Harald Szeemann reist viel und demonstriert das auch. Jedes Mal, wenn er von einem Trip zurückkommt, fädelt er seinen Gepäckschein zu ungezählten anderen, die wie ein dicker Kebab an einer Regalecke hängen. Er bewahrt die Dokumente seiner Stippvisiten ebenso auf wie Plakate, Kataloge, Broschüren, Konzeptpapiere zu seinen Ausstellungen. Regalwände hat er damit gefüllt, ein ganzes langes Haus. In Tegna, nicht weit von Locarno, betreibt der Schweizer seine "Fabrik für geistige Gastarbeit". Von hier aus jagt er rund um den Globus. Sein jüngst fertig gestelltes Projekt: Weltuntergang & Prinzip Hoffnung im Kunsthaus Zürich, ein Auftragswerk.

Die Idee zum Thema hatte der freischaffende Schriftsteller und Herausgeber Ernst Halter, der zum Ende des Jahrtausends Lust verspürte, in Literatur, Wissenschaft und Kunst eine Untergangsbilanz zu ziehen. Halter sammelte literarische Endvisionen, ein halbes Buch voll. Szeemann übernahm es, für die visionäre Illustrierung von Doomsday zu sorgen, die Apokalypse in Szene zu setzen. Eine Teufelsaufgabe.

Eine Parabel auf die Kunst nennt Harald Szeemann seine Show, die er mit einem Treppenaufgang voller Zitate zum Weltuntergang beginnt. So nähert sich der Gast zögerlich und lesend dem Höllentor, bis ihn Töne von Gimme Shelter oder Atlantis einfangen und schwupp-diwupp per High Fidelity in den imaginierten Untergang hineinlocken. Knallrot die Wände. Frontal Gericaults Floß der Medusa. Bloß eine Kopie, aber die Botschaft ist klar: Da sitzen wir auf den Planken eines Wracks und treiben mit Popmusik in den Ohren auf den Orkus zu.

Aufspüren, einsammeln, inszenieren: keiner, der das besser kann als Ausstellungsmanager Harald Szeemann. Für Zürich ergatterte er vielleicht nicht alles, was er wollte, aber immer noch mehr als genug: ein paar Großkunstwerke von Thomas Hirschhorn, Bruce Nauman, Katharina Sieverding, Jason Rhoades. Drei Kabinette voller Druckgrafik für die stilleren unter den Besuchern, Action mit Katastrophenfilmen für die Hartgesottenen. Und überhaupt alles, was der Weltuntergang kunstgeschichtlich so zu bieten hat: Bosch und Brueghel, stürzende Kolossalbauten, peitschende Wogen und Höllenfeuer. Weltgerichte im Dutzend, wenn nicht im Original, dann als Lichtbild. Sintfluten en gros.

Die Rezeptur für die erfolgreiche Inszenierung einer Maxiausstellung stimmt damit eigentlich. Aber: Das versammelte Unglück packt uns nicht. Die Parade von Erzengel, Sensenmann und Knochengerippe marschiert am Besucher vorbei in den Abgrund. Liegt's an dem eigenwilligen Empfangskomitee von "Katastrophenauslösern", das Harald Szeemann am Eingang postiert? Nero, versteinert zum Marmorkopf, Marx als Plakette, Napoleon und Nietzsche in Öl.

Hitler als kleines Passfoto in einer von Salvadore Dalø gemalten Suppenschüssel. Memorabilien aus einer Abstellkammer des Hades. Und gleich daneben kauern Adam und Eva von Alberto Giacometti. Was stellen sie vor?

Täter oder Opfer?