Eigentlich müsste dieser Roman Der Ekel heißen, aber anders als Jean-Paul Sartre, der den Welt- und Lebensüberdruss seines Helden philosophisch und psychologisch motiviert, lässt Martin Kurbjuhn den Leser mit dem Ekel seiner Hauptfigur allein. Der Erstlingsroman des mit Hörspielen, Erzählungen und Essays hervorgetretenen Autors spielt am Vorabend der Wende in Berlin, als die Schizophrenie des Lebens in der geteilten Stadt ihrem Höhepunkt zutrieb.

Der real existierende Sozialismus der DDR hatte sein Verfallsdatum schon überschritten, aber die West-Berliner "Szene" hielt an ihren Illusionen fest, als ob nichts geschehen sei, weil es sich auf der Schokoladenseite der Mauer herrlich und in Freuden leben ließ. Die am Bonner Subventionstropf hängende Schickeria, die Erich Honecker für einen Humoristen hielt und die DDR-Diktatur witzig fand, war schon damals zur Karikatur degeneriert, und überall dort, wo der Autor das Justemilieu einer herabgewirtschafteten Linken satirisch zu entlarven versucht, wirkt der Roman schal und abgestanden wie saures Bier. Dort aber, wo Kurbjuhn seinem Hang zu Zynismen nicht nachgibt und stattdessen geduldig und präzis erzählt und beschreibt, entsteht ein Stadtroman, wie er im Boom der modisch gestylten Berlin-Literatur seinesgleichen sucht: ein Mosaik flirrender Einzelbeobachtungen, zusammengehalten vom melancholischen Temperament eines arbeitslosen Soziologen, der, anders als Franz Biberkopf oder der Benjaminsche Flaneur, nur noch beziehungslose Bildausschnitte registriert, die mehr aussagen über die B efindlichkeiten der Menschen hier als jedes Bemühen um Objektivität. Als werde über der Stadt "eine alles bedeckende Glasscheibe jeden Augenblick immer wieder mit großer Kraft zerschlagen" - dieser Satz aus Kafkas Amerika gilt auch für Kurbjuhns spröde-sperrigen Roman, der in seinen gelungensten Passagen an die depressiven Großstadtschilderungen von Juan Carlos Onetti erinnert.

Martin Kurbjuhn: Der Mann und die Stadt Roman Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 1999 312 S., 36,- DM