Er kommt, um die Wahrheit zu sagen. Nichts als die Wahrheit. Der alte Mann scheint aus der Zeit gefallen, wie er, kahlköpfig, mit seinem steifen Anzug, auf dem Berliner Flughafen steht. Tatsächlich hält die Welt ihn bereits seit 20 Jahren für tot. Jetzt ist er aus seinem Versteck irgendwo im Hinterland von Argentinien angereist, um seine Geschichte zu erzählen. Kann aber auch sein, dass er nur ein letztes Spiel spielen will. Denn der alte Mann ist ein großer Puppenspieler. Wie an unsichtbaren Fäden dirigiert er seine Helfer, den Anwalt, sogar seine Ankläger, inszeniert einen Prozess, in dem er selbst die Hauptrolle spielt. Der alte Mann ist schwer an Knochenkrebs erkrankt, er hat nichts mehr zu verlieren - noch nicht mal sein Leben. Der alte Mann ist der Todesengel von Auschwitz.

Der Regisseur Roland Suso Richter lässt die Story von Nichts als die Wahrheit von Anfang an der kalten, schnellen Logik eines Albtraums folgen. Gerade noch war Anwalt Peter Rohm in seinem Leben ganz zu Hause. Er hat eine erfolgreiche Kanzlei und eine hübsche und intelligente Frau. Seine gute Gesinnung trägt er so selbstverständlich mit sich herum wie seinen scheußlichen Bart. Peter Rohm hat alles. Deswegen hat er alles zu verlieren. Nur ein kleiner Schatten liegt über Rohms Leben: Seit Jahren versucht er ein Buch über den KZ-Arzt Josef Mengele zu schreiben, aber er bringt keine Zeile heraus, weil er Mengeles Motive nicht nachvollziehen kann. Auf seiner Geburtstagsfeier findet Rohm in einem Paket ohne Absender ein bizarres Geschenk, die SS-Uniform des Dr.Josef Mengele. Noch am selben Abend wird Rohms Wagen gerammt, er folgt dem Täter, gerät in eine Falle, wird betäubt und entführt. Und schon sitzt er in Argentinien Josef Mengele gegenüber, dem Mann, der die vielleicht abscheulichsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte begangen hat.

Der US-Staranwalt Alan Dershowitz hat einmal erklärt: "Würde Hitler heute aus dem brasilianischen Dschungel kriechen, und es fände sich kein Anwalt, dann würde ich ihm sagen: ‰Ich hasse Sie, aber ich werde Ihre Verteidigung übernehmen.' Ich würde nicht zulassen, dass ein Hitler unser Rechtssystem zerstört." Nach langem Zögern willigt Rohm widerwillig ein, Mengele zu verteidigen. Aus Berufsethos, weil er die Überlegenheit des deutschen Rechtssystems beweisen will. Aus Neugierde, weil er das Motiv für Mengeles Menschenversuche verstehen will. Aus Eitelkeit, weil er das Blitzen der Kameras genießt.

Das Monster Mengele geriert sich als Humanist

Nichts als die Wahrheit ist ein kühner Film. Sicherlich wird es Diskussionen geben, ob es legitim ist, dem Schlächter Mengele eine Bühne zu geben. Aber Nichts als die Wahrheit ist gar nicht so sehr ein Versuch über das Damals, sondern ein gewagtes Gedankenspiel über die Gegenwart: Wie könnte das Deutschland von heute mit dem realen Einbruch des absolut Bösen, der Schuld der Vergangenheit umgehen?

Während der Gerichtsverhandlung ist Mengele in einen gläsernen Käfig gesperrt. Das Böse mag als Schauobjekt begafft werden, aber es muss isoliert werden. Das Gericht dämonisiert das Monster Mengele und folgt darin der in Deutschland immer noch beliebtesten, weil einfachsten Deutung des Nationalsozialismus. Denn wenn Hitler und seine Helfer wirklich "Dämonen" waren, dann ist der Nationalsozialismus wie etwas Über- oder Unmenschliches über die Deutschen hereingebrochen. Und das erleichtert die individuelle Schuld gewaltig.

Mengele wird diesen Glaskäfig, der ihn von den so genannten normalen Menschen separiert, im Verlauf der Verhandlung umfunktionieren, er wird ihn zu einem Spiegel machen. "Sehen Sie", sagt der alte Mann ganz ruhig, "ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut." Und: "Wenn Sie in meine Augen schauen, sehen Sie dann wenigstens ein bisschen sich selbst?" Mengele ist nur allzu menschlich. Das macht seine Verbrechen umso grauenvoller. Die vor dem Gerichtsgebäude paradierenden Skins nennt er "kahlköpfige Monster". Es sind die stärksten Szenen in diesem Film, wenn Mengele den selbstgerechten Anklägern ihre moralische Überlegenheit wie Absätze von den Schuhen tritt. "Was war Auschwitz?", fragt der Staatsanwalt, sicher, dass Mengele die Existenz der KZs leugnen wird. "Aber Herr Staatsanwalt, das wissen Sie doch", entgegnet der Alte fast gelangweilt, "Auschwitz war ein Massenvernichtungslager."