Seltsam klingt das: Arbeitsplätze verschenken. Arbeitsplätze verschenkt man nicht. Arbeitsplätze werden geschaffen. Oder wegrationalisiert. Trotzdem stimmt der Satz: In Springe, 20 Kilometer südwestlich von Hannover, haben 85 Arbeiter 21 Arbeitsplätze verschenkt.

AEG-Lichttechnik heißt die Firma, ein Splitter des zerbrochenen AEG-Konzerns. Wenn die ersten der 570 Mitarbeiter zur Frühschicht gehen, erhellt ihnen das eigene Produkt den Weg: die Kofferleuchte, Springes Einfluss auf den Rest der Republik. Überall im Land steht die kantige Laterne am Fahrbahnrand. In Springe bauen sie den Klassiker zusammen, schon 25 Jahre.

Das Geschenk kam von Ute Gülmüz, der nun endlich mehr Zeit bleibt für die 13-Jährige Tochter und den Hund; von Gisela Schmid, die eine Operation am Bein hatte und froh ist, dass sie nicht mehr so lange stehen muss; von Karin Puppe, die jetzt 55 ist und sagt, sie wolle gern Jüngeren helfen, Arbeit zu finden. Diese drei und 82 weitere Arbeiter der AEG-Lichttechnik beschlossen, ihre wöchentliche Arbeitszeit von 35 auf 28 Stunden zu verringern - und damit Platz zu schaffen für junge Arbeitslose. Eine simple Rechenaufgabe: Vier Beschäftigte arbeiten 7 Stunden weniger pro Woche, macht 28 Stunden, genau ein neuer Arbeitsplatz mit derselben verkürzten Arbeitszeit. Ökonomen nennen das Umverteilung der Arbeit durch die Umwandlung von Vollzeitarbeitsplätzen in Teilzeitarbeitsplätze. Manche sagen schlicht "der holländische Weg". Seit Jahren schauen deutsche Politiker, Ökonomen und Journalisten auf das Jobwunder in den Niederlanden und nennen gleich das Heilmittel: Teilzeitarbeit. In Holland arbeitet heute jeder dritte Erwerbstätige weniger als 35 Stunden in der Woche, in Deutschland gerade jeder Sechste. Die Arbeitslosenquote liegt in den Niederlanden nach EUKriterien bei rund 4 Prozent, in Deutschland bei etwa 10 Prozent.

Mit der massenweisen Verkürzung der Arbeitszeit scheinen die Holländer eine Antwort auf ein Phänomen gefunden zu haben, das einen etwas sperrigen Namen trägt: "sinkendes Arbeitsvolumen". Es zeigt sich auch in Deutschland, auch bei der AEG-Lichttechnik. Ein paar Meter neben Jens Borcholtes Arbeitsplatz steht eine Maschine, groß wie eine Luxuslimousine. Hebearme und Hydraulikschläuche ragen heraus. Der Apparat klemmt Kabelbäume in Leuchtenfassungen und wird nicht müde dabei. Die Maschine schafft so viel wie fünf Arbeiter, kostet aber weniger. Den Arbeitnehmern, hier und anderswo, entsteht dadurch ein Problem. Seit Jahrzehnten spucken die Fabriken immer mehr Güter aus, seit Jahrzehnten sinkt die Zahl der Arbeiter, die dafür gebraucht werden. Die Maschinen haben mehr Arbeit bekommen, die Menschen weniger. Derzeit sind es rund vier Millionen Menschen, mit denen kein Betrieb und keine Firma so recht etwas anfangen kann.

Warum machen es die Deutschen nicht wie die Holländer? Warum arbeiten sie nicht weniger? An den Tarifparteien liegt es diesmal nicht - bei der Teilzeit gibt es zwischen ihnen keinen Streit. Wenn es beim Bündnis für Arbeit ein Thema gibt, an dem die Verhandlungen mit Sicherheit nicht scheitern werden, ist es die Teilzeitarbeit. Tarifpartner und Bundesregierung sind sich einig: Teilzeitarbeit kann auch in Deutschland Arbeitsplätze schaffen. Auch die Experten - egal, ob vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesanstalt für Arbeit oder von der Unternehmensberatung McKinsey - plädieren für mehr Teilzeit. Gutachten sprechen von 500 000 bis zwei Millionen zusätzlichen Jobs, die durch kürzere Arbeitszeiten entstehen könnten.

Leider trägt die seltene Harmonie kaum Früchte. Anfang der neunziger Jahre betrug die Teilzeitquote in Deutschland 14 Prozent, heute liegt sie gerade mal bei 17 Prozent. Der Arbeitszeitexperte Bernhard Teriet vom IAB schrieb schon 1977 einen Aufsatz über Teilzeitarbeit. "Den könnte ich heute fast unverändert wieder veröffentlichen", sagt er resignierend, "so wenig hat sich getan." Da können die Tarifparteien noch so sehr appellieren - ihre Mitglieder verweigern die Gefolgschaft. Die Beschäftigten wollen nicht weniger arbeiten, die Unternehmen wollen nicht weniger arbeiten lassen. Anders in Springe bei Hannover. Bei der AEG-Lichttechnik stieg der Anteil der Teilzeitmitarbeiter innerhalb weniger Monate um 15 Prozent. Läuft in Springe irgendetwas anders als im übrigen Deutschland?

Darüber kann am besten Jürgen Trotte Auskunft geben. 54 ist er, älter als das Werk. Sein Vollbart ist noch grauer als der Teppich in seinem Büro. 1972 wurde er zum ersten Mal in den Betriebsrat gewählt, seit 1982 ist er dessen Vorsitzender, steht nicht mehr an einer Werkbank, sondern sitzt am Schreibtisch im Betriebsratsbüro. Nur selten kam dort in den vergangenen Jahren mal jemand vorbei, der sich für einen Teilzeitjob interessierte.