prol-Kinder und multikulturellen Underdogs vom längeren Ende der Sonnenallee nicht den mindesten Begriff gehabt haben dürften.

Das nämlich lag schon in Neukölln, im goldenen Westen, im Licht, und endete an der Aussichtsplattform, von der aus ganze Schulklassen johlten, pfiffen, "Zonis" guckten. Dann kamen die Mauer, der Todesstreifen und schließlich das schlechte Russenstück der Sonnenallee: ihr kürzeres Ende mit der 379 als niedrigster Hausnummer. Wer in dieser Zwischenwelt nicht verrückt werden oder Ärger kriegen wollte, tat gut daran, das alles völlig normal und in Ordnung zu finden. Denn hier, wo die DDR auch nach innen das Gesicht von Gewalt und Freiheitsberaubung - Mauer, Wachturm, Stacheldraht und den Lauf von Gewehren - unverhüllt zeigte, lagen zugleich ihre Nerven blank. Hier ließ sie sich ahnen, die ganze mörderische Paranoia der Diktaturen: ihre zwanghafte Fixierung auf verdächtige Reden, Bewegungen, Elemente, ihre Furcht vor dem Hass und der Rache der Bürger. Und vor jugendlichen Freaks, Aussteigern, Rumhängern, vor solchen wie Micha, Brille, Mario, Wuschel und ein paar anderen - den 15- oder 18-jährigen Helden des Buchs.

In der Rolle eines namenlosen Erzählers, der sich freilich zum "Wir" dieser Clique zählt, lässt Brussig die Zeit des täglichen Kleinkriegs gegen Vopos, Grenzer und linientreue Lehrkräfte in Geschichten Revue passieren, die ihren Charme und ihre Komik aus einem unverwüstlichen Muster beziehen: Die Starken, argwöhnisch bis zum Letzten, zugleich aber so schwerfällig und beschränkt wie der klassische Watschen-Römer in Asterix & Obelix, lassen sich verwirren von der dialektischen Chuzpe der Schwachen - zumindest bis zum nächsten begründeten Verdacht. Dazwischen: die ganzen wunderbaren zarten Aufbrüche der Pubertät, worunter keineswegs nur die erste bedingungslose und ewige Liebe zu verstehen ist, sondern mindestens ebenso die strenge Leidenschaft, mit der ein musikbegeisterter Junge (der Wuschel von oben) den Spuren der Schwarzhändler folgt, kreuz und quer durch Ost-Berlin und bis nach Strausberg, um in den Besitz des 72er Doppelalbums Exile on Main Street von den Stones zu gelangen; englische Originalpressung, versteht sich.

Wo immer es um diese elementaren Dinge geht, um die großen Träume, Wünsche und Gefühle, legt Brussig einen lakonischen Takt, ein bulliges Sentiment und eine anteilnehmende Ironie an den Tag, die nach der fonstarken Talentprobe Helden wie wir nicht zwingend voraussehbar waren. Und selbst die schrillen Effekte, zu denen er nun einmal neigt, erweisen sich hier als gegenstandsadäquat. Nicht dass die infantile Leitmotivik von Running Gags den Leser ohne Ende amüsieren könnte, nicht dass unendliche Geschichten wie die von Michas Westberliner Onkel Heinz, der unter Blut, Schweiß und Tränen ausschließlich erlaubte Waren in den Osten schmuggelt, zugleich auch von niemals enden wollender Komik wären.

Aber in Flachsinn und Klamauk, in Überzeichnung und Überreizung, in allem, was "nervt", spiegeln sich der vitale Überschuss der Jugend, ihre Unruhe und kraftvolle Immunität gegen guten Geschmack und feinere Distinktion, spiegelt sich ihre unermüdbare Fantasiefreudigkeit. Und eigentlich will diese Jugend ja nicht mehr als ein, zwei Jahre in ihren Klamotten "am Platz rumhängen", die "verbotene" Musik von SFBeat hören, "Ostsongs" ungeil finden, das gute Recht der Pubertät in Anspruch nehmen, eine vage Sehnsucht nach Freiheit zu haben und ein bisschen gegen alles zu sein. Die Jungen träumen von Miriam, der "Schulschönsten", die aber auf Motorradmänner zu stehen scheint und gerne demonstrativ mit jungen Klassenfeinden aus Berlin-West herumknutscht - wie bescheiden die Exotik, wie kindlich die Sehnsucht nach ein bisschen Extravaganz, wie tapfer der kleine Protest! Als Miriam am Ende dann doch an der grauen Mauer zu zerbrechen droht, saugt sich Micha in einer Nacht das Tagebuch eines Verzweifelten aus den Fingern, um die ängstlich und maßlos Geliebte aus ihrer Agonie zu erretten: