Eine dunkle Gestalt im Regenmantel raunte mir ins Ohr, sie hätte preisgünstig eine leicht angestoßene Vorzugsausgabe von Als Hitler das rosa Kaninchen stahl abzugeben. Aber nachdem mir bei meinem kurzen Abstecher in den Waschraum bereits der Große Vorsitzende Klopfer von seinem überdimensionalen Porträt mit indiskreten Augen über die Schulter gelinst hatte, lehnte ich auch ein ledergebundenes Exemplar von Hasenherz dankend ab, was den Mann hinter der Bar nun erst recht herauszufordern schien: Mit zwei gekonnten Griffen förderte er links ein belizianisches Baumwollschwanzkaninchen, rechts einen buntgescheckten Buschmannhasen an den Löffeln hinter dem Tresen hervor, doch Tamara verdrehte nur die Augen, und so folgte ich ihr, die vollmundigen Anpreisungen des Keepers im Ohr - "Bunolagus monticularis für nur die Hälfte!" -, aus der Leporidenhölle auf die Straße, während hinter uns die letzten Melodiefetzen von White Rabbit verhallten.

"Diese Seite der Stadt war mir noch nicht bekannt", sagte ich.

Du liebes Häschen! Die Erwähnung der Luftbrücke ließ mich an unseren gemeinsamen Flug nach Petersburg denken, und für ein paar aerodynamische Momente meinte ich zu schweben, doch die Bruchlandung folgte nur wenig später, als Tamara mich auf dem Weg nach Mitte über ein paar weniger wolkige Sachverhalte aufklärte, die meine bittersüßen Reminiszenzen - allein ihr Name hatte mich unwillkürlich Erdbeerkonfitüre schmecken lassen - auf die harte Rollbahn der Tatsachen zurückholten.

"Aber ..."

"Ich konnte nicht ewig auf dich warten", sagte sie. "Wenn das Leben stillsteht, können wir keine Geschichten mehr erzählen."

Ein Abgrund verpasster Chancen tat sich vor mir auf. Fünf Jahre hatte ich im Rügener Parnass verträumt, als Dornröschen unter lauter senilen Zwergen, und mit einem Mal, aber definitiv zu spät, schrillte der Sopran der greisen Puttnitz wie ein 100 000-Watt-Alarmwecker durch die Fluchten meiner Siesta, während Tamara mit leiser Stimme vom Ticken der biologischen Uhr und einem gewissen Mr. Cox sprach, einem irischen Expolizisten und jetzigen Varietékünstler, den sie als Assistentin an die Côte d'Azur und nach Las Vegas begleitet hatte. "Cox kann wirklich zaubern", sagte sie, und als ich aufsah, bemerkte ich, dass alle russische Schwermut aus ihren Augen gewichen war. "Er hat mich einfach neu erfunden."

In der Hasen-Bar war sie gewesen, um ein Dutzend gestreifte Sumatrakaninchen für ein frisch ausgetüfteltes Bravourstück des Magiers zu bestellen. In ein paar Tagen, wenn die langohrigen Gehilfen eingetroffen waren, würden sie Deutschland den Rücken kehren, bis es wieder reif für Wunder sei. Vorher aber gäbe es noch ein besonderes Ereignis zu begehen, und nun schien sie einen Lidschlag lang zu zögern, bevor sie ein strahlendes Lächeln in die Einflugschneise schickte und ihre Hand auf meinen Unterarm legte. "Wir heiraten. Morgen früh, mon ami. Und danach wird gefeiert. Oh, schau mich nicht so an. Ich bitte dich. Du musst einfach kommen."