Wir können in der Frage des Antisemitismus gar nicht wach genug bleiben. Untilgbar ist die Schuld, die Hitler in das Buch der deutschen Geschichte eingetragen hat. Es mag unbelehrbare und unverantwortliche einzelne geben, die im stillen immer noch einem Rassenwahn anhängen. Hiergegen ist kaum ein Kraut gewachsen. Aber wo auch nur der Anschein besteht, als könne das öffentliche Leben Deutschlands erneut antisemitisch vergiftet werden, da ist schärfste Aufmerksamkeit notwendig. Deshalb ist die Aufklärung der Offenbacher Vorgänge eine Aufgabe von höchster Bedeutung. Weder im Inland noch im Ausland darf ein Zweifel darüber aufkommen, daß wir die sechs Millionen ermordeten Juden nicht vergessen haben, daß wir gewillt und entschlossen sind, jede Ungerechtigkeit gegen jüdische Mitbürger aufs nachdrücklichste zu ahnden. Wir sind das nicht nur den Toten, sondern auch den Lebenden schuldig. Wie könnten wir sonst vor den wenigen Juden bestehen, die dem Massenmord in Deutschland entgangen sind. Und wie könnten wir einem Manne wie Victor Gollancz gegenübertreten, der durch seine souveräne Menschlichkeit unser Volk so tief beschämt hat. Es hat in Nürnberg und in manchen DP-Lagern sicherlich verbitterte, rachsüchtige Menschen gegeben. Das ist nur allzu begreiflich und sollte für niemanden verständlicher sein als gerade für uns. Viel bemerkenswerter ist die Reaktion der vielen Juden, die sich in allen Hilfswerken der Welt für Deutschland einsetzten oder zurückkehrten, um an dem Wiederaufbau ihrer alten Heimat mitzuhelfen.

Diese Rubrik wird betreut von Jeannine Kantara